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Bahnexperten kennen Schwachstellen des Konzerns

Bahnexperten
„Infrastruktur unter staatliche Kontrolle“

Andreas Wendt / 18.12.2018, 11:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Überfüllte und unpünktliche Regionalzüge, stillgelegte Strecken und Bahnhöfe, auf denen Fahrstühle und Rolltreppen aus technischen Gründen außer Betrieb sind – die Baustellen der Deutschen Bahn sind auch in Brandenburg und Berlin deutlich sichtbar.

„Das konnte so nicht gutgehen“, sagt Jens Wieseke, stellvertretender Vorsitzender des Berliner Fahrgastverbandes IGEB. Grundsicherung auf der einen Seite, Profitorientierung auf der anderen Seite – „diesen Spagat hat die Deutsche Bahn einfach nicht hinbekommen.“ Damit es besser wird, fordert Wieseke vor allem eines: Die Infrastruktur gehört vollkommen unter staatliche Kontrolle, weil es dabei um verkehrspolitische Entscheidungen geht. „Die Schiene gehört in Volkes Hand“, stellt Wieseke klar. Und da nütze es seitens der Politik wenig, auf den Konzern zu schimpfen. Die Politik habe selbst genügend Fehler gemacht – beispielsweise mit dem verordneten Staatsauftrag, mit DB Schenker in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu expandieren.

Parallel dazu sei in der Region die Schieneninfrastruktur vernachlässigt, zum Teil sogar zurückgebaut worden und müsse nun aufwendig wieder hergestellt werden. Die Bahn, so Wiesekes Vorwurf, habe ihre Brücken bewusst solange verrotten lassen, bis sie komplett erneuert werden mussten und der Bund für die Kosten zahlen soll.

Das Kernproblem des Konzerns sei seine fehlende Flexibilität. Während immer mehr Pendler auf den Regionalverkehr umsteigen, schafft es die Bahn nach Wiesekes Auffassung nicht, auf den wachsenden Bedarf zu reagieren. „Der RE 2 kann nicht mehr Menschen transportieren, weil der Zug nur aus vier Waggons besteht“, klagt Wieseke.

Der verkehrspolitische Sprecher der brandenburgischen CDU-Landtagsfraktion, Rainer Genilke, glaubt, dass die Probleme erkannt worden sind. „Es ist offensichtlich angekommen, dass große Defizite bestehen. Aus seiner Sicht ist auch die kleinteilige Zerstückelung des Bahnkonzerns mit schuld an der Misere. „Da kommt kein strategisches Denken auf“, glaubt Genilke. „Wir mussten zusehen, wie Brandenburgs Fernverkehr regelrecht ausgedünnt wurde.“ Jetzt erst gebe es einen Lichtblick: Ab 2021/22 stehen Städte wie Cottbus, Elsterwerda oder Doberlug-Kirchhain wieder in den Fernverkehrsfahrplänen.

Von einer Bahnreform erhofft sich der CDU-Politiker auch schnellere Reaktionszeiten bei Ausfällen. In seiner Heimatstadt Finsterwalde wird Genilke immer wieder angesprochen, wenn der Fahrstuhl am Bahnhof nicht funktioniert – bis zur Reparatur dauert es oft Wochen. „Da erhoffe ich mir in Zukunft schnellere und vor allem direktere Wege“, sagt er.

Direkter und schneller könnte es auch auf den Regionalstrecken zugehen, wie Genilke findet. Der Schlüssel zu mehr Verkehr in der Region heißt „Elektronische Zugbeeinflussung“. Durch das „European Train Control System“, kurz ETCS, müssten Züge nicht mehr von Signal zu Signal geleitet werden, sondern könnten in kürzeren Abständen auf der Schiene unterwegs sein. „Man kann sie dann dichter fahren lassen“, erklärt Genilke. ETCS ist in anderen europäischen Staaten teilweise bereits seit vielen Jahren im Einsatz. In Deutschland wird die Technik seit Ende 2015 auf der Neubaustrecke zwischen Erfurt und Leipzig/Halle (Saale) im Regelbetrieb eingesetzt. Baustellen im übertragenen Sinne gebe es bei der Deutschen Bahn mehr als genug, findet Genilke. „Fakt ist aber auch, dass wir für die Bahn mehr Geld brauchen.“

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