Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Handgemachtes wird zur brotlosen Kunst und verschwindet. Im Oderbruch ernährte etwa das Korbmachen über Jahrhunderte viele Familien. Heute beherrscht dort nur noch eine Meisterin das kunstvolle Flechten, das inzwischen zum Kulturerbe fürs Museum geworden ist.

Ohne Nachfolger
Traditionshandwerk stirbt aus

Das traditionelle Handwerk findet kaum Nachwuchs: Korbmachermeisterin Thea Müller repariert in ihrer Werkstatt im Kundenauftrag einen Stuhl mit Rattangeflecht. Das Korbmacherhandwerk hat auch im Oderbruch eine lange Tradition, mit der es nun allerdings zu Ende geht.
Das traditionelle Handwerk findet kaum Nachwuchs: Korbmachermeisterin Thea Müller repariert in ihrer Werkstatt im Kundenauftrag einen Stuhl mit Rattangeflecht. Das Korbmacherhandwerk hat auch im Oderbruch eine lange Tradition, mit der es nun allerdings zu Ende geht. © Foto: dpa/Patrick Pleul
dpa / 27.11.2018, 10:23 Uhr - Aktualisiert 27.11.2018, 10:50
Buschdorf (dpa) Routiniert fischt Thea Müller in ihrer Werkstatt in Buschdorf (Märkisch-Oderland) gespaltene Weidenzweige aus einem Wassertrog, um sie geschickt in den bereits begonnenen Korb zu flechten. Während sie die biegsamen Ruten ineinander schlingt, fährt sie immer wieder mit einem feuchten Lappen darüber. Schon beim Zuschauen wird klar: Diese Arbeit ist mühsam und körperlich anstrengend.

Korbmachermeisterin Müller macht sie seit 35 Jahren, als letzte in diesem Gewerk im Oderbruch. Sie ist sich dessen bewusst, dass das Korbmachen, von dem einst ganze Dörfer der Region leben konnten, inzwischen eine aussterbende Zunft ist. „Kein Jugendlicher interessiert sich dafür. Einen Lehrling hatte ich noch nie und könnte ihn mir auch nicht leisten“, sagt die 57-Jährige. Aufgrund der Billigkonkurrenz vor allem aus Asien, aber auch aus Osteuropa könne sie für ihre Korbwaren nie Preise verlangen, die der aufwendigen Anfertigung gerecht werden.

„Geflochten wird überall auf der Welt. Nicht umsonst gilt das Korbmachen als ältestes Handwerk überhaupt“, sagt Müller und führt durch ihr vor Jahren angelegtes Korbmachermuseum. Rund 2000 Einzelstücke aus Stroh, Binsengras, Palmenblatt, Maisstroh oder Kiefernwurzel illustrieren die Kunst der Wickelwulst- und Spiralwulsttechnik in Handarbeit sowie die Vielseitigkeit der Erzeugnisse: Schuhe, Handtaschen, Möbel, Spielzeug und Gefäße.

„Bisher gibt es keine Maschinen, die das können. Doch leben kann man davon eigentlich nicht“, sagt Müller. Bereut hat sie die Entscheidung, Korbmacherin zu werden, dennoch nicht. Sie liebt ihren Beruf einfach. Da kaum noch neue Körbe gekauft werden, hält sich die Handwerksmeisterin mit der Restaurierung des Flechtwerkes in Stühlen und anderen Möbeln über Wasser.

Doch bevor sie sich daran machen kann, beginnt zunächst die Aufbereitung des Materials. Müller hat sich dafür eine eigene Weidenplantage angelegt, wo die Ruten im Frühjahr geerntet werden, noch bevor der Saft wieder in den Baum schießt. Dann müssen sie gekocht, geschält sowie auf der Spalt- und Hobelmaschine zurechtgeschnitten werden. Vom Schneiden bis zum Flechten dauert es ein halbes Jahr.

Ausgebildet werden Korbmacher heute unter der neuen Berufsbezeichnung Flechtwerkgestalter in Deutschlands einziger Staatlicher Korbmacherschule im bayrischen Lichtenfels. „Früher waren die Plätze dort heiß begehrt, jetzt werden auch Quereinsteiger und sogar Rentner angenommen“, erzählt Müller, die sich auch in der Verpflichtung der Traditionspflege sieht.

Preußenkönig Friedrich II. hatte mit der Trockenlegung des Oderbruchs vor fast 300 Jahren dort eine eigene Weidenkultur anlegen lassen, die noch heute charakteristisch für den Landstrich ist. Die Ruten der Bäume wurden zu Faschinen - zusammengeschnürten Bündeln - geflochten, um damit Deiche bei Hochwasser zu verstärken. „Durch die Ansiedlung von Kolonisten wurden mehr Korbwaren gebraucht – vom Flechtzaun bis zum Kinderwagen entwickelte sich ein regionaltypisches Handwerk, das heute zum Kulturerbe des Oderbruchs gehört“, erzählt Kenneth Anders vom Oderbruchmuseum Altranft. Es unterstützt die Müllersche Korbmachersammlung, um die Erinnerung an dieses aussterbende Handwerk wach zu halten.

Die Handwerkskammer Frankfurt (Oder) listet über 60 Berufe auf, die bereits verschwunden sind oder demnächst aussterben werden. Neben Korbmachern gehören dazu beispielsweise auch Buchbinder, Seiler, Kürschner, Schuhmacher und Instrumentenbauer. „Die Nachfrage nach Handwerksqualität steigt erst seit ein, zwei Jahren wieder. Bis dahin wurde sie von Importen und industrieller Fertigung verdrängt“, nennt Hauptgeschäftsführer Uwe Hoppe Ursachen. Dadurch hätten traditionelle Handwerker ihren Betrieb eingestellt, nicht mehr ausgebildet oder keinen Nachfolger gefunden. „Nur als schützenswertes Kulturgut, wie beispielsweise Korbmacher, reicht es nicht zum Überleben“, macht er deutlich.

Viele Berufsbilder hätten sich aber auch gewandelt, vor allem durch neue Technologien, ergänzt Frank Ecker, Abteilungsleiter Recht bei der Frankfurter Handwerkskammer. „Sämtliche Gesundheitsberufe wie Optiker, Zahntechniker oder Orthopädietechniker blühen dadurch auf.“ Andere wie das Kürschnerhandwerk scheitern laut Ecker an dem wachsenden Stellenwert des Tierschutzes. Und Berufe wie Kostümbildner oder Kulissenbauer zählen heute zu den Künstlern.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG