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Schulbesuch
Campino von den Toten Hosen diskutiert mit Jugendlichen

Auf ein Plausch mit dem Punkrock-Star: Campino von den den Toten Hosen war am Donnerstag in Birkenwerder.
Auf ein Plausch mit dem Punkrock-Star: Campino von den den Toten Hosen war am Donnerstag in Birkenwerder. © Foto: MOZ/Heike Weißapfel
Heike Weißapfel / 17.01.2019, 19:30 Uhr
Birkenwerder (MOZ) Über Grenzen haben Jugendliche der Regine-Hildebrandt-Gesamtschule am Donnerstag mit ihrem Schulpaten Campino diskutiert. Dabei ging es weniger um geografische, sondern vor allem um gesellschaftliche Grenzen und den Umgang miteinander.

Die Fahne „Schule ohne Rassimus – Schule mit Courage“ ziert die Wand. Die Technik ist startklar, Kekse, Schnittchen und Gummibären stehen bereit. Eis, das gebrochen werden müsste, gibt es dagegen nicht: Campino begrüßt unter den Jugendlichen alte Freunde und neue Gesichter und ist schon mittendrin im Gespräch.

Um Grenzen im weiteren Sinne dreht sich die Diskussion, die der Zwölftklässler Philipp Schulze moderiert. Nach einem kurzen Fernsehbericht über Flüchtlinge, die auf dem Seenotrettungsschiff „Seawatch“ auf dem Mittelmeer festsitzen und die zunächst kein Land aufnehmen will, geht es um die Frage, welche Funktion der europäischen Union in dieser Frage bestenfalls zukommt und welche den Ländern. 20 Schülerinnen und Schüler aus der Oberstufe und einige Lehrer  sind dabei. Die Jugendlichen sind im Erörtern geübt und anfangs beinahe zu brav, jeder lässt den anderen ausreden. Standpunkte werden fast vorsichtig benannt, zeigen aber auch, dass sich die Schüler informiert haben. Dass es mitunter schwierig ist, sich aus den einzelnen Informationen ein übersichltliches Bild zu machen, äußern einige.

Warum nicht berücksichtigt wird, dass mehrere deutsche Städte schon angeboten haben, die Flüchtlinge bei sich aufzunehmen, und doch noch keine Entscheidung gefallen ist, wird kritisiert. „Es ist doch krass, wie wir die täglichen Meldungen über Tote hinnehmen“, meint auch Campino. Es gebe aber so viele Extremmeldungen in den Nachrichten, findet eine Jugendliche. „Überall passieren schreckliche Sachen, die ich sowieso nicht ändern kann.“

Dennoch sei es nicht so, dass „man doch nichts machen kann“, rät Campino zu mehr Optimismus, sich doch zu engagieren. Jeder könne sich aus „seiner Komfortzone“ herausbewegen. „Es gibt Privatinitiativen, in die man sich persönlich einbringen kann.“ Auch Demonstrationen oder Spenden seien eine Möglichkeit. Beim Konzert „Wir sind mehr“ gegen Rechts in Chemnitz, bei dem auch die „Toten Hosen“ aufgetreten sind, hätten die 65 000 Menschen, die gegen Rassismus demonstrierten, durchaus ein Ausrufezeichen gesetzt.

Campino sagt auch: „Das Schönste, was Merkel gesagt hat, war ,Wir schaffen das’. Auch wenn sie sich sonst bei Entscheidungen manchmal so durchgeschlängelt hat: Daran hat sie sich aufgerieben, und an diesem Punkt hat sie sich nicht brechen lassen.“

Nicht zuletzt gehöre das konsumorientierte Verhalten zu den Ursachen dafür, die Ungleichheit in der Welt nicht zu beseitigen, sagt ein Schüler. Er hat sich in einer Kursarbeit mit Landwirtschaft beschäftigt und dann ganz praktisch festgestellt hat, dass eben nicht regionale Produkte, sondern die billigen Tomaten aus Spanien gekauft werden. „Das kann dann schon jeder Einzelne beeinflussen und für sich ändern.“

Die Frage, warum eigentlich Fremdenhass ein größerer Antrieb sein könne als Nächstenliebe, bleibt als Gedanke im Raum stehen. Um Empathie zu empfinden, müssen Einzelschicksale betrachtet werden. Es werde zu viel von „Flüchtlingskrise“ geredet und geschrieben, statt zu sehen, dass viele gerettet worden seien und sich integriert hätten, meint Religionslehrer Dirk Kroll. Integration gelinge aber nicht immer, auch nicht an der Regine-Hildebrandt-Schule, sagt ein Schüler – was aber nicht gegen den Versuch spricht.

