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Leihgabe
Erst in die Maske, dann in die Ausstellung

Bärbel Kraemer / 25.03.2019, 14:44 Uhr
Kuhlowitz Die älteste Kuhlowitzerin ist derzeit auf Reisen. Erst im September wird sie - Anna Selbdritt - wieder zurückkehren. Während ihrer Abwesenheit werden viele Augen auf sie gerichtet sein. Die Holzfigur aus dem 15. Jahrhundert wird in einer internationalen Ausstellung in Lutherstadt Wittenberg gezeigt.

"Wie sie wohl aussehen wird, wenn sie zurückkommt", fragt sich Bad Belzigs Pfarrerin Christiane Moldenhauer. Immerhin wird die Figur, bevor sie ausgestellt wird, noch "in die Maske geschickt". "Sie wird professionell gereinigt und aufgearbeitet", erklärt die Pfarrerin.

Nachdem die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt bereits im November vergangenen Jahres ein Leihgesuch an die Kirchengemeinde St. Marien Hoher Fläming sandte, wurde die hölzerne Plastik der Anna Selbdritt am Donnerstag durch eine anerkannte Kunstspedition abgeholt.

Mit Christiane Moldenhauer verabschiedete der Kuhlowitzer Herbert Rezner die Statue. Er ist der Hüter des Kuhlowitzer Kirchenschlüssels und kennt, wie die Pfarrerin sagt, jeden Stein der Dorfkirche. Rezner, der seit 1970 im Dorf lebt, winkt bescheiden ab, beweist im nächsten Augenblick aber schon, dass er sich in der Historie des Gotteshauses ziemlich genau auskennt und einige Anekdoten parat hat.

Während Patrick Kliem und Sandro Schulz von der Speditionsfirma mit größter Sorgfalