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Buchkritik
Die geheimen Seiten des Brotmachers

Das für Karl-Dietmar Pletz typische Lächeln: So präsentiert sich der Bäckermeister auf dem Buchcover an seiner Arbeitsstätte, dem Holzbackofen. In seinem Buch plaudert er aus seinem Leben. Auf erste Reaktionen ist er gespannt, Zielgruppe sind christliche Führungskräfte.
Das für Karl-Dietmar Pletz typische Lächeln: So präsentiert sich der Bäckermeister auf dem Buchcover an seiner Arbeitsstätte, dem Holzbackofen. In seinem Buch plaudert er aus seinem Leben. Auf erste Reaktionen ist er gespannt, Zielgruppe sind christliche Führungskräfte. © Foto: Darius Ramazani
Marco Winkler / 19.02.2019, 16:23 Uhr - Aktualisiert 19.02.2019, 17:29
Schwante (MOZ) Bäckermeister Karl-Dietmar Plentz berichtet in „Der Brotmacher“ aus seinem Leben als fünffacher Familienvater und erfolgreicher Unternehmer. Vor allem erzählt er von seinem Glauben. Und er beichtet, unter anderem von einem dunklen Geheimnis.

Mit „Ich bin ein ausgeprägtes Muttersöhnchen“ beginnt Plentz sein Buch (er wohnt noch heute im Haus seiner Mutter). Zwei Seiten weiter die nächste Überraschung: Er habe – abseits der Bibel und Schullektüre – in seinem Erwachsenenleben nie einen Roman zu Ende gelesen. „Meine Frau entspannt das, mich strengt es an“, sagt er im Gespräch mit dem Generalanzeiger. Dafür lese er Zeitung sowie Fachlektüre.

Zu Papier gebracht hat Plentz sein Leben nicht selbst. Das übernahm anhand von Gesprächen die Potsdamer Journalistin Andrea Specht für ihn. Für Plentz, der zugibt, eher schlecht schreiben zu können, ein Glücksfall. „Meine Tochter hat mir nach der Lektüre gesagt: Sie schreibt deine Sprache“, sagt er. Weiter: „Ich habe mich bemüht, authentisch zu berichten und von der Seele zu erzählen.“

Knapp ein Jahr dauerten die Arbeiten. Schwieriger als das Erzählen sei die Korrektur der Rohfassung gewesen. „Bin ich ehrlich genug, ist manches übertrieben dargestellt?“, habe er sich gefragt. Verraten sei an dieser Stelle: Ehrlich wirkt das Buch, teilweise überraschend ehrlich. Aber übertrieben mag für einige konfessionslose Leser das Gottvertrauen wirken, das an vielen Stellen befremdlich-naiv wirkt.

Das Buch soll ein Mutmacher sein. Ausgangspunkt waren seine zahlreichen Vorträge vor Unternehmern und Führungskräften aus der Bäcker-Branche. Seine Gedanken habe er stets in Familienanekdoten verpackt. Das kam an. „Viele hat das herausgefordert.“ Der Brunnen Verlag sei am hartnäckigsten gewesen mit seinem Wunsch, Plentz’ Leben zwischen zwei Buchdeckel pressen zu wollen.

Da das Publikationshaus ein christliches und Plentz’ bekennender Christ ist, verwundert es nicht, dass so gut wie jede Schwierigkeit im Familien- sowie Berufsleben mit einem Bibelvers und Gottvertrauen gelöst werden kann – zumindest bei Familie Plentz.

In seiner Kindheit in der DDR zündelt der junge Karl-Dietmar, bastelt Sprengstoffvorrichtungen mit Freunden und lässt sie in die Luft gehen. Wer die beste Bombe mit dem größten Knalleffekt konstruieren kann, wird Meister genannt. Dabei erwischen die Jungs beinahe einen vorbeifahrenden Radfahrer. Zufall, Glück, Schicksal? Nicht bei Plentz. „Bei diesem Abenteuer habe ich erlebt, wie unser himmlischer Vater seine Meisterhände schützend über uns gehalten hat“, endet das Kapitel. „Dass er uns liebt, ist bombensicher.“ Die Pointe ist Gott. Diese Eigenschaft weisen die meisten, äußerst kurz (und auch kurzweilig) gehalten Kapitel aus.

