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Weihnachtsessen
Fisch-Eck lädt Bedürftige ein

Da wird der Bürgermeister zum Kellner: Thomas Günther tischt den Viktoriabarsch auf.
Da wird der Bürgermeister zum Kellner: Thomas Günther tischt den Viktoriabarsch auf. © Foto: Roland Becker
Roland Becker / 18.12.2018, 07:33 Uhr - Aktualisiert 18.12.2018, 18:07
Hennigsdorf (MOZ) Seine Stimme ist leise. Aber als einer der wenigen singt Ömer Yavuz mit, als der Leo Wistuba Kammerchor im Hennigsdorfer Fisch-Eck am Montag Weihnachtslieder anstimmt. Es ist eine besondere Tafel, an der der gebürtige Berliner mit türkischen Wurzeln sitzt. Wenn sich gleich die Sängerinnen und Sänger mit Wünschen für ein frohes Weihnachtsfest verabschieden, wird dem studierten Juristen Viktoriabarsch mit Kartoffeln und Salat serviert. Ömer Yavuz ist einer von rund zwei Dutzend Menschen aus Hennigsdorf und Umgebung, denen Fisch-Eck-Chef Marko Vogler und sein Hohen Neuendorfer Freund Guido Hoffmann mit Festessen, mit alkoholfreiem Punsch und Kaffee eine Vorweihnachtsfreude bereiten wollen.

An den Tischen sitzen Menschen, für die Hartz IV, Arbeits- oder Obdachlosigkeit zum bitteren Alltag zählen. Doch weshalb gehört Ömer Yavuz zu dieser Runde? Es gab gute Zeiten für den 42-Jährigen. „Ich war juristischer Mitarbeiter beim MDR“, erzählt er von diesen besseren Jahren. Später habe er sich mit einer Arbeitsvermittlung selbstständig gemacht. Er lässt es etwas im Unklaren, weshalb seine Firma zwar noch existiert, er aber so wenig Geld hat, dass es zur eigenen Wohnung nicht reicht. Seit sechs Monaten lebt er in der Hennigsdorfer Notunterkunft.

Im Hennigsdorfer Fisch-Eck wurde am Montag aufgetischt: Rund 25 finanziell Bedürftige bekamen ein Weihnachtsessen spendiert. Außerdem wurden Plätzchen gebacken, Lieder gesungen und Geschenke verteilt.
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Hennigsdorfer Weihnachtsessen für Bedürftige

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Was das im Alltag bedeutet, berichtet Detlef Henschel, der bei der Projektfördergesellschaft PuR für die Notunterkunft zuständig ist: „Am Tag dürfen sich die Bewohner dort nicht aufhalten. Um 8 Uhr muss das Haus bis zum späten Nachmittag verlassen werden.“

Derzeit lebt Ömer Yavuz dort unter anderem mit dem 26-jährigen Dennis Gorka. „Wir werden morgens bei Wind und Wetter rausgetrieben. Das ist nicht schön“, sagt der junge Mann, der dennoch die Hennigsdorfer Unterkunft schätzt. „Das ist hier familiärer. Ich mag keine alkoholisierten Menschen.“ Die gebe es in den Berliner Obdachlosenunterkünften zuhauf.

Für den 42-jährigen Yavuz ist es kein Problem, den ganzen Tag unterwegs zu sein. Das sagt er jedenfalls. Und er habe eine Aufgabe. „Ich leiste gemeinnützige Arbeit. Wertstoffe sammele ich, Papier und so.“ Oft tragen ihn dabei seine Füße bis nach Nieder Neuendorf. Am Seeufer sammelt er auf, was andere achtlos weggeschmissen haben.

An diesem Montag aber hat er frei. Er scheint das zu genießen. Auch, dass das Mittagessen nicht nur frisch gebraten auf den Tisch kommt, sondern auch noch von prominenter Hand serviert wird. Es ist Bürgermeister Thomas Günther (SPD), der Punkt halb Zwölf den Teller vor ihm abstellt und „Guten Appetit“ wünscht.

Bevor Dennis Gorka zu Messer und Gabel greift, hat er sich schon auf typisch adventliche Weise betätigt. Er gehört zu den wenigen, die sich von Mitarbeitern des Postverteilzentrums nicht lange haben bitten lassen, Weihnachtsplätzchen zu backen. „Dabei bin ich schon seit vielen Jahren nicht mehr so der Weihnachtsmensch“, meint er. Weihnachtsgefühle hin oder her – zu Heiligabend möchte aber auch er nicht allein sein. Die PuR, die sich das ganze Jahr über um die in der Stadt kümmert, deren Alltag viele Probleme mit sich bringt, macht an diesem Abend frei. Kein Nachbarschaftstreff ist geöffnet, keine Bescherung in der Notunterkunft. „Wir verweisen da auf die regionale Presse“, sagt Sozialprojekt-Leiter Steffen Leber. Doch für Hennigsdorf und Umgebung werden Einsame nur wenige Tipps finden, wo sie der Tristesse des Alleinseins am Heiligen Abend entfliehen können. Es scheint, als lasse sie die Stadtgesellschaft allein.

Ömer Yavuz und Dennis Gorka haben vorgesorgt. Beide werden bei Freunden sein. „Da trinken wir ein wenig Glühwein“, schaut der 26-Jährige auf den kommenden Montag. „Ich  kann über Weihnachten vielleicht bei Familienangehörigen ein paar Tage wohnen“, hofft Ömer Yavuz.

Nächstenliebe

■ Überwältigt war Marko Vogler von den Reaktionen auf sein Weihnachtsessen für Bedürftige. Als das Vorhaben im Herbst bekannt wurde, boten viele spontan Hilfe an.

■ Vieles davon war am Montag zu sehen: Der Sozialdienst des Postverteilzentrums lud zum Plätzchenbacken, Kaufland hatte süße Weihnachtstüten spendiert.

■ Eine Häkel- und Strickrunde aus Hohen Neuendorf hatte Pullover und Schals gestrickt, die zusammen mit Süßigkeiten in Weihnachtstüten steckten.⇥(rol)

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