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Roland Lipke aus Kunow hat den Stammbaum seiner Familie erforscht, er reicht viele Generationen zurück

Historie
Ein Bauernhaus mit Geschichte

Mehrere Generationen vor dem Stammhaus in Kunow: Sie sind alle Lipkes – Peggy mit ihrer neunjährigen Tochter Mia-Charlott, Norbert, Ilona, Sigrid und Roland (v. l.). Nicht alle Lipkes konnten für den Fototermin erreicht werden. Sie waren arbeiten oder verreist.
Mehrere Generationen vor dem Stammhaus in Kunow: Sie sind alle Lipkes – Peggy mit ihrer neunjährigen Tochter Mia-Charlott, Norbert, Ilona, Sigrid und Roland (v. l.). Nicht alle Lipkes konnten für den Fototermin erreicht werden. Sie waren arbeiten oder verreist. © Foto: Oliver Voigt
Eva-Martina Weyer / 16.11.2018, 05:45 Uhr
Kunow (MOZ) Geschwister, Cousins, Tanten und Neffen – in der Großfamilie Lipke aus Kunow hat Roland Lipke den Überblick. Er ist unter die Ahnenforscher gegangen und hat einen Stammbaum aufgezeichnet. Der reicht bis zum Cossäthen Christian Lübcke im Jahr 1718 zurück.

Eines Tages hat Roland Lipke aus Kunow festgestellt: Wir sind ja viele Lipkes, die hier wohnen und nicht weg wollen. Ungefähr 40 Mitglieder, die aus der Lipke-Linie hervorgehen, leben noch. „Wenn wir uns zum Beispiel zu Geburtstagsfeiern treffen, kommt nur ein engerer Kreis, sonst würde das ausarten“, lacht Ilona Lipke.

Weil die Familie so groß ist, hat sich Roland vor sechs Jahren an die Ahnenforschung gemacht. Er hat Bücher gewälzt und in Kirchenurkunden geblättert. „Es macht Spaß, zu wissen, wo man herkommt“, sagt er und streicht eine riesige weiße Pappe glatt. Darauf hat er den Stammbaum mit seinen Verzweigungen, Haupt- und Nebenlinien gemalt.

Seine anfänglich kleine Skizze ist immer größer geworden. Zuerst hatte er den Stammbaum aus sechs DIN-A4-Seiten zusammengeklebt. Geburts- und Todesdaten, Hochzeiten, Kinder – alles ist akribisch genau festgehalten. Roland Lipke hat herausgefunden, dass ihr Urahn derCossäth Christian Lübcke ist. Der kam um 1718 zur Welt. Cossäthen waren Bauern mit geringem Landbesitz, die auch für den Gutsherrn arbeiten mussten.

Von Christian stammtJulius Lipke ab, der 1864 geboren wurde. „Die Schreibweise unseres Familiennamens hat sich in den Kirchenbüchern von Kunow immer wieder geändert“, hatRoland Lipke festgestellt. „Das passierte anscheinend je nach Geschmack dessen, der die Eintragung vorgenommen hat.“ Aus dieser Linie von Julius Lipke wohnen noch fünf Familien in eigenen Häusern mit dazugehörigen Gehöften in Kunow und im nahen Niederfelde.Das älteste Familienmitglied ist 88 Jahre alt, das jüngste ist der neun Wochen alte Theo. „Unser Stammbaum ist eigentlich nie fertig, gerade ist ja Theo dazu gekommen“, schmunzeltRoland Lipke. Er überlegt, wie er den kleinen Theo auf der bereits voll beschriebenen großen Pappe unterbringen kann.

Norbert Lipke beugt sich über das weiße Blatt und schaut sich den Stammbaum mit der sauberen Handschrift seines Großcousins an. „Wer kann schon nachweisen, dass seine Vorfahren seit 300 Jahren in Kirchenbüchern auftauchen. Das zu erforschen und aufzuschreiben ist doch eine wahnsinnige Fummelarbeit“, sagt er anerkennend. Die Geschichte des Stammbaums ist auch die Geschichte desDorfes.

Das schmucke gelbe Haus in der Kunower Dorfstraße 26 ist das Elternhaus von Norbert Lipke und Sigrid, die jetztBöhlke heißt. Von diesem Haus ist alles ausgegangen. In der Nähe steht die wunderschöne Dorfkirche. Hier gruppierten sich einst Schule, Schmiede, Gaststätte und das Kolonialwarengeschäft. Enten und Gänse haben auf der Straße gegrast und sind zum Teich gegenüber gewatschelt. In den Ställen stand das Vieh, oben im Scheunenboden wurde Tabak zum Trocknen aufgehangen.

1945 sind alle Lipkes auf den Treck gegangen, „weil der Russe auf der anderen Oderseite stand und geschossen hat.“ In der Nachkkriegszeit hat das Bauernhaus mit der heutigen Nummer 26 viele Flüchtlinge aufgenommen.

Kunow ist seit den 1990er Jahren ein Ortsteil von Schwedt. Vor 60 Jahren war Kunow Mittelpunkt für die umliegenden Dörfer. „Alles, was man zum Leben brauchte, konnte man hier kaufen für Haushalt und Landwirtschaft – vom Zucker bis zur Forke. Wir hatten zwei Schuster, und der Bäcker hat die Kuchenbleche unserer Mütter in seinen Ofen geschoben“, erinnert sich Roland Lipke an Kindertage.

Eine schlimme Zeit sei die Kollektivierung der Landwirtschaft gewesen. „Meine Oma stand im Hoftor und hat sich mit dem Saum ihrer Schürze die Tränen abgewischt, als Kühe, Pferde und Geräte weggeführt wurden“, sagt Lipke. „Am Abend war es totenstill auf dem Hof. Es war eine Zeit, wo man als Kind Probleme hatte, die Ereignisse zu verarbeiten.“

Alle bis 1958 geborenen Familienmitglieder der Lipkes sind in Kunow mit der plattdeutschen Sprache aufgewachsen. Sie haben erst ab der 1. Klasse Hochdeutsch gelernt und sprechen bis zum heutigen Tage untereinander Platt, wenn sie zum Beispiel Geburtstag feiern. Peggy, die heute in Schwedt wohnt und in einer Arztpraxis arbeitet, kann Platt verstehen, aber nicht sprechen. Roland wohnt in Vierraden und versichert: „Ich bleibe trotzdem immer Kunower.“

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