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Windhunter
Alarm im Windrad - Retter im Training

Ina Matthes / 19.02.2019, 08:00 Uhr
Bernau (MOZ) Sie müssen schwindelfrei sein und sportlich: Servicetechniker für Windkraftanlagen. In Bernau lernen sie, in gefährlichen Höhen einen kühlen Kopf zu bewahren.

Es ist dunkel in dem engen Schacht. Eine Metallleiter führt an der Wand nach oben. Eric Götz tastet sich Strebe für Strebe hinauf bis zu einer schmalen Plattform. Eine graue Metalltür steht offen. In dem Raum dahinter liegt zwischen Metallschienen ein Mann am Boden. Er stöhnt. „Was ist passiert, Andreas?“  Götz beugt sich zu dem Liegenden. Der deutet auf seinen linken Arm. Plötzlich ein lauter Knall. Eine Stichflamme schießt durch den Schacht. Rauch steigt empor. Havarie im Windrad-Turm. Eric Götz muss seinen verletzten Kollegen schleunigst herausbringen. Götz’ Kollege Fabian Schwarz ist mit ihm nach oben gestiegen. Gemeinsam ziehen sie den Verletzten zur Tür. Götz befestigt eine Winde an der Metallleiter im Schacht – das sogenannte  Rettungsgerät. Dort wird der Verletzte an Gurten eingehangen. Langsam lassen ihn die Retter nach unten ab.

Der Notfall ist ein gespielter. Die Männer klettern auch nicht durch den Schacht eines Windrades. Sie steigen auf Leitern in übereinandergestapelten Metallcontainern. Eric Götz  und Fabian Schwarz trainieren die Rettung aus engen Räumen – das kann zum Beispiel der Hohlraum in einem Rotorblatt sein, dicht an der Windradnabe. Geübt wird im Camp der Windhunter Academy in Bernau (Barnim). An einer Halle mit zwölf Meter hohen Wänden. Metallleitern führen nach oben. Kletterseile hängen herab.

In dem Trainings- und Fortbildungszentrum üben Männer und Frauen, die Windräder warten. Leute, wie Eric Götz, der üblicherweise mit dem Helikopter zur Arbeit kommt. Der 25-Jährige hält in Windparks im Meer die Anlagen am Laufen, in der Nordsee beispielsweise oder im Atlantik. Seit vier Jahren ist der Servicetechniker für ein Dienstleistungs-Unternehmen europaweit unterwegs. „Das ist hier sehr realitistisch nachgestellt“, findet der Berliner. Er hat eine ähnliche Situation schon einmal erlebt. „Ein polnischer Kollege hatte sich den Arm doppelt gebrochen. Wir mussten ihn vom Turm herunterholen.“

Menschen aus Notsituationen retten, erste Hilfe leisten, Arbeiten in großen Höhen – all das wird im Windhunter Camp in Bernau geübt. Roman Synowski ist der Präsident der polnischen Windhunter-Gruppe mit mehreren international agierenden Firmen. Vor sieben Jahren ist der Unternehmer zunächst nach Berlin gekommen, hat dann das Camp in Bernau aufgebaut nach dem Vorbild seines Trainingszentrums im polnischen Koszalin. „Ich habe hier tolle Leute kennengelernt, die auf diesem Gelände aktiv waren. Ich habe aus Polen das Know-How für die Schulungen mitgebracht und meine Partner vor Ort hatten die Halle und sehr gute Ausbilder.“ Synowski ist Elektroniker und Experte für Windenergie. Er hat in Oldenburg und Berlin studiert und vor 20 Jahren mit Windmessungen angefangen. Er habe in seiner Karriere oft deutschen Firmen geholfen, in Polen Fuß zu fassen. „Ich mache jetzt genau das Gegenteil.“

Deutschland sei beim Ausbau der Windkraft viel weiter als Polen. In Polen gebe es 8000 Megawatt (MW) installierte Leistung, sagt Synowski. In Deutschland waren es 2017 rund 51 000 MW.  Mit dem Geschäft in Deutschland ist er „sehr zufrieden“. Die Umsätze seien gestiegen. Für dieses Jahr rechnet er mit 2,5 Millionen Euro. In Polen hat die Windhunter Academy 63 Beschäftigte, in Bernau sind es 35 – 15 Angestellte und 20 Freiberufler. Einmal im Jahr treffen sich deutsche und polnische Teams zum Trainieren. Das Thema Windparks im Meer spielt dabei künftig eine größere Rolle. Polen will Offshore-Windenergie in der Ostsee fördern. Synowskis Unternehmen unterhält in Polen bereits eine spezielle Trainingsstätte dafür. In Deutschland soll ein Pendant dazu in diesem Jahr entstehen – im Umfeld von Berlin.

Außerdem will Synowski ab dem Frühjahr ein Windrad-Trainingsprogramm für Feuerwehrleute anbieten. Berufsfeuerwehrmann Matthias Herrmann allerdings ist schon Profi auf dem Gebiet. Der 47-Jährige arbeitet als Trainer im  Windhunter-Camp und inszeniert dramatische Situationen mit – Explosion, Stichflamme und Rauch. „Es geht hier darum, die Leute unter Stress zu setzen.  Wenn wirklich ein Notfall eintritt, sollen sie ruhig und konzentriert handeln.“ Herrmann begleitet Eric Götz und Fabian Schwarz bei der Übung. Gibt Hinweise. Sie sollen viel miteinander sprechen, sich zurufen, was sie als Nächstes tun. Das hilft, sich zu konzentrieren. Herrmann bringt ihnen bei, auf den eigenen Schutz zu achten. Zwar sind sie mit Seilen gesichert – aber ein Abrutschen zum Beispiel könnte trotzdem fatal sein. Denn dann braucht auch ein Retter möglicherweise einen Retter: Hängt jemand zu lange im Seil, droht ein Schockzustand. Die Gurte schnüren mit der Zeit den Blutfluss ab.

„Gefährlich wird es, wenn du die Konzentration verlierst, wenn du panisch wirst“, sagt Eric Götz. Wirkliche Angst habe er noch nie gehabt. Auch nicht in schwierigen Situationen. „Dann steigt das Adrenalin. Aber wir wissen, was wir zu tun haben, das lernen wir ja hier.“ Als sich sein polnischer Kollege damals bei dem Einsatz den Arm zweifach brach, das war so eine Situation, erzählt Götz. Auf See gibt es dann zwei Möglichkeiten – entweder den Verletzten nach unten bringen. Dann wird er per Schiff abgeholt. Oder man zieht ihn aufs Windrad hinauf – und der Helikopter fliegt ihn ins Krankenhaus. Bei dem polnischen Kollegen sei alles gut gegangen. „Er arbeitet heute wieder mit im Team.“

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