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Gnadenhof-Schließung
„Wir werden Tiere töten müssen“

Der Gnadenhof kümmert sich unter anderem um behinderte Tiere, die ansonsten kaum Hoffnung auf ein liebevolles Zuhause haben (Archivbild).
Der Gnadenhof kümmert sich unter anderem um behinderte Tiere, die ansonsten kaum Hoffnung auf ein liebevolles Zuhause haben (Archivbild). © Foto: privat
Klaus D. Grote / 19.02.2019, 11:31 Uhr - Aktualisiert 19.02.2019, 12:38
Oranienburg (MOZ) Die Bauaufsichtsbehörde des Landkreises Oberhavel hat noch vor einem für den heutigen Dienstag geplanten Gespräch mit der Anordnung für die Schließung des Gnadenhofes für Tiere in Not in Wensickendorf Fakten geschaffen. Nicht nur in Wensickendorf sorgte diese Entscheidung für Entsetzen.

Im Januar strahlte der Sender Vox die Sendung „Menschen, Tiere und Doktoren“ aus, in der die Sanierung der Scheune des Gnadenhofs gezeigt wurde. Mit Spenden in Höhe von 10 000 Euro und wiederverwendeten Materialien wurde das alte Gebäude so hergerichtet, dass es für die Tierhaltung wieder nutzbar ist. Die Aktion fand im September statt. Nach der Ausstrahlung am 19. Januar wurde offenbar die Baubehörde des Kreises aktiv und witterte illegale Bautätigkeiten auf dem Gelände am Gärtnerweg. „Bei uns stehen keine Gebäude, die nicht auch schon vor der Übernahme des Grundstücks 2014 errichtet waren“, versichert Ruth Schnitzler, Schriftführerin und Kassenwartin des gemeinnützigen Vereins „Gnadenhof Wildtierrettung Notkleintiere“. Lediglich fahrbare Volieren seien aufgestellt worden. Sie verstehe nicht, warum die Baubehörde so unnachgiebig sei. Anwohner berichten, dass in der Umgebung illegal errichtete Carports in keinem Fall die Aufmerksamkeit der Behörde bekämen.

Von der Nutzungsuntersagung, die der Verein am Sonnabend erhielt, sind die Mitglieder gleichermaßen entsetzt und enttäuscht. „Wir haben immer noch gehofft, eine Lösung zu finden“, sagt Ruth Schmitzler. „Wenn es tatsächlich so kommt, werden wir Tiere töten müssen.“ Für den heutigen Dienstag ist ein Gespräch des Gnadenhofs mit Stadt- und Kreisverwaltung geplant. SPD-Fraktionschef Dirk Blettermann hatte sich bereits am Montag empört über das Vorgehen des Kreises gezeigt. Schließlich sei seit vier Wochen gemeinsam mit der Stadtverwaltung um eine Lösung gerungen worden. Bei einem Besuch des Gnadenhofs am Wochenende hatte Blettermann deshalb auch noch Hoffnung gemacht. „Ich habe den Eindruck, die Baubehörde will dem Gnadenhof den Gnadenschuss geben“, sagte Blettermann. Es sei „albern“, die große Keule gegen die Auffangstation zu schwingen, die auch eine soziale Komponente besitze, weil häufig Kinder- und Behindertengruppen den Hof besuchen würden. „Offenbar gibt es dafür keine Empathie im Bauamt des Kreises. Ich werde da parlamentarisch im Kreistag nachhaken“, kündigte Blettermann an. Der SPD-Landtagsabgeordnete Björn Lüttmann schloss sich der Kritik an.

Offenbar ist die Kreisverwaltung seit dem Umzug des Gnadenhofs 2014 von Lehnitz nach Wensickendorf noch immer verstimmt, weil die Nutzung des früheren Bauernhofs damals nicht angezeigt wurde. Doch der Verein bot sogar an, auf eigene Kosten ein Bauleitverfahren einzuleiten und beauftragte dafür ein Planungsbüro. Das Vorgehen wurde damals als unnötig eingestuft.

Das Grundstück mit weitem Auslauf wurde seit 1940 als Bauernhof genutzt. Das Wohnhaus ist seither ununterbrochen bewohnt. „Das Gelände ist ideal für uns, wir stören hier niemanden“, sagt Ruth Schnitzler. 50 Ehrenamtliche kümmern sich um in Not geratene Tiere. Menschen aus ganz Ostdeutschland rufen in Wensickendorf an, wenn sie Tiere in Not entdecken. „Es kümmert sich sonst niemand“, sagt Ruth Schnitzler, die selber fast ihre gesamte Freizeit dem Verein opfert. Der Gnadenhof arbeitet mit Polizei und Feuerwehr zusammen, sammelt angefahren Tiere auf oder fährt auf der Feuerwehrleiter in die Höhe, um Turmfalken zu retten. Das ZDF plant eine Dokumentation mit Berlins Wildtierbeauftragten Derk Ehlert und dem Gnadenhof. Vorletzte Woche Dienstag sendete „Brandenburg aktuell“ seinen Wetterbericht aus der Eichhörnchenrettungsstation des Gnadenhofs.

Der Verein hofft jetzt auch auf breite Unterstützung, um den Gnadenhof in Wensickendorf doch noch zu erhalten. Was bei einer Schließung passieren soll, kann sich bislang noch niemand vorstellen.

Tiere mit Handicap

■ Der Verein des Gnadenhofs kümmert sich um in Not geratene Tiere, ist Auffangstation für Haustiere mit Handicap und Nothilfe für Menschen aus ganz Ostdeutschland. Die Arbeit des Vereins wird von Polizei und Feuerwehr, verschiedenen Tierschutzvereinen und dem Naturschutzbund Nabu unterstützt.

■ Schwer erziehbare Jugendliche sind nach Spaziergängen mit Hunden oft „wie ausgewechselt“, heißt es beim Verein. Rollstuhlfahrer bewundern, dass auch Tieren mit Handicap geholfen wird.

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Frank Henning 28.02.2019 - 21:58:06

Unfassbarer Skandal

Das, was man hier liest klingt nach unglaublicher Behördenwillkür oder Dummheit. Natürlich müssen Vorschriften eingehalten werden. Doch eine Baubehörde hat Entscheidungsspielräume und Möglichkeiten einer gütlichen Beilegung. Hier muss der Landrat ein Machtwort sprechen, wenn er sich vor seinen Wählern nicht als Totalausfall präsentieren will.

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