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Zuzug – nervend und doch chancenreich

Drang aus Berlin ins Umland: Szenenspiel der Studenten, die für ihre provokant-witzige Darbietung viel Beifall bekamen.
Drang aus Berlin ins Umland: Szenenspiel der Studenten, die für ihre provokant-witzige Darbietung viel Beifall bekamen. © Foto: Thomas Berger
Thomas Berger / 12.12.2018, 08:30 Uhr
Buckow Dem Anspruch, kommunalpolitische Debatten zu befördern, ist auch die letzte „Bürgerbühne“ des Jahres 2018 gerecht geworden. Diesmal stand im Buckower Begegnungscafé „lokal.“ das Thema Zuzug und demografischer Wandel im Fokus.

Das Veranstaltungsformat ist inzwischen gut erprobt: Erst mit den Mitteln des Theaters ein oft sehr provokanter szenischer Einstieg, der in manchen Überspitzungen bewusst auf Widerspruch setzt. Ein oder mehrere Experten im Raum, die das Abendthema mit einigen harten Fakten und Hintergründen unterfüttern. Und schließlich die breite Diskussion, in der ein Zeitwächter im Auge behält, dass möglichst niemand (außer den Experten) über zwei Minuten am Stück redet. Üblicherweise kommt dabei auch die Einstiegsszene von örtlichen Mitstreitern. Zum Ausklang 2018 wurde damit gebrochen: Ein Dutzend Studenten von „Bürgerbühne“-Erfinderin Carolin Schönwald aus dem Seminar an der Evangelischen Hochschule lieferten diesmal den Impuls. Da wurde gezeigt, wie sich die Großstädter aus Berlin aus unterschiedlichen Gründen auf den Weg ins Umland machen. „Das ist jetzt mein Prenzelberg, ihr passt hier nicht mehr rein, verschwindet endlich“, hieß es da an einer Stelle zu denen, die aus Szenebezirken vertrieben werden. Und auch die Neuankömmlinge in der Märkischen Schweiz wurden karikiert. „Euer Brecht-Haus, das kauf ich!“, verkündet eine Betuchte, während sich eine Mutter freut, dass ihre Kinder an der Buckower Schule „endlich Zucht und Ordnung“ lernen.

„Zuzug fördern, Yuppisierung vermeiden!“ war die generelle Schlagzeile des abendlichen Austauschs. In der Tat bleibe man wegen des anhaltenden natürlichen Rückgangs der Bevölkerung im Amtsbereich wie im ganzen Landkreis auf Neubürger angewiesen, betonte Uwe Salabarria, als Planer im Wirtschaftsamt der Kreisverwaltung an der Schnittstelle zu den kommunalen Leitplanungen wie auch zur Landesplanung tätig. „Fläche ist eine kostbare Ressource“, mahnte er in seinem Kurzvortrag an, bei dem er auf die Zahlen des Zensus 2011 und die neuesten Schätzungen zur Bevölkerungsentwicklung bis 2030 verwies (siehe Kasten). Das komplexe Zahlenwerk, zum Teil noch extra aufgeschlüsselt nach Altersgruppen, stehe im Geoportal öffentlich nachschlagbar online. Der Experte machte aber auch deutlich, dass die „großen Zuzugs-Trecks“, die man in der Vergangenheit gesehen habe, vorbei seien. Und dass verstärkt Neubürger kämen, „deren Familienplanung schon abgeschlossen ist“. Breitbandausbau sei extrem wichtig und Lebensqualität, die Standortattraktivität ausmache.

Amtsdirektor Marco Böttche untersetzte dies unter Hinweis auf Prozesse der Landesplanung. 2006 sei das gemeinsame Leitbild der Hauptstadtregion von Brandenburg und Berlin, 2009 der Landesentwicklungsplan beschlossen worden. Auswirkungen auf die Märkische Schweiz habe ganz aktuell beispielsweise die Verlängerung der Ostbahn bis nach Ostkreuz. Migration bleibe eine ergänzende Chance, Fachkräftemangel eine Herausforderung. Und mehr Jugendbeteiligung, ab 2019 gesetzlich fixiert, bleibe in der Umsetzung an der Basis äußerst schwierig, wenn ältere Schüler tagsüber gar nicht im Heimatort anwesend seien.

Vorrangig von Chancen, auch im ideenreichen Miteinander von Zuzüglern und Alteingesessenen, sprach Julia Paaß aus Prädikow, die dort an vorderster Front ins genossenschaftlich-innovative Großprojekt Wohnen und Gewerbe auf dem alten Gutshof eingebunden ist. Die etwa 60 aus Berlin Stammenden, die sich da ins Zeug legen, hätten von Anbeginn engen Kontakt zur etablierten Dorfgemeinschaft gesucht.

Vom Bedarf an Sozialwohnungsbau, preisgünstigem Wohnraum gerade für junge Familien, sprach in der Debatte Gerhard Richter, Linken-Stadtverordneter in Buckow. Seine SPD-Kollegin Melitta Schubert, seit 30 Jahren in der Kommunalpolitik aktiv, warb dafür, die Chancen im Tagestourismus weiter auszubauen. Wichtig seien Pläne für das Haus am Abendrothsee, bevor der Stadt wie beim Fontane-Bettenhaus Gestaltungsmöglichkeiten verloren gingen. Auch Jugendarbeits-Veteran Jürgen Brauns sieht im Bereich Tourismus und gerade überörtlicher Kooperation Nachholbedarf, während Sohn Fabian anmerkte, dass sich die in Gastronomie und Fremdenverkehr Tätigen auch das Wohnen in Buckow müssten leisten können.

Bevölkerungsentwicklung in Kreis und Amt

■ Mit einem Nettozuwachs von 4,4 Prozent liegt der Amtsbereich Märkische Schweiz in der Bevölkerungsentwicklung 2011/12 bis 2018 über dem des Landkreises (3,4 Prozent). Doch während Oberbarnim und Rehfelde um elf bis zwölf Prozentpunkte zulegen können, gibt es in Buckow, Waldsieversdorf und Garzau-Garzin ein Minus.

■ Beim sogenannten Billiter-Maß, welches das Altern der Bevölkerung beschreibt, liegt insbesondere die Stadt Buckow mit einem Minuswert von 1,37 in einer Kategorie mit dem südlichen Oderbruch. Der Kreisdurchschnitt liegt bei 1,08.

■ Während der Berliner Rand im Zeitraum 2017–2030 geschützt um 2,7 Prozent zulegen wird, sind die Bevölkerungsrückgänge in Letschin, Müncheberg und Bad Freienwalde mit 10,1 bis über 16 Prozent besonders dramatisch. Das Amt liegt da im Mittelbereich.

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