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Wenn Archäologen den Boden durchforsten, wissen sie meist nie genau, was sie finden. Tausende Jahre alten Funde im Oderbruch-Dorf Eichwerder übertreffen jedoch jegliche Erwartungen. Bereits seit zweieinhalb Jahren wird dort gegraben.

Archäologie
Oderbruch offenbart uralte Besiedlungsspuren

Blandine Wittkopp, freiberufliche Archäologin, mit ihrem Kollegen Oliver Heidekorn, Archäologe, in Eichwerder bei archäolgischen Arbeiten
Blandine Wittkopp, freiberufliche Archäologin, mit ihrem Kollegen Oliver Heidekorn, Archäologe, in Eichwerder bei archäolgischen Arbeiten © Foto: MOZ/Julia Lehmann
dpa / 12.11.2018, 09:48 Uhr
Eichwerder (dpa) Wie im Mittagsschlaf liegt das Oderbruch-Dorf Eichwerder (Märkisch-Oderland) in der Novembersonne. Auf den Gehöften links und rechts der Ortsdurchfahrt ist kein Mensch zu sehen, kein Laut zu hören. Über die Straße ist schon lange niemand mehr gefahren. Längst sollte sie auf 650 Metern Länge erneuert sein. Doch die neue Asphaltfahrbahn endet in nördlichen Drittel des Dorfes.

In zwei Meter tiefen Gräben tummeln sich Archäologen, die vor zweieinhalb Jahren informiert worden waren, nachdem Bauarbeiter „Merkwürdigkeiten“ im Boden entdeckt hatten. „Wir haben ein völlig neues Bodendenkmal gefunden, dass in diesem Umfang niemand hier vermutet hätte“, erzählt die Berliner Grabungsleiterin Blandine Wittkopp.

Wer denke, vor der Trockenlegung des Oderbruchs durch den Preußenkönig Friedrich II im 18. Jahrhundert sei der Landstrich nicht besiedelt gewesen, der irre gewaltig, erklärt die 52-jährige Fachfrau. Die Altertumsforscher haben nicht nur ein Kindergrab aus der Steinzeit entdeckt, mit teils noch erhaltenen Knochen sowie Grabbeigaben wie einem Tonbecher, einer Steinaxt und einem Sortiment an Pfeilspitzen.

Sie fanden auch die Reste von etwa 25 Öfen aus der Eisenzeit, also rund 2 500 Jahre alte Siedlungsspuren. Sie waren aufgereiht, bestanden aus Lehm und Stein, dienten nach Erkenntnissen der Archäologen dem Brennen von Töpferwaren, zur Herstellung von Holzkohle oder als Schmiede für Metall. In dieser Anzahl und Anordnung habe sie so etwas noch nie gesehen, unterstreicht Wittkopp die Bedeutsamkeit der insgesamt rund 1500 Fundstellen.

Enrico Lemke hat eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Er ist Bauüberwacher des Landesbetriebs Straßenwesen. „Eichwerder war 2016 als Kurzbaustelle für wenige Monate gedacht. Inzwischen sind die Archäologen das Teuerste an der ganzen Baustelle“, sagt Lemke. Auf rund 1,5 Millionen Euro schätzt er die Kosten allein für die Archäologen. „Das zahlt alles der Steuerzahler. Den Nutzen aber sehe ich nicht so recht.“

Die rund 70 000 Einzelfunde kommen ins Magazin des Archäologischen Landesmuseums, die Gräben werden wieder geschlossen. Der Bauüberwacher ist nur froh, dass es trotz der langen Verzögerung keinen Stress mit den Anwohnern gibt.

In dem 300-Seelen-Dorf sind die Meinungen angesichts der seit Jahren dauernden Arbeiten geteilt, wie Ortsvorsteherin Jutta Werbelow (SPD) berichtet. „Die Ureinwohner unter uns bleiben gelassen. Seit 20 Jahren haben sie auf die Erneuerung der alten Kopfsteinpflaster-Trasse gewartet, da kommt es nun auf ein paar Monate mehr oder weniger nicht an“, erzählt sie. Zudem sei es in dem vom Durchgangsverkehr geplagten Dorf jetzt ruhig und idyllisch.

Ungeduldiger verhalten sich ihren Beobachtungen nach vor allem Zugezogene, auch wenn sie nichts ändern könnten. „Die Leidtragenden sind aber die Bewohner umliegender Orte. Denn die offizielle, weiträumige Umleitung fährt so gut wie niemand, der sich auskennt“, macht die Eichwerderaner Ortschefin deutlich. Auch sie ärgert sich darüber. Denn die nun als Schleichwege selbst von großen Transportern und Landmaschinen genutzten Nebenstraßen seien nicht grundhaft ausgebaut, für so viel Verkehr nicht belastbar und würden nun regelrecht kaputt gefahren.

Doch das Interesse in der Region an den Ausgrabungen sei groß, sagt Werbelow. Die Archäologen hätten bereits mehrere Vorträge gehalten. „Da gibt es seltsame Geschichten, zum Beispiel von einem mutmaßlichen Salzsee“, erzählt die Ortsvorsteherin. Von diesem Gewässer hätten die Archäologen tatsächlich Reste entdeckt, bestätigt Grabungsleiterin Wittkopp. Diese mit Solewasser gefüllte Vertiefung, einst „Schneesee“ genannt, würde auch einen der Ofenfunde erklären, dessen Lehmwände mit einer dicken Salzkruste beschichtet waren. „In dem Ofen könnte Solewasser in Pfannen so lange verdampft worden seien, bis nur noch Salz übrig blieb, das als Würze und zum Haltbarmachen von Lebensmitteln verwendet wurde“, erläutert Wittkopp.

Mit dem Fortgang der Grabungen an der Straßentrasse ist das Ortsausgangsschild von Eichwerder mittlerweile nur noch etwa 100 Meter entfernt. So lange das Wetter mitspielt, wird weiter geforscht. „Wir schaffen im Monat etwa sechs Meter zu untersuchen“, sagt die Archäologin. Und auf dem Reststück gebe es noch einiges zu entdecken, hatten Suchgrabungen ergeben. „Es gibt Anzeichen für eine slawische Besiedlung, wir rechnen mit weiteren Entdeckungen“, deutet Wittkopp an. Bauüberwacher Lemke hofft dennoch, dass die Bodenforscher ihre Arbeit spätestens im nächsten Frühjahr beenden. „Wir wollen 2019 endlich mit der Ortsdurchfahrt Eichwerder fertig werden.“

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