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Neues Buch
Ein Denkmal für die Teerwerker in Erkner

Joachim Eggers / 17.02.2019, 06:00 Uhr
Erkner (MOZ) Es hat Erkner bis nach der Wende geprägt: das Teerwerk. Gerhard Ziebarth hat jetzt die Erinnerungen von 34 Mitarbeitern aufgeschrieben. Herausgekommen ist ein facettenreiches Zeitdokument.

Ziebarth, heute 82, war als Chemiker in der Akademie der Wissenschaften in der Flakenstraße tätig, nutzte täglich die Teerwerks-Kantine. Nach der Wende war er Umweltdezernent des Landkreises und eng involviert, als es um den Umgang mit den dramatischen Umwelt-Altlasten auf dem Gelände ging. Als heimatverbundener Erkneraner ist Ziebarth Mitglied des Vereins der Chemiefreunde und bekam dort 2004 eine Anekdote darüber zu hören, wie Lehrlinge bei einer bestimmten Prozedur mit Staub vollgepustet wurden. Ziebarth brachte das auf die Idee, die Geschichten der Beschäftigten aufzuschreiben, und so hat er über drei Jahre Interviews geführt und zu Monologen umgeformt. Sie sind jetzt auf 355 Seiten in einem Buch nachzulesen.

In der einst von Julius Rütgers im Jahr 1861/62 gegründete „Theerproductenfabrik“ haben zu DDR-Zeiten bis zu 650 Menschen gearbeitet und Teer zu verschiedenen Sorten von Öl und Steinkohlenteerpech verarbeitet, Rohmaterial für Dachpappe, Straßenbau und mehr. Einschneidend war der große Napthalin-Brand vom 7. April 1970. Erkner und das Werk entgingen knapp und mit Glück einer Katastrophe, aber die Folgen für die Umwelt waren fatal, und die lukrative Napthalin-Herstellung war damit vorbei. Der „eigentlich in sich geschlossene Kreislauf der Teerverarbeitung (wurde) zerrissen“, formuliert Edgar Pohl, der nach dem Brand als technischer Betriebsassistent dem Chef bei der Neuausrichtung zur Seite stand.

In vielen Facetten werden die Nöte und Unzulänglichkeiten angesprochen. Der damalige technische Betriebsleiter Axel Polster schildert, wie im bitterkalten Winter 1986/87 im braunkohlebefeuerten Kraftwerk die Lichter ausgingen. „Ich bin nachts so um 23 Uhr geweckt worden, habe die besten Mechaniker geholt, und wir sind in dieses heizölbefeuerte Kraftwerk gegangen, haben unter Missachtung aller Vorschriften für das Verfeuern eines Dampferzeugers begonnen, den Heizölkreislauf vorzuwärmen, haben mit Streichhölzern die Sicherheitskontakte dieser Anlage überbrückt und hatten um drei Uhr den ersten Dampferzeuger (...) am Netz. (...) Und in Erkner hat niemand etwas gemerkt, dass es überhaupt zum Einbruch gekommen ist. Damit war das Teerwerk gerettet, damit war die Plasta gerettet, das Wachregiment hatte Heizung.“ Das Ölkraftwerk hätte zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr stehen dürfen.

Die Episode zeigt exemplarisch auch etwas, was fast in jedem Bericht anklingt, das Gemeinschaftsgefühl.  Es reichte „vom Kohlenschipper bis zum Ökonom und bis zum promovierten Chemiker“, so die Laborantin Christa Grünberger. Die Erinnerungen beleuchten auch das Leben außerhalb der Arbeit, die Wohnungsnot, die Kulturveranstaltungen, die Ferienlager. Sehr spannend ist, wie die Gesprächspartner sich politisch einordnen. Die Haltungen reichen vom überzeugten Verfechter des SED-Regimes bis zum entschiedenen Gegner und denjenigen, die sich irgendwo dazwischen einen Weg suchten. Bewusst ausgespart hat Ziebarth das Thema Staatssicherheit, weil Fragen danach kaum wahrheitsgemäß beantwortet worden wären.

Das Teerwerk wurde in den frühen 1990ern weitestgehend abgerissen. Damals kam kurzzeitig die Idee auf, den Toluol-Turm zu erhalten, als eine Art Denkmal für das Teerwerk. Daraus konnte nichts werden, der Turm war hoffnungslos kontaminiert. Ein Vierteljahrhundert später hat Gerhard Ziebarth den Teerwerkern ein Denkmal gesetzt.

Gerhard Ziebarth: Dreck und Mief und glückliche Jahre. Arbeiten und Leben mit dem Teerwerk Erkner, Verlag Die Mark Brandenburg 2019, ISBN 978-3-910134-92-8, 24,80 Euro.

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