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Falscher Fahrschein
S-Bahn zeigt sich kulant

Kontrolleure unterwegs: Zwischen Oranienburg und Lehnitz werden regelmäßig die Fahrscheine überprüft.
Kontrolleure unterwegs: Zwischen Oranienburg und Lehnitz werden regelmäßig die Fahrscheine überprüft. © Foto: MOZ/Klaus D. Grote
KD Grote / 18.12.2018, 09:00 Uhr
Oranienburg (MOZ) Nach einem offenbar unverhältnismäßigen Einsatz durch Kontrolleure wegen eines falschen Fahrscheins in der S-Bahn zeigt die Deutsche Bahn Kulanz. Die 60 Euro „erhöhtes Beförderungsentgelt“ erhält eine in Lehnitz lebende afghanische Mutter zurück.

Seit zwei Jahren betreut der Oranienburger Günter Creutz eine aus Afghanistan geflüchtete Familie, die mit vier kleinen Kindern im Übergangswohnheim in Lehnitz lebt und seit Langem vergebens eine Wohnung sucht. Vergangene Woche traf er die 28-jährige Mutter sehr aufgewühlt in der Unterkunft auf dem früheren Kasernengelände an. Die Frau war am Dienstagmittag mit der S-Bahn von Lehnitz nach Oranienburg gefahren, um wegen anhaltender starker Kopfschmerzen einen Arzt aufzusuchen. In der Praxis kam sie allerdings nicht an.

In der S-Bahn fand eine Fahrkartenkontrolle statt. Wegen eines ungültigen Fahrscheins und weil sich die Frau nicht ausweisen konnte, alarmierten die Kontrolleure die Bundespolizei. Die Beamten warteten nach Angaben der Frau am Bahnsteig zu dritt und nahmen sie mit auf die Wache im Bahnhofsgebäude. Die Mutter, die Günter Creutz als „zierlich“ und als zu diesem Zeitpunkt „völlig verschüchtert“ beschreibt, sei rechts und links an den Armen gepackt und in das Gebäude gebracht worden. Dies habe die 28-Jährige völlig aufgewühlt. Die Beamten hätten ständig auf sie eingeredet, obwohl sie kaum Deutsch verstehe. Erst um 15 Uhr sei sie wieder zu Hause gewesen.

„Der Arzttermin war damit geplatzt“, sagt Günter Creutz, der sich bei der S-Bahn über die Verhältnismäßigkeit des Einsatzes während der Fahrkartenkontrolle beschwerte. Schließlich seien die 60 Euro, die Menschen ohne oder mit falscher Fahrkarte als „erhöhtes Beförderungsentgelt“ zahlen müssen und die tags darauf überwiesen worden seien, für eine Flüchtlingsfamilie mit vier kleinen Kindern viel Geld, schrieb Creutz in seinem Brief. Antwort bekam er bis Montag noch nicht. Allerdings antwortete die Pressestelle der S-Bahn Berlin auf eine Anfrage des Oranienburger Generalanzeigers.

Weil die Frau außer ihrer Krankenversichertenkarte kein Ausweisdokument dabeihatte, sei ihr Schwager, der sie begleitete, in die Unterkunft gefahren, um dieses Dokument zu holen. „Daher zog sich der Vorgang zeitlich in die Länge“, sagte S-Bahnsprecherin Sandra Spieker. Sie erklärt, die Mutter habe lediglich einen Anschlussfahrschein dabei gehabt, der ohne Hauptfahrschein nicht gültig sei. Es habe sich „um eine berechtigte Feststellung der Kontrolleurin“ gehandelt, so Sandra Spieker. Aus diesem Grund sei die Frau aufgefordert worden, sich auszuweisen.

Weil ihr mitgeführtes Ticket im Wert von 1,70 Euro aber den Wert des notwendigen Tickets um 30 Cent übertraf, besteht die S-Bahn nun nicht auf dem erhöhten Beförderungsentgelt, das für Schwarzfahrer fällig wird. „Daher werden wir aus Kulanzgründen die 60 Euro rückerstatten“, teilte Sandra Spieker mit.

Das sei eine wichtige Nachricht für die Familie, freute sich Günter Creutz. Allerdings stelle sich auch die Frage, warum es auf dem kurzen Abschnitt zwischen Lehnitz und Oranienburg häufig zu Fahrscheinkontrollen komme. Tatsächlich berichten auch andere Fahrgäste über die Häufung zwischen den beiden Bahnhöfen, während auf der restlichen Strecke der S1 nur äußerst selten kontrolliert werde. In der Vergangenheit hatte es immer wieder Beschwerden über häufige Überprüfungen der Fahrscheine in S-Bahnen an den Übergängen der drei Tarifzonen gegeben.

Die Kontrollstrategie richte sich nach dem Verkehrsvertrag, antwortet darauf Sandra Spieker. „Darin ist verankert, dass Fahrschein-Kontrollen über das gesamte Jahr verteilt auf wechselnden Streckenabschnitten, auf jeder Linie, zu jeder Verkehrszeit nach dem Zufallsprinzip erfolgen müssen.“

Bedingungen

■ Im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) gelten einheitliche Beförderungsbedingungen. Darin heißt es unter anderem:

■ Der Fahrgast ist in jedem Fall verpflichtet, seine Personalien anzugeben und sich auf Verlangen auszuweisen. Muss bei Nicht- oder Teilzahlung des erhöhten Beförderungsentgeltes zur Feststellung der Personalien eine Auskunft bei der zuständigen Behörde eingeholt werden, so sind die zusätzlich anfallenden Gebühren vom Fahrgast zu tragen.

■ Wer dem Verkehrsunternehmen nachweisen kann, dass er zum Zeitpunkt der Feststellung Inhaber einer gültigen persönlichen Zeitkarte war, bekommt sein Geld zurück und zahlt nur sieben Euro.⇥(kd)

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