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Vor dem Landgericht
Prozessauftakt nach Überfall auf Lottoladen

Nach einer zum Teil erfolgreichen Revision wird der Prozess gegen den angeklagten Oranienburger von der Justiz erneut aufgerollt (Symbolfoto).
Nach einer zum Teil erfolgreichen Revision wird der Prozess gegen den angeklagten Oranienburger von der Justiz erneut aufgerollt (Symbolfoto). © Foto: dpa
Ingmar Höfgen / 19.02.2019, 10:25 Uhr
Sachsenhausen Ein Raubüberfall auf einen Lotto-Laden in Sachsenhausen im Juli 2014 beschäftigt seit dem gestrigen Montag erneut das Landgericht Potsdam. Vor viereinhalb Jahren war ein Oranienburger in den Landes gestürmt und hatte mit vorgehaltener Waffe 840 Euro erbeutet. Als ein Kunde versuchte, die Tür von außen zuzuhalten, schoss der Räuber durch einen offenen Spalt. Seitdem leidet der Kunde an einem Tinnitus. Nach einer teilweise erfolgreichen Revision geht es im neuerlichen Prozess nun, ob die damals benutzte Schreckschusspistole funktionierte wie eine richtige Waffe.

Woran erinnern sich Opfer, die in Sachsenhausen im Juli 2014 in die Waffe eines Räubers geblickt haben, heute noch? War es ein Revolver oder eine Pistole? Schwarz oder hell? Vorn offen oder nicht? Also hätte man den Finger herein stecken können? Und verspürte der Mann, neben dessen Ohr die Waffe laut knallte, dabei auch einen Druck?

Es waren Fragen zu solchen Details, die die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Potsdam am Montag besonders interessierten. Zwei Zeugen bemühten ihre Erinnerung – sie wurden im Juli 2014 Opfer des Raubüberfalls, bei dem der Täter 860 Euro aus einem Lottoladen in Sachsenhausen erbeutete.

Der Täter, der damals 22-jährige Oranienburger Alexander T., war auch wegen anderer Delikte schon im Juli 2016 zu insgesamt zwölf Jahren Haft verurteilt worden, der Bundesgerichtshof hob allerdings das Urteil teilweise wieder auf – zu dem Raubüberfall in Sachsenhausen musste das Gericht erneut ermitteln.

Die damals knapp 60 Jahre alte Verkäuferin sah sich dem Räuber gegenüber, der sie mit jenem Gegenstand bedrohte, von dem sie erst dachte, es sei eine Spielzeugwaffe. Aber dann hörte sie ein Ratschen beim Durchziehen, erinnerte sie sich in der Verhandlung.

Dann gab sie das Geld heraus. Bei der Polizei hatte sie vor Jahren noch mehr ausgesagt, dass sie sogar erst versuchte, ihm die Waffe aus der Hand zu schlagen. Dann aber habe er mit russischem Akzent „Ich Dir zeigen, was Spielzeug“ gesagt, durchgeladen und mehrfach „Auf, Scheine!“ gefordert.

Während dies geschah, kam ein Kunde aus Oranienburg zum Lottoladen, um seine Post abzugeben. Er öffnete die Tür, nahm die Situation wahr. Er zog die Ladentür schnell wieder zu, um dem Räuber die Flucht zu erschweren. Dem aber gelang es, die Tür wieder ein wenig zu öffnen, dann schoss er durch den Spalt. „Ich hatte eigentlich mit meinem Leben abgeschlossen“, sagte er am Montag in Potsdam.  Unmittelbar neben dem Ohr des couragierten Mannes knallte es dann „mächtig laut“, er habe nichts mehr gehört und gesehen, die Augen haben „mörderisch gebrannt“.

Der heute 60-Jährige erinnerte sich auch an eine blaue Wolke. Aber zu den Fragen der Richter konnte er wenig beitragen. Den starken Tinnitus wird er seitdem nicht mehr los. „Meeresrauschen, jeden Tag“, beschrieb er die Folgen des Raubüberfalles für ihn – er gehe damit schlafen und wache damit auf. Entsprechend schlecht kamen die Entschuldigungsversuche des Täters an. Der Tinnitus ist „unheilbar“, sagte der Mann mit Tränen in den Augen, „es ist nicht mehr zu ändern“.

Zu zwölf Jahren Haft war der Oranienburger auch wegen weiterer Taten verurteilt worden. Mit vier anderen Männern hatte er – in wechselnder Besetzung – vier Tankstellen in Germendorf, Wolfslake, Hennickendorf (Potsdam-Mittelmark) und Brandenburg an der Havel überfallen. Alexander T. sei dabei Ideengeber, Initiator gewesen und in allen Fällen auf die Mitarbeiter der Tankstellen zugegangen und habe sie aus nächster Nähe bedroht, hatte das Landgericht Potsdam im Juli 2016 festgestellt. Gemeinsam mit zwei weiteren Mittätern, die damals zu fünf und vier Jahren Haft verurteilt worden waren, stand er am Montag erneut vor Gericht. Denn auch wegen des Überfalls in Hennickendorf musste das Landgericht einige Tatsachen zu Waffen noch einmal ermitteln.

Dass dies erst jetzt, mehr als vier Jahre nach der Tat, geschieht, liegt in diesem Fall am Bundesgerichtshof (BGH), der über die Revisionsanträge entschied. Dort lag die Akte mehr als ein Jahr, weil der BGH zugleich noch die Begründungsanforderungen der Gerichte für DNA-Analysen absenkte – und dafür ein letztlich langwieriges Gutachten anforderte. Der Erinnerung der Zeugen hat es nicht gutgetan.

Sofern sich herausstellt, dass die benutzte Schreckschusspistole nicht so gefährlich ist wie eine richtige Waffe, könnte die Strafe für Alexander T. abgesenkt werden. Das soll sich am 28. Februar entscheiden. (ih)

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