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Rätselhafte Geschäfte
Die Spur der Braunkopfkakadus

Mathias Hausding / 17.12.2018, 07:30 Uhr - Aktualisiert 18.12.2018, 14:56
Potsdam (MOZ) Die Geschäfte eines Brandenburger Papageienvereins sorgen im fernen Australien für Unruhe. Die kuriose Geschichte führt außerdem in die kriminelle Unterwelt Berlins und zu einer großen deutschen Filmgesellschaft.

Zehn eng bedruckte A4-Seiten ist die Enthüllungsstory des britischen „Guardian“ lang. Sechs Monate haben Reporter dafür weltweit recherchiert. Hauptschauplatz ist jedoch das Örtchen Tasdorf in Märkisch-Oderland. Hier haben ganz besondere Vogelliebhaber riesige Volieren. Positive Schlagzeilen machte der dort ansässige „Verein zur Erhaltung bedrohter Papageien“ vor einigen Jahren, als er seine Pläne vorstellte, in Brasilien ausgestorbene Spix-Aras nach eigener Aufzucht wieder in Südamerika auszuwildern.

In Australien dürften seit Erscheinen des „Guardian“-Berichts vor einigen Tagen viele Menschen nicht so gut auf den Verein zu sprechen sein. In Erklärungsnot sind die dortigen Behörden. Denn sie haben seit 2015 die Ausfuhr von insgesamt 232 seltenen und äußerst wertvollen Vögeln gestattet. Eine ungewöhnlich hohe Zahl, für die es laut der Zeitung keine plausible Erklärung gibt. Auch hätten die Behörden es versäumt, sich den Verein genauer anzuschauen.

Der Vorwurf lautet nun, dass der Verein mit der Zucht Geschäftemacherei betreibe. Und das widerspreche australischen Vogelschutzgesetzen. Für ein Pärchen Braunkopfkakadus, die nur in Australien vorkommen, würden Privatsammler knapp sechsstellige Summen hinlegen. Der „Guardian“ gibt an, in sozialen Netzwerken entsprechende Inserate gesehen zu haben, die dem Verein zuzuordnen seien. Auch das Bundesamt für Naturschutz habe bestätigt, dass es solche Annoncen durch den Verein gab. Allerdings seien die nicht zu beanstanden, da alle Genehmigungen dafür vorliegen.

Welche sind das? Vor allen Dingen die Zulassung des Vereins als „Zoo“. Erteilt vom Landkreis Märkisch-Oderland. Befristet bis Ende 2019, auf Antrag verlängerbar. Der „Guardian“ beklagt, die australischen Behörden hätten sich hier hinter das Licht führen lassen. Die weltumspannende Arbeit des Vereins sei intransparent und von hoher Geheimhaltung geprägt. Von einem Zoo mit Öffnungszeiten könne keine Rede sein.

In der Tat, auf der knapp gehaltenen Internetseite gibt es keine Infos zu Besuchsgelegenheiten. Das Bundesnaturschutzgesetz fordert von Zoos, „mindestens sieben Tage im Jahr Tiere wild lebender Arten zur Schau zu stellen“. Keine große Hürde. „Das schafft der Verein locker“, sagt Thomas Berendt, Sprecher der Kreisverwaltung. Es sei bekannt, dass Studenten und Schulklassen den Vögeln Besuche abstatten. Neugierige könnten über die Facebook-Seite des Vereins ihr Interesse bekunden.

Auch darüber hinaus gibt es aus Sicht der Kreisverwaltung nichts zu beanstanden. Allein in diesem Jahr habe der Amtsveterinär die Anlage dreimal kontrolliert. „Alles tiptop, hochprofessionell, für das Tierwohl ist zu 100 Prozent gesorgt“, lobt Berendt.

Der „Guardian“ betont, dass der Vereinschef seit Jahrzehnten ein großer Vogelliebhaber sei, der sich auskenne und gut um die Tiere kümmere. Und doch entzündet sich an seiner Person Kritik. Denn er hat eine kriminelle Vergangenheit, wurde zu zwei Haftstrafen verurteilt. Einmal wegen Erpressung und Menschenraubs, einmal wegen Betruges. Die letzte Verurteilung ist allerdings mehr als zehn Jahre her. Aktuell liegt nichts gegen den Mann vor. Australische Offizielle beteuern dennoch im „Guardian“, dass man ihm die wertvollen Vögel niemals anvertraut hätte, wenn seine Vergangenheit bekannt gewesen wäre.

Hinzu kommt: Der Vereinschef pflegte enge Kontakte zu Arafat Abou-Chaker, einer Berliner Unterweltgröße, Mitglied eines Clans, dem zahlreiche Straftaten zugeschrieben werden. Es existiert ein Foto, das beide Männer gemeinsam zeigt. Außerdem plauderte der Rapper Bushido jüngst in einem „Stern“-Interview über eine 200 000-Euro-Spende „an einen Papageienverein“. Demnach soll Abou-Chaker Geld dafür verlangt haben, dass der Produzent Bernd Eichinger Teile seines Lebens in einen Film einbaut.

Moritz Bleibtreu spielte schließlich Abou-Chaker in der Bushido-Filmbiografie „Zeitern ändern dich“ von 2010. Und die Filmgesellschaft zahlte an den Papageienverein. Der Vereinschef räumt auf Nachfrage frühere Kontakte zu Abou-Chakar und Bushido ein, auch den Fluss von Spendengeldern. Bereits seit einigen Jahren habe er aber keinen geschäftlichen Draht mehr zu den beiden.

Mit Blick auf den Vogelhandel des weit verzweigten Vereins-Netzwerks teilt der Chef mit, dass man überzählige Tiere abgebe und mit den Einnahmen Naturschutzprojekte finanziere. Das sei eine übliche Praxis von Zoos. „Da wir ein gemeinnütziger Verein sind, dürften wir sowieso keinen Gewinn erwirtschaften.“ Welche Arten auf welchem Weg zu welchem Preis an wen gehen, will der Vereinschef nicht sagen.

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