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Fontane im FDGB-Heim
Die Suche nach dem verschollenen Relief

Jürgen Rammelt / 13.01.2019, 08:00 Uhr
Rheinsberg Als 1983 das Ferienheim der DDR-Gewerkschaft (FDGB) „Ernst Thälmann“ am Rheinsberger See eröffnet wurde, durften die Gäste auch zahlreiche Kunstwerke bestaunen. Sie zierten das Foyer, die Flure, die Büros der Angestellten und andere Räume. Eines davon war ein großes Wandrelief.

Meist waren es Gemälde, die extra bei Künstlern der DDR in Auftrag gegeben worden waren. Immerhin war es damals Vorschrift, dass ein bestimmter Prozentsatz der Investitionssumme für „Kunst am Bau“ einzuplanen und zu realisieren war.

Doch es waren längst nicht nur Gemälde, die das Ferienheim mit seinen elf Geschossen schmückten. Vor dem Eingang gab es eine Figurengruppe aus Granitstein, die eine Familie darstellte. Außerdem war eine Büste zu sehen, die an den 1944 im Konzentrationslager Buchenwald ermordeten Kommunisten und Arbeiterführer Ernst Thälmann erinnerte. An der Wand im großen Speisesaal befand sich besagtes vier mal zwölf Meter großes Wandrelief aus Keramik, das dem märkischen Dichter Theodor Fontane gewidmet war. Manfred Rößler hatte es geschaffen, ein Künstler, der heute 83 Jahre alt ist und in Wilhelmshorst in der Nähe von Potsdam lebt.

Wie mehr oder weniger bekannt, gab es nach der Wende und der Abwicklung des DDR-Gewerkschaftsbundes mehrere Versuche, das Ferienheim als Hotel  weiterzuführen. Sie scheiterten allesamt. Vor allem, als es Rückübertragungsansprüche von den Nachfahren der ehemaligen jüdischen Eigentümer des Grund und Bodens gab, schien das Schicksal des Hotels besiegelt. Außerdem war die Höhe des Bettenhauses vor allem den Grünen und einigen anderen, die sich plötzlich zu Wort meldeten, ein Dorn im Auge. Der weithin sichtbare Klotz passte nach deren Sichtweise nicht in die Natur und schon gar nicht in ein Landschaftsschutzgebiet. Daher gab es zeitweilig Pläne, einige Stockwerke abzureißen. Aber auch ein Investor für die inzwischen zu einer Ruine verkommene Immobilie war lange Zeit nicht in Sicht.

Doch bevor die Treuhand einen Käufer für das einstige Feriendomizil fand, das besonders verdienstvollen Werktätigen, aber auch Verfolgten des Naziregimes als zeitweilige Erholungsstätte diente, gab es noch Leute, die sich für die Kunst in dem Haus  interessierten. Ein Augenzeuge und Insider war der damalige Rheinsberger Bürgermeister Manfred Richter, der vor der Wende als ökonomischer Leiter beim FDBG-Feriendienst beschäftigt war.

„Nach meiner Erinnerung gab es bei der riesigen Abwicklungsmenge eine Spezialtruppe, die sich um die Kunstwerke in den ehemaligen FDGB-Ferienheimen, aber auch in anderen staatlichen und Objekten der Partei und Massenorganisationen kümmerten. Sie haben die Kunstwerke beschlagnahmt, um sie vor Diebstahl zu bewahren und vermutlich zu verkaufen“, erinnert sich der ehemalige Stadtchef. Wie inzwischen bekannt ist, kann ein Verkauf der Kunstwerke nicht nachgewiesen werden.

Im Gegenteil: In Beeskow im Landkreis Oder-Spree gibt es ein Depot, in dem die damals im Land Brandenburg eingesammelten Kunstgegenstände lagern, die jetzt Eigentum des Landes sind. Darunter befinden sich auch 19 Gemälde, Holzschnitte und Lithografien aus dem Rheinsberger Ferienheim, Werke von Wolfgang Wegener, Kurt-Hermann Kühn, Rudolf Pöschel und anderen. Auch eine Bronzeplastik von Ernst Thälmann ist dort aufbewahrt.

