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Handwerk
Der Meister am Wendepunkt

Margrit Meier / 14.12.2018, 08:00 Uhr
Neuenhagen bei Berlin (MOZ) Uhrmachermeister Zucker kennt (fast) jeder in Neuenhagen. Nicht von ungefähr, gehört doch sein Fachgeschäft seit 36 Jahren in das Ortszentrum der Gemeinde. Doch nun steht der 64-Jährige kurz vor der Rente, sucht einen Nachfolger.

Die Geschichte wiederholt sich, wenn auch nicht immer in allen Details. Der alte Uhrmachermeister, der in der Ernst-Thälmann-Straße sein Geschäft hatte, wollte sich, so sprach es sich herum, zur Ruhe setzen. Das war 1982. Mitten in tiefster DDR-Zeit tauchte bei ihm Uhrmachermeister Joachim Zucker auf, Lehrmeister im Ruhlaer Uhrenkombinat, Außenstelle Berlin, Reparaturabteilung. „Ich wollte unbedingt ein eigenes Geschäft“, erinnert sich der 64-Jährige, der schon als kleiner Junge an Uhren gern handwerkelte. Nicht hochbetagt ist Zucker heute, aber dennoch an einem Wendepunkt in seinem Leben. Denn nun ist er es, der sich zur Ruhe setzen möchte. In einem Jahr soll es soweit sein. Bis dahin sucht der sympathische Mann jemanden, der sein Geschäft übernimmt.

Das wird vermutlich nicht einfacher gehen als vor 36 Jahren. Heute jedoch mit anderen Hürden. „Ich brauchte damals eine Gewerbeerlaubnis, um einen Gewerberaum anmieten zu dürfen. Einen Gewerberaum bekam nur, wer ein Gewerbe hatte. Das war alles ziemlich umständlich. Aber ich hatte Glück. Die Räume meines Vorgängers befanden sich in einem Privathaus und die Vermieterin stimmte zu“, erinnert sich der zweifache Vater und Großvater. Auch daran, dass er als Lehrmeister bereits im April kündigen musste, um ab 1. September 1982 sein eigenes Geschäft eröffnen zu können. Was bedeutete, dass er mehrere Monate kein Gehalt bekam. Aus dieser Zeit hat er gelernt: „Man kann alles schaffen, wenn man möchte“, sagt er. Seine Frau Melitta habe ihm damals – und mache das bis heute – den Rücken gestärkt, den eigenen Weg zu gehen. Dankbarkeit hört man aus diesen Sätzen. Fünf Jahre blieb Zucker in der Ernst-Thälmann-Straße, wechselte dann in die Hauptstraße 12–14, bekam mit der Wende die Kündigung, musste sich was Neues suchen und übernahm den HO delikat-Laden in der Hauptstraße 23, in dem sich heute noch sein Geschäft befindet.

Dort hat er ein altes Handwerksschild aufgehängt, das ihn schon als Lehrling fasziniert hat: Die Maschine wird ihn nie ersetzen, heißt es da. Wer dem 64-Jährigen zuhört, dem wird rasch klar, wie viel Wahres da dran ist. Denn, Uhren können noch so raffiniert daherkommen, es braucht immer einen Fachmann, der sie im Notfall wieder zum Laufen bringt, das Armband, die Batterie wechselt. Nicht von ungefähr gibt es mittlerweile wieder Wartezeiten, wann der Uhrmachermeister sich um die großen, stehenden Patienten kümmert, während die Kleinen, also Taschen- und Armbanduhren, meist rascher repariert werden können.