Ebenso wie Einzelschicksale zu betrachten statt Massenflucht, fällt es den Jugendlichen auch leichter, konkrete Situationen zu kommentieren. Denn Fremdenhass und Ablehnung kommen nicht nur in Zusammenhang mit Geflüchteten und Ausländern vor. Im zweiten Thema geht es um Fußball, und den Hass, der durch das Spiel sowohl auf sportlicher Ebene kanalisiert oder auch gerade erst zutage gefördert werden kann. Es ist ein Rassismus, der sich im Alltag lautstark Bahn bricht: Ausschreitungen zwischen den politisch eher links orientierten Fans von Babelsberg 03 und den rechten Energie-Cottbus-Anhängern, die auch schon mal „zur Provokation“ den Hitlergruß zeigen und Parolen grölen, sind dafür ein Beispiel. Damit werde deutsche Geschichte nicht nur verharmlost, sondern solche Gedankenlosigkeit in die Mitte der Gesellschaft getragen und damit alltäglich gemacht, sind sich die Jugendlichen einig. Insofern sei auch Fußball durchaus keine unpolitische Angelegenheit.

Den Hitlergruß zu ahnden, sei an sich leicht, so Campino, wenn es denn gewollt sei. „Da gibt es eine Rechtsprechung, die man nur auch anwenden muss.“ Schließlich seien diejenigen, die sich derart äußerten, bekannt und würden dabei oft gefilmt. „Da das Fans sind, müsste es doch möglich sein, sie beim nächsten Spiel anzuhalten.“

20 Prozent AfD-Wähler bedeuten nicht gleichzeitig 20 Prozent Nazis, warnen die Schüler vor Vereinfachungen. Dennoch seien sich diejenigen, die diese Partei wählten, ja durchaus bewusst, dass die AfD mit griffigen, einfachen Floskeln arbeite.

„Wir sind zu faul geworden, uns selbst zu informieren“, vermutet ein Schüler provokant. „Wenn ich mich für die AfD entscheide, dann heißt das doch, dass ich dafür stehe.“ Während diese Partei ein einziges Thema habe, die angebliche Gefahr, die von Flüchtlingen ausgehe, zeigten Parteien wie SPD, CDU und FDP zu wenig Flagge, um keine Wählerstimmen zu riskieren.

Er sei stolz darauf, mit der Regine-Hildebrandt-Gesamtschule in so engem Kontakt zu stehen, sagte Campino nach der gut zweistündigen Diskussion. Seine Funktion als Pate sei ihm Verpflichtung. Es ist bereits die zweite bis dritte Schülergeneration seit 2006, die er in Birkenwerder regelmäßig besucht. „Mir ist total klar, dass das eine besondere Schule ist“, so Campino. „Die Schüler sind hier sensibilisiert, das macht solche Gespräche offen und effizient.“

Eine einzelne Meldung – ob nun wahr oder falsch – ging früher nicht so schnell um die Welt wie heute, vergleicht Campino seine eigene Schulzeit mit der der Jugendlichen. „Je kürzer, je schlichter die Meldung ist, desto eher wird sie gelesen.“ Insofern sei es schwer, sich eine differenzierte Meinung zu verschaffen. „Das ist aber eine Entwicklung, die natürlich Erwachsene ganz genauso betrifft.“

Zur Person

■ Campino ist der Sänger, Frontmann und Songschreiber der Band „Die Toten Hosen“.

■ Mit bürgerlichem Namen heißt der 56-Jährige Andreas Frege. Seinen Spitznamen „Campino“ hat er laut „Wikipedia“ in seiner Schulzeit nach einer Bonbonschlacht erhalten. In Düsseldorf ging er aufs Gymnasium. Er ist zweimal sitzengeblieben, bestand 1983  das Abitur. Bereits 1982 gründete er mit anderen Musikern die „Toten Hosen““. Die Band engagiert sich unter anderem für Flüchtlingshilfe und gegen Rassismus.

■ Campino ist seit Dezember 2006 im Rahmen von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ Pate der Regine-Hildebrandt-Gesamtschule. In unregelmäßigen Abständen laden die Schüler und Fachlehrer Marius Bachmann ihn ein. ⇥(hw)

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