Um wenigstens ein Kunstwerk für die Stadt zu retten, wurden nach der Schließung des Heimes 1993 auf Anweisung von Manfred Richter die Keramik-Teile des Wandbildes im Speisesaal fotografiert, fachmännisch abgebaut, verpackt und eingelagert. Der „Kommission“ wurde mitgeteilt, dass die Stadt dieses Kunstwerk in der Heinrich-Rau-Schule anbringen möchte. Laut Richter gab es zwar wegen der Eigenmächtigkeit einige „Drohgebärden“, aber letztendlich blieb es dabei. Im August 2002 wurde das Ferienhotel schließlich gesprengt.

Wie sich später herausstellte, war das Kunstwerk für die Rau-Schule zu gewaltig. Der Bauhof hatte die Teile inzwischen von Rheinsberg nach Dierberg umgelagert, wo sie eine Zeit lang aufbewahrt wurden. Später soll es sich auch eine Weile in einem vom Bauhof der Stadt genutzten ehemaligen Schafstall in Zühlen befunden haben. Es schien, dass das Fontane-Relief mehr oder weniger aus der Erinnerung verschwindet.

Doch mit dem Bau des neuen Hotels am Rheinsberger See kam wieder Bewegung in die Sache. Es gab Gespräche mit den Investoren  Jaska Harm und Folkert Redenius. Das Wandbild könnte in der geplanten Arena einen Platz finden, so der Tenor. Diese Idee stieß auch bei Manfred Rößler auf offene Ohren. Er hatte inzwischen das Kunstwerk in sein Atelier zurückgeholt, die Teile gereinigt und auf Schäden kontrolliert. Dabei stellte sich heraus, dass ein Teil, das zwei Schwäne zeigte, fehlte. In der Hoffnung, dass das Fontanerelief wieder einen würdigen Platz findet, begann eine rege Korrespondenz zwischen dem Künstler und Herbert Harm, dem Architekten und Projektleiter des im Bau befindlichen Hotels am Rheinsberger See. Doch das Vorhaben sollte scheitern, obwohl inzwischen die Teile des Reliefs wieder in Rheinsberg lagerten.

Vor allem schien es  ein finanzielles Problem zu sein, das Wandbild in der inzwischen fertiggestellten Siegfried-Matthus-Arena wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Laut Rößler wären etwa 10 000 Euro benötigt worden, um das 48 Quadratmeter umfassende Kunstwerk an einer der Wände zu platzieren. Und so lagern die Keramikteile heute noch gut verpackt im Maritim-Hafenhotel am Rheinsberger See. Wenn nicht die Techniker des Hauses darauf geachtet hätten, dass  damit auch kein Unfug geschieht – wer weiß, ob nicht irgendwann  jemand die Teile entsorgt hätte.

Nach Recherchen im Rheinsberger Rathaus wusste der Nachfolger von Manfred Richter im Bürgermeisteramt, Jan-Pieter Rau, nicht von dem Kunstwerk, das Eigentum der Stadt ist. Aber auch die Hoteldirektoren, die in den vergangenen zehn Jahren in der Vier-Sterne-Herberge das Sagen hatten,  zeigten sich verwundert und überrascht, welcher „Kunstschatz“ in ihrem Haus  lagert. „Ich  würde mich freuen, wenn das Fontane-Relief irgendwo einen würdigen Platz findet“, sagt Manfred Rößler. Gerade im Fontane-Jahr und in der Region, die der märkische Dichter durchwandert und beschrieben hat, wäre das ein wichtiges Signal.  Das Museum in Beeskow  hat kein Interesse an dem Kunstwerk, die Stadt Rheinsberg hat mit dem neuen Bürgerzentrum genug Sorgen, und im Hotel sieht man ebenfalls keine Verwendung – ein schwieriges Unterfangen.

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