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Wie Indianer
Gemeinde will Wildschwein-Plage mit Pfeil und Bogen bekämpfen

Ein Wildschwein sucht in einem Mülleimer im Stadtbezirk Tegel in Berlin nach Futter. Wildschweine in Stahnsdorf wühlen Gärten und Grünflächen um. Gegen sie scheint kein Kraut gewachsen.
Ein Wildschwein sucht in einem Mülleimer im Stadtbezirk Tegel in Berlin nach Futter. Wildschweine in Stahnsdorf wühlen Gärten und Grünflächen um. Gegen sie scheint kein Kraut gewachsen. © Foto: dpa/Gregor Fischer
dpa / 16.02.2019, 11:00 Uhr - Aktualisiert 17.02.2019, 12:27
Stahnsdorf (dpa) Winnetou jagte einst mit Pfeil und Bogen, auch Robin Hood kannte sich damit aus. Und jetzt Brandenburg? In der Gemeinde Stahnsdorf am Rande Berlins will man mit der Jagdmethode den ungeliebten Wildschweinen, die dort ihr Unwesen treiben, Herr werden.

Wenn es nicht um tote Tiere ginge, könnte sich Bürgermeister Bernd Albers (parteilos) fast über die Bekanntheit seiner Stadt freuen. „Bundesweit wären wir die ersten“, sagt er zu dem Vorhaben.

Friseurin Hannelore Heinrich hatte vor kurzem eine Begegnung, an die sie immer noch mit Grauen denkt. Ein offensichtlich verletztes Tier drückte die Tür auf und drang in ihren Salon ein, warf Stühle und Mobiliar um. Überall sei Blut gewesen. „Ich habe laut geschrien“, erzählt die Frau. Mit den Schreien habe sie das Schwein wieder raus getrieben. Von einer möglichen Jagd mit Pfeil und Bogen hält sie nicht viel. „Mit gezielten Schüssen müsste dem ein Ende gemacht werden“, sagt Heinrich.

60 bis 70 Wildschweine werden pro Jahr in dem Ort gesichtet. Manche zeigen sich schon tagsüber. In der Verwaltung wird geprüft, wie die wachsende Zahl der Tiere verringert werden kann. Jäger lehnen die Jagd mit dem Gewehr in dem dicht bewohnten Ort als zu gefährlich ab. Querschläger könnten Unbeteiligte gefährden. Sicherer erscheinen einigen Waidmännern hingegen Pfeile und Bögen – sie verbreiteten den Vorschlag, damit auf Jagd zu gehen.

Seit 1976 verbietet das jedoch in Deutschland das Bundesjagdgesetz. Vor gut 40 Jahren schien die tödliche Wirkung mit einem Pfeil nicht sicher. Der Deutsche Jagdverband lehnt die Methode daher nach wie vor ab. „Es sind weitere Untersuchungen notwendig“, sagt der Sprecher des Verbands. „Insbesondere das Abprallverhalten ist völlig ungeklärt, gerade in Siedlungen mit Bordsteinen, Asphalt oder Zäunen.“

Das Brandenburger Landwirtschaftsministerium ist als oberste Jagdbehörde für die Ausnahmegenehmigung zuständig. Prüfungen liefen bereits, heißt es dort. Sprecher Jens-Uwe Schade sagt, es müsse sichergestellt werden, dass das Wild tierschutzgerecht getötet werde.

Die Bogenjagd wird nach Angaben des Deutschen Bogenjagdverbands in 17 europäischen Ländern als zusätzliche waidgerechte Jagdart akzeptiert. „Im Regelfall werden hochmoderne leistungsstarke und präzise Jagd-Compund-Bögen mit Visiereinrichtungen sowie Carbonpfeile mit speziellen scharfen Schneiden verwendet“, sagt Jan Riedel, 1. Vorsitzender des Bogenjagdverbands, der in Biederbach in Baden-Württemberg sitzt.

Ein ausgebildeter und geübter Jäger könne auf die maximale Distanz von 25 Metern die Größe eines Handtellers treffen, sagt Riedel. Grund für die gegenüber der traditionellen Jagd kürzere Distanz seien unter anderem die Geschwindigkeit des Pfeils von etwa 90 Meter je Sekunde und die Reaktionszeit des Tiers. In Madrid werden nach seinen Angaben Wildschweine im städtischen Raum mit Pfeil und Bogen erlegt. In einem zweimonatigen Pilotprojekt seien Hunderte Tiere getötet worden.

Die Bögen seien exakt auf den, der die benutzt, abgestimmt, sagt einer der Jäger aus Stahndsorf, der seinen Namen nicht nennen möchte. Grundsätzlich ist nach seinen Angaben zunächst ein gültiger Jagdschein notwendig. Dann folge für die Jagd mit dem Bogen eine Zusatzausbildung mit theoretischer und praktischer Prüfung.

Bürgermeister Albers will Vorbehalte und Unkenntnis über die Methode ausräumen. „Wir halten das Risiko innerorts für vertretbar“, sagt er. Aus Sicht des Bogenjagdverbands wiederum ist die Jagd mit der Büchse im urbanen Raum mit hohen Gefahren verbunden, wenn ein Wildschwein erlegt werden müsse.

Bürgermeister Albers kennt im Moment allerdings keine Alternative außer der Bogenjagd. Duftzäune zum Vergrämen brachten nicht den erhofften Erfolg. Pillen, die Nachwuchs verhindern, sind nicht praktikabel einsetzbar. Und von sogenannten Sauenfängen, in die Schweine gelockt und geschossen werden, verspricht er sich nicht viel.

Was mögen die Wildschweine so gern an Stahnsdorf? „Gut gewässerte saftige Rasenflächen mit Würmern bieten viele Leckerbissen“, sagt Albers. Selbst Grünstreifen an den Straßen würden umgepflügt. In seinem eigenen Garten hatte er mehrmals unliebsame nächtliche Besucher, bis er sich einen Zaun anschaffte. Dank dieser Methode gibt es seit drei Jahren auch auf dem Zentralkirchhof Stahnsdorf Ruhe vor den Tieren, die regelmäßig die Flächen verwüsteten.

„Wir sind jetzt frei“, sagt Friedhofsleiter Olaf Ihlefeldt. Treibjagden zuvor brachten nie den erwarteten Effekt. Nun ist die 206 Hektar große Begräbnisstätte durch einen 4000 Meter langen und 1,65 Meter hohen Maschendrahtzaun gesichert. In den Boden wurden zusätzlich Baustabmatten und Stacheldraht eingegraben. „Damit können Angriffe abgewehrt werden“, sagt Ihlefeldt. „Doch die Wildschweine geben nicht auf und suchen Lücken.“ Er weist auf Spuren.

Mittlerweile werden Besucher mit Hinweisschildern gebeten, die Tore zum Friedhof geschlossen zu halten. „Das hilft auch“, sagt der Friedhofsleiter.

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