Das mag etwas entrückt und vertrauensselig wirken, spiegelt aber Plentz’ Leitsätze wieder. Er sieht die Intention seiner Anekdoten als impulsgebend für andere an. „Ich bedaure, dass in Deutschland der Glaube eine so ungeordnete Rolle spielt“, sagt er. Die christlichen Grundwerte hätten das Land zu dem gemacht, was es heute ist. Der Außenwirkung seines starken Bekenntnisses ist er sich bewusst. Er fragt sich stets: „Wie lebe ich meinen Glauben ohne den Verstand an der Garderobe abzugeben?“

Die Familie spielt im Buch eine große Rolle. Nur Gott ist größer. Wer denkt, Plentz würde private Geschichte fromm verklären, der irrt ein wenig. Bei der ersten Begegnung mit seiner Frau Agnes sei er „betäubt vom Anblick ihrer knallengen roten Jeans“ gewesen. Er war von den Socken, wie er sich ausdrückt, von der Frau, die er mit 21 Jahren heiraten wird. Die saloppe Sprache zieht sich durch den „Brotmacher“. Als Vater von fünf Kindern (Annica, Helen, Maximilian, Emelie und Luisa) sei er jugendlich geblieben, so Plentz.

Im Gespräch verrät er, dass er sich vorstellen könnte, dass das Buch als Familienratgeber funktioniert. So besuchte er als pädagogische Maßnahme mit seinem Sohn Max, nachdem dieser ein Hakenkreuz an seine Schule gemalt hatte, die Gedenkstätte Sachsenhausen. Andere Erziehungstipps dürften auf weniger Verständnis stoßen. Eines seiner Rituale war es, seinen Töchtern, sobald sie ihre erste Regelblutung bekamen, einen „riesigen Strauß Blumen mit mindestens 30 Rosen“ aufs Zimmer zu stellen. Dazu legte er einen „handgeschriebenen Liebesbrief, in der ich der jeweiligen Tochter Komplimente machte, sie bewunderte, wertschätzte und ihr Aussehen lobte“. Hier kommt die Befremdlichkeit ins Spiel, die einen als Leser das ein oder andere Mal inne halten lässt.

Sie ergreift einen erneut, als er über das „Haus des Brotes“ in Velten schreibt – und die Erlösung nach einigen Schwierigkeiten mit dem Eisenbahnbundesamt ein Gebet in seinem christlichen Unternehmerkreis Manager im Gebet (MIG) ist. Durch ein Wunder habe er seine sechste Filiale im Landkreis eröffnen können.

So ehrlich dieses öffentliche Glaubensbekenntnis von Karl-Dietmar Plentz sein mag, so wenig tiefgründig sind seine Anekdoten. Jede Geschichte baut einzig auf seinem Glauben auf. Das ermüdet auf Dauer. Aufgelockert wird die christliche Lehrstunde zwar von lockeren Sprüchen, aber dadurch wird das Werk sprachlich nur noch schlichter und weniger originell, als es eh schon ist. Ende des Monats steht Plentz damit vor seiner anvisierten Zielgruppe in Karlsruhe: christlichen Führungskräften. Sie dürften ihm applaudieren, ihm für die Inspiration danken, die der Otto-Normal-Leser nicht finden mag.

Oberhaveler, die Plentz kennen, dürften nur in sehr wenigen Kapiteln Überraschendes entdecken, quasi geheime Ecken in Plentz’ öffentlicher Biografie. So beschreibt er sein Burn-out im Jahr 2015, dem erfolgreichsten Geschäftsjahr bis dato. Während ihm aus der Presse ein „fesches Bild“ seiner selbst entgegen lächelte, offenbarte das Spiegelbild die ganze Erschöpfung und Mattheit. In einer Klinik ließ er sich behandeln. Dort musste er aufzählen, wie viele Aufgaben und Ämter er inne hat. Das Ergebnis umfasste 87 Punkte. Selbst für einen auf Gott vertrauenden, stattlichen Mann wie Plentz war das zu viel. „Das war eine Zäsur“, sagt Plentz im Gespräch. Kinder übernahmen geschäftsführende Aufgaben. Bis heute zieht sich Plentz mehr und mehr aus der Geschäftsführung zurück.

Am wohl eindrucksvollsten ist das Kapitel „Verstecken im Dunkeln“. Diese Passage sei ihm am schwierigsten gefallen, so Plentz. Er beschreibt anfangs ein Familienidyll: Sonntag, Bett, Kinder kommen herein gestürmt, Papa erzählt Bärengeschichten, spielt Verstecken. Doch dann hadert Plentz, denkt an den größten Fehler seines Lebens, der ihn mit Scham erfüllt. Ein Geheimnis, das er bisher vor allen verstecken konnte. Ohne es explizit beim Namen zu nennen, ist klar: Es ist ein Vertrauensbruch, den er seiner Frau und seiner Familie beichten muss. Was ihn antreibt, ist der Wunsch nach Vergebung. „Denn auch bei den Frommen läuft nicht alles glatt“, schreibt Plentz.

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