Seit 1979 ist Joachim Zucker ein Meister seines Handwerks und hat sein Wissen über Jahrzehnte weitergegeben. Zunächst als Lehrmeister. Dort, wo er einst selbst in Berlin gelernt hat. Und bis heute als stets weiter lernendes Team mit seinen Mitarbeiterinnen Kerstin Schulz und Henriette Bokemeyer. Als er sich selbstständig machte und Unterstützung brauchte, fragte er die beiden Frauen, die er selbst einst ausgebildet hat und deshalb gut wusste, was die beiden können, ob sie bei ihm arbeiten wollen. „In den vielen Jahren, in denen wir zusammen arbeiten, sind sie mittlerweile meisterlich zugange, ohne die Meisterprüfung abgelegt zu haben“, lobt er. Und hofft natürlich, dass derjenige, der sein Fachgeschäft übernimmt, diesen Schatz erkennt und auch die Frauen weiter beschäftigt. Gemeinsam haben sie das finanzielle Auf und Ab nach der Wende überstanden. Die Zeiten, als alle erst einmal auf der Suche waren, viele arbeitslos wurden und das Weihnachtsfest 40 Prozent des Jahresumsatzes brachte. Da haben er und sein Team im Laufe der Jahre einen wohltuenden Wandel bemerkt. „Viele Menschen haben verstanden, dass eine Uhr einen Wert hat. Und preiswert kaufen oft bedeutet, doppelt zu kaufen. Vieles wird wieder zum Reparieren gebracht. Wir verspüren eine Abkehr von der Wegwerfgesellschaft hin zur Wertebesinnung“, sagt der Uhrmachermeister. Klar macht sich auch bei ihm bemerkbar, dass viele übers Internet ordern. „Doch eines kann das Internet nicht: Den Service bieten, den wir hier haben“, bemerkt der Meister stolz. Doch auch Sorgen bereitet ihm das Ganze. Die Branche ist überaltert, es gibt kaum noch Graveure, Goldschmiede, Steinfasser. Viele seiner Kollegen, denen er etwa Schmuckstücke zum Reparieren schickt, sind weit über die 70.

Waren vor Jahren noch Ausbildungsplätze rar, mangelt es nun an Lehrlingen. Und noch etwas ist ihm aufgefallen: Zu DDR-Zeiten musste man anderthalb Jahre Vorlauf in Kauf nehmen, bis der Uhrmachermeister Zeit hatte, den Regulator oder die Standuhr zu reparieren. Heute ist es ein halbes bis ein dreiviertel Jahr. Das Gros des Umsatzes kommt über die Reparaturen.

Die, so betont der Berliner noch einmal, können seine Mitarbeiterinnen meisterlich erledigen. Ob groß oder klein, die Mechanik sei immer die Gleiche. So wäre es im optimalen Fall ein Uhrmachermeister, der sein Geschäft übernehme, es könnte aber auch ein angehender Meister sein, oder gar ein Quereinsteiger, der Ahnung von Betriebswirtschaft hat. „Meine Kolleginnen haben so viel Erfahrung, die können gut die Werkstatt allein aufrechterhalten, wollen aber leider nicht das Geschäft führen“, bedauert er.

Wenn er so auf die vergangenen Jahrzehnte schaut, dann fallen ihm so manche Dinge ein. Etwa das Brautpaar, das bestohlen wurde. „Da haben wir die beiden mit Ehering-Dummys für die Fotos ausgestattet“, erinnert sich der Mann, den man nicht zum Uhrmachermeister ausbilden wollte, weil er eine Brille trägt.

Zucker erzählt, wie der Trend im Laufe der Jahre von Goldschmuck zu silberfarbenem vollzogen wurde. Ganz hoch im Kurs stehen Titan und Stahl beim Schmuck, Edelstahl bei den Uhren. Heute tragen Damen Armbanduhren in Herrengröße. Auch Bernstein ist wieder im Kommen. Der Hit bei Zucker: Er hat Grünen aus der Karibik. Und schwedischen Glasschmuck. Den hat er Tochter Grit, die mit im Geschäft arbeitet, zu verdanken. Sie verbrachte einige Zeit in Skandinavien und steckte die Familie mit ihrer Affinität für den Norden an, wo die wiederum die Manufaktur entdeckte.

„Ich habe in meinen Warenbestand immer nur so viel investiert, was ich auch bezahlen konnte und nicht durch Kredite gedeckt“, sagt der bescheidene Mann. Und diese Vorsorge von damals behält er sich bis heute. Sucht jetzt schon einen Nachfolger für den 1. Januar 2020. Für sich und hoffentlich auch seine Mitarbeiterinnen.

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