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Kriminalgeschichte
Die Tragödie der Eleonore Metzger

Das Haus des Stadtchirurgen 1935. Bei seinem Abriss fand man unter der Küche ein Skelett, dem beide Unterschenkel fehlten. Ein Werk des Stadtchirurgen, von dem seine Frau wusste?
Das Haus des Stadtchirurgen 1935. Bei seinem Abriss fand man unter der Küche ein Skelett, dem beide Unterschenkel fehlten. Ein Werk des Stadtchirurgen, von dem seine Frau wusste? © Foto: Archiv Augustiniak
Helmut Augustiniak / 17.02.2019, 08:00 Uhr
Ketzin/Havel Nicht nur in Falkensee gab es skrupellose Mörder in der Vergangenheit. Auch  in der Ketziner Vergangenheit liegen Geschehnisse, die das Potential zum Horrorfilm hätten: So liegt im Brandenburgischen Landeshauptarchiv ein Duplikat der „Acta betreffend die polizeilichen Untersuchungs-Verhandlungen wider die Witwe Metzger und den Musicus Kage wegen Mordes“. Die Vernehmungsakte ist das Schriftstück, das ausführlich und objektiv den Tatbestand der von der Metzger verübten Morde darstellt.

Ketzin/Havel ist Mitte des 19. Jahrhunderts ein Städtchen von ca. 1.000 Einwohnern. Von 1810 bis 1854 ist dort auch der Stadtchirurg Ernst Friedrich Metzger ansässig. Metzger erlernte das Handwerk bei seinem Vorgänger, dem Stadtchirurgen Boy. Wenige Monate nach dessen Tode übernimmt er seine Stelle. Seine erste Ehefrau ist die Stieftochter seines Vorgängers. Mit ihr hat er vier Kinder. Doch die Ehe wird geschieden.

Seine zweite Ehefrau wird die Hebamme Hartz, mit der er schon vor der Ehe zwei Kinder hatte. In ihrer Ehe wird ihnen noch ein weiteres Kind geboren, gleichzeitig hat Metzger aber noch ein uneheliches Kind mit einer Frau aus dem Nachbarort Knoblauch.

Zehn Monate nach dem Tode seiner zweiten Frau heiratet er das dritte Mal. Diese Ehe hält zwanzig Jahre, bleibt aber kinderlos. Zehn Jahre nach dem Tode seiner dritten Frau heiratet der Stadtchirurg in seinem siebzigsten Lebensjahr die erst 26-jährige ledige Auguste Eleonore Föhrig. Drei Jahre nach der Eheschließung wird beiden noch ein Sohn geboren. Metzger ist zu dieser Zeit schon im 73. Lebensjahr.

Die vierte Ehefrau

Eleonore wird 1819 in Naumburg geboren. Ihr Vater stirbt sehr früh. Die Mutter muss ihre vier Töchter allein groß ziehen. Sie eröffnet in Naumburg eine „Hurenwirtschaft“. Ihre Tochter Eleonore wird Prostituierte. Mit diesem „Beruf“ kommt sie auch nach Berlin. Hier lernt sie den Ketziner Stadtchirurgen Metzger kennen. Er nimmt sie mit nach Ketzin/Havel, stellt sie als Haushälterin ein und heiratet sie dann später.

In das Haus des Metzger zieht 1852 auch der Musikus Kage mit seiner kranken Frau als Mieter ein. Im März 1854 stirbt der 77-jährige Wundarzt Metzger an Altersschwäche und im September Frau Kage. Die alten Ehepartner tot, bestellen Witwer Kage und Witwe Metzger, die schon vor dem Tod ihrer Ehegatten zueinander gefunden hatten, bei Superintendent Merz ihr Aufgebot.

In dieser Zeit geht bei Merz ein anonymer Brief ein, der Eleonore Metzger bezichtigt, die Kage vergiftet zu haben. Es wird eine Hausdurchsuchung angeordnet. In einer Kammer werden in einem Schreibpult zwei Porzellankruken mit Giftpulver gefunden. Nun wird die Exhumierung der Leiche der Frau Kage durch das Amtsgericht Potsdam angeordnet.

Frau Kage verstarb im September 1854. Die Exhumierung erfolgt fast ein halbes Jahr später, im Februar 1855. Eleonore Metzger sieht das Elend voraus, das sie erwartet, wenn sie als Mörderin verurteilt werden würde und beschließt, sich selbst, den Musikus Kage und die drei Kinder umzubringen. Sie schneidet ihnen die Pulsadern auf. Sie selbst wollte sich erhängen. Wie durch ein Wunder überleben alle.

Die Metzger und der Kage wurden ins Gerichtsgefängnis Potsdam überführt. Da der Verdacht nahelag, dass auch der Ehemann der Metzger eines nicht natürlichen Todes starb, wurde seine Exhumierung ebenfalls angeordnet. Der Verdacht bestätigte sich. Der Musicus Kage erhängte sich noch vor der Gerichtsverhandlung in seiner Zelle, die Metzger wurde in einer zweitägigen Gerichtsverhandlung zum Tode verurteilt. Sie starb am 17. September 1856 um 6.30 Uhr auf dem Schafott.

Das Gespensterhaus

Interessant an diesem Vorgang ist auch, dass der Zusammenhang zwischen den hier geschilderten Morden und Mordversuchen und der Geschichte des Ketziner Gespensterhauses nicht erkannt wurde. Als man das Haus des Stadtchirurgen 1935 abriss, wurde unter der Küche ein Skelett entdeckt. In Ketzin/Havel hielt sich seit Jahrzehnten die Mär, dass ein reich gewordener Ketziner Bürger aus Amerika im Metzger-Haus zu Besuch weilte. Er verschwand plötzlich. Suchgrabungen der Staatsanwaltschaft im Haus brachten kein Ergebnis.

Das beim Abriss des Hauses entdeckte Skelett hatte keine Unterschenkel mehr, denn es hätte vollständig nicht in die ausgehobene Grube gepasst. Es könnte vom Stadtchirurgen Metzger fein säuberlich amputiert und vergraben worden sein. Hatte Eleonore Metzger, die wahrscheinlich von dieser Tat ihres Gatten wusste, schon dadurch ihr Gewissen verloren?

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