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Nach Unfall
Kampf zurück ins Leben

Demonstration: Mit ihrem höhenverstellbaren Rollstuhl kann  Soraya Krohn ihren Chef, Dr. Eckhard Becker, mit der Spaltlampe untersuchen.
Demonstration: Mit ihrem höhenverstellbaren Rollstuhl kann  Soraya Krohn ihren Chef, Dr. Eckhard Becker, mit der Spaltlampe untersuchen. © Foto: Burkhard Keeve
Burkhard Keeve / 09.12.2018, 09:15 Uhr
Oranienburg (MOZ) Unter der Hose zeichnen sich die bewegungslosen dünnen Beine von Soraya Krohn ab. Von der Hüfte an abwärts ist sie gelähmt. „Ab dem unteren Lendenwirbel 1“, sagt sie. Seit einem Unfall vor vier Jahren sitzt die heute 31-Jährige im Rollstuhl.

Mitten im Studium sorgte das Schicksal für eine radikale Kehrtwende in ihrem Leben. Doch sie kämpfte sich zurück. Eineinhalb Jahre dauerte ihr Krankenhausaufenthalt und die Reha, bevor sie zu Ende studieren konnte. Heute ist sie Assistenzärztin in der Oranienburger Augentagesklinik und glücklich, im Team von Dr. Eckhard Becker zu sein. Den Weg dahin ebnete ihr auch die Oranienburger Arbeitsagentur. Doch in erster Linie hat sie es ihrem starker Willen zu verdanken und der Unvoreingenommenheit gegenüber Schwerbehinderten ihres heutigen Arbeitgebers, dass sie seit Februar Menschen mit Augenproblemen behandelt.

Auf der Suche nach einem Job als Assistenzärztin hat sie ganz andere Erfahrungen gesammelt. Mit einem abgeschlossenen Staatsexamen der Medizin in der Tasche lernte sie die Kehrseite einer offenen Gesellschaft kennen, die Inklusion predigt, aber Ausgrenzung praktiziert. Mehr als ein halbes Jahr suchte und bewarb sie sich in Berlin erfolglos.

„Natürlich habe ich immer angegeben, dass ich im Rollstuhl sitze“, sagt Dr. Soraya Krohn. Das bremste die Bereitschaft der Arbeitgeber offensichtlich aus, sie zum Bewerbungsgespräch einzuladen. Es hagelte Absagen.  Selbst eine gegebene Zusage zum Gespräch in der Berliner Charité sei „ohne erklärbaren Grund“, so ihr heutiger Chef, widerrufen worden. Das sei ein „unhaltbarer Vorgang“, so Becker.

Gerade das Schicksal und ihre Qualifikationen haben Dr. Eckhard Becker bewogen, Soraya Krohn auch einzuladen, nachdem sie sich bei ihm in Oranienburg beworben hatte. Für ihn sei es eine Art Verpflichtung gewesen, etwas von seinem beruflichen Erfolg weiterzugeben. Auf staatliche Hilfe hatte er es nicht abgesehen. „Von einer Unterstützung durch das Arbeitsamt habe ich da noch nichts gewusst. Die fiel dann allerdings großzügig aus“, sagt Becker. Allein der Umbau zu automatischen Eingangstüren habe 25 000 Euro gekostet, die die Agentur übernommen habe. Zudem gab es Zuschüsse für einen behindertengerechten Arbeitsplatz.

Soraya Krohn zeigt, wie hoch sich ihr Arbeitsrollstuhl verstellen lässt, und lächelt. So kommt sie ohne Schwierigkeiten an die Untersuchungsgeräte, um ihren Patienten mit der Spaltlampe tief in die Augen zu schauen. Diese begegnen der Ärztin im Rollstuhl „durchweg positiv. Ich habe noch keine negative Reaktion erhalten. Im Gegenteil. Sie finden es toll, dass ich hier arbeite“, sagt Soraya Krohn. Einen heilsamen Nebeneffekt sieht ihr Chef noch. Beim Anblick der schwerbehinderten Ärztin blieben einige Patienten mit „Bagatell-Beschwerden die eigenen Problemchen im Halse stecken“, so Dr. Becker.

Knapp 30 Mitarbeiter, darunter neun Ärzte, sind in der Oranienburger Augentagesklinik beschäftigt. „Ich fühle mich sehr wohl in dem Team“, sagt Soraya Krohn. Sie will hier ihre Facharzt­ausbildung in der Augenheilkunde abschließen.

Hintergrund

■ 426 schwerbehinderte Menschen in Oberhavel waren im November 2018 arbeitslos gemeldet.Zwei Drittel davon sind 45 Jahre und älter.

■126 von ihnen sind ohne Berufsausbildung. Doch 269 haben eine Ausbildung, 30 sogar einen akademischen Abschluss.

■Im Gegensatz zum Fall von Soraya Krohn, die mit 27 Jahren einen Unfall hatte, resultiert eine Schwerbehinderung bei den arbeitslosen Betroffenen oft aus einer im Laufe des Lebens erworbenen Krankheit.

■Menschen mit einer Schwerbehinderung haben im Job besondere Rechte: fünf Tage zusätzlicher Urlaub, erhöhter Kündigungsschutz und das Recht, Überstunden zu verweigern.

■Was heißt eigentlich „behindert“? Die meisten denken dabei an Menschen im Rollstuhl oder mit einer geistigen Behinderung. Doch auch eine überstandene Krebserkrankung, Diabetes, Rheuma, Depressionen, Tinnitus oder eine schwere Akne können Grund für eine Behinderung sein.

■ Das Schwerbehindertengesetz definiert den Begriff so: Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist.⇥(bu)

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