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Erstmals Flächentarifvertrag in der Sozialwirtschaft abgeschlossen

Hand drauf: Sebastian Jeschke von der Paritätischen Tarifgemeinschaft (l.) und Verdi-Verhandlungsführer Ralf Franke
Hand drauf: Sebastian Jeschke von der Paritätischen Tarifgemeinschaft (l.) und Verdi-Verhandlungsführer Ralf Franke © Foto: Mathias Hausding/MOZ
Mathias Hausding / 22.02.2019, 07:30 Uhr - Aktualisiert 22.02.2019, 11:10
Potsdam (MOZ) In Brandenburg gibt es erstmals einen Flächentarifvertrag in der Sozialwirtschaft, der unter anderem Pflegekräften im ganzen Land helfen soll. Arbeitgeber und Gewerkschaft versprechen „spürbare Lohnerhöhungen“. Offen ist noch, wie viele Menschen insgesamt profitieren werden.

Anderthalb Jahre haben sie verhandelt. Arbeitgeber-Vertreter Sebastian Jeschke kommt auf 60 ganztägige Sitzungen plus jeweiliger Vorbereitungszeit, um ein Regelwerk zu erarbeiten, das es in der Mark noch nicht gab. Seit dem 1. Januar gilt er nun, der „Flächentarifvertrag für die Sozialwirtschaft im Land Brandenburg“, ausgehandelt von der Paritätischen Tarifgemeinschaft und der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Er richtet sich an Menschen, die unter dem Dach des Paritätischen Wohlfahrtsverbands etwa in der Pflege, im Behindertenbereich, in der Jugendhilfe oder in der Sozialberatung tätig sind.

Am Donnerstag stellten beide Seiten gemeinsam die Inhalte vor. „Damit müssen wir uns vor den Tarif-Regelungen im öffentlichen Dienst nicht verstecken“, betonte Verdi-Verhandlungsführer Ralf Franke. Er berichtete von Arbeitnehmern, die nach der ersten Lohnzahlung halb im Spaß gefragt hätten, ob der Chef aus Versehen brutto statt netto überwiesen habe, weil der Sprung so groß gewesen sei.

Die Situation sei anders als vor gut einem Jahr bei der Awo in Ostbrandenburg, unterstrich der Gewerkschafter. Dort hatte die Hausleitung in Info-Schreiben Gehaltserhöhungen von im Schnitt 28 Prozent angekündigt, wohl um drastisch gestiegene Preise zu rechtfertigen. Beim Blick auf die Lohnzettel war dann die Enttäuschung groß, denn es gab nur ein kleines Plus. „Die Awo hatte vorab falsche Zahlen kommuniziert“, so Ralf Franke.

Zurück zum Flächentarifvertrag: Da die bisherigen Löhne von Haus zu Haus anders seien, könne man das Lohnplus insgesamt nicht beziffern. Im ASB-Altenheim Senftenberg-Brieske etwa bekomme nun jede Pflegefachkraft rund 500 Euro mehr pro Monat, sagte Franke. Auch Küchenhilfen und Reinigungskräfte hätten ein dreistelliges Lohnplus.

Die Gehaltstabellen in dem Tarifvertrag sehen für Pflegefachkräfte bei einer 40-Stunden-Woche ein Brutto-Einstiegsgehalt von 2517 Euro vor, was einem Stundenlohn von 14,47 Euro entspreche. Bereits nach sechs Monaten gibt es demnach den ersten Sprung um 100 Euro nach oben. Weitere folgen. Nach zehn Jahren liegt das Gehalt bei 2940 Euro. Pflege-Helfer starten mit 1963 Euro und liegen nach zehn Jahren bei 2343 Euro. „Das kann sich sehen lassen“, findet der Gewerkschafter. Besonders freue ihn, dass ein Jahresurlaub von 30 Tagen und die Zahlung von Weihnachtsgeld vereinbart ist.

Ein Kapitel für sich ist die Frage, für wen der Flächentarifvertrag ab wann gilt. Zum Start sind es lediglich 2000 Menschen, im Laufe des Jahres soll sich die Zahl verdoppeln, wie Sebastian Jeschke von der Paritätischen Tarifgemeinschaft erklärte. Ziel sei, dass sich noch viel mehr Betriebe anschließen. Er habe in Sachsen-Anhalt die große Anziehungskraft eines solchen Flächentarifvertrags erlebt, betonte Jeschke.

Es sei ohnehin so, dass Arbeitgeber im Sozialbereich in der Regel gerne mehr zahlen würden, aber von der Refinanzierung durch die Kassen abhängig seien. Hier habe sich viele Jahre nichts bewegt, doch nun sei gerichtlich und gesetzlich klargestellt worden, dass Tariflohn angemessen sei und refinanziert werden müsse. Manche Kasse spiele hier noch auf Zeit, sagte Jeschke. Auch sei es leider so, dass Tariferhöhungen im Pflegebereich derzeit allein von den Bewohnern geschultert werden müssen. „Ich kann nur an die Bundesregierung appellieren, endlich das Pflegegesetz zu ändern.“

Für Ralf Franke ist die Marschrichtung so oder so klar: „Wir wollen ein einheitliches Lohn-Niveau von Prenzlau bis Forst. Mit dem Flächentarifvertrag in der Hand werden wir nun gemeinsam mit den Beschäftigten Druck machen.“

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