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Straßenkinder
Zufluchtsort und Zuhause

Stven Wiesner / 03.03.2019, 07:00 Uhr
Jamlitz Seit zehn Jahren bietet das Justus-Delbrück-Haus – Akademie für Mitbestimmung im Bahnhof Jamlitz sozial benachteiligten Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine Bleibe und eine Perspektive.

Dave schlendert im Flur hin und her und hat ein paar Farbspritzer auf der Kleidung. Gemeinsam mit dem Hausmeister streicht er gerade die Wände, während Nena im Radio von 99 Luftballons und Frieden singt. Die Welt des 29-Jährigen war nicht immer so harmonisch wie in diesem Moment. Vor einigen Jahren wurde er in Berlin von Rechtsradikalen überfallen und fand zum ersten Mal Zuflucht im Justus-Delbrück-Haus in Jamlitz. Nach einem Neuanfang in Cottbus, wo er Oberschule und OSZ besuchte und „ein normales Leben“ lebte, wurde er wieder von Nazis attackiert. Sie zündeten sogar seine Haare an. Erneut war die Einrichtung im ehemaligen Jamlitzer Bahnhof der einzige Anlaufpunkt für Dave. Zu seiner Familie hat er seit Jahren keinen Kontakt mehr. „Ohne den Bahnhof wüsste ich nicht, wo ich jetzt wäre“, sagt er. „Das Haus ist meine Heimat.“

Auch für Glöckchen ist das Haus seit Januar ein „Zuhause und Zufluchtsort“. Die 19-Jährige ist in Hamburg geboren, durch ganz Deutschland gereist, hat in Berlin auf der Straße gelebt und auch Drogen konsumiert. Im Justus-Delbrück-Haus hat sie nun endlich „eine kleine Familie gefunden, die zusammenhält“. Sie habe zwar immer noch ihre Probleme, „ich fange aber wieder an, das Leben zu genießen“.

Das ist genau das, was Anett Quint mit ihrer Einrichtung erreichen will. Seit 2013 gibt es das Justus-Delbrück-Haus, das vom Berliner Verein „Karuna“ getragen wird und Straßenkindern aus ganz Deutschland zumindest ein vorübergehendes Zuhause bietet. Mehr als 200 Jugendliche werden hier pro Jahr in Seminaren beschult. Zudem gibt es seit einiger Zeit das Wohnprojekt „Landeinwärts“, das sechs bis sieben Straßenkinder in einer WG zusammenleben lässt. „Wir sind die einzige Bildungsstätte für Straßenkinder in Deutschland“, sagt Anett Quint, die Leiterin des Hauses.

Von den Jugendlichen wird Anett Quint nicht als Erzieherin gesehen, sondern als Familienmitglied. Das ist das Resultat ihrer pädagogischen Herangehensweise, die wenig mit herkömmlicher Jugendhilfe gemein hat. „Dort wird oft eine Mitwirkungspflicht erwartet, und dass die Jugendlichen sofort clean sind. Und wer das nicht schafft, wird bestraft oder rausgeschmissen. Das ist aber Schwachsinn. Wir arbeiten hier mit Menschen zusammen, die allesamt Opfer von Gewalt und Missbrauch geworden sind. Das ist ein Prozess, in dem auch mal Rückfälle einkalkuliert werden müssen.“ Sie will aus Straßenkindern nicht auch noch Strafenkinder machen.

Warmer, statt kalter Entzug. Ein Ansatz, der sich bezahlt macht. „Wir machen gute Erfahrungen damit. Ich sage nicht, dass hier jeder gesundet nach Hause geht. Aber alle sind so stabil, dass sie zumindest in einer Wohnung leben, eine Therapie beginnen oder zumindest Hartz IV beziehen können.“ Und selbst das ist schon ein Erfolg, wenn man sein halbes Leben zuvor ohne Obdach auf der Straße verbracht hat. Anett Quint: „Es geht hier erstmal darum, zur Ruhe zu kommen, ein Bett zu haben und sich nicht jeden Tag Gedanken machen zu müssen, wo ich meinen nächsten Schlafplatz finde oder das nächste Essen klauen muss.“

Mit vielen Seminaren und Bildungsangeboten sollen die Jugendlichen hier wieder eine Aufgabe finden und an sich selbst glauben. „Wir wollen nicht nur über Demokratie reden, sondern sie auch leben“, sagt die Hausleiterin. Die Arbeit des Justus-Delbrück-Hauses wird mittlerweile auch von der Politik bemerkt. So hat sich die Bundesministerin für Familie und Jugend, Franziska Giffey, angekündigt. Sie will die Einrichtung am 4. Mai besuchen und sich von ihr überzeugen. Dann feiert das Justus-Delbrück-Haus in Jamlitz auch seinen 10. Geburtstag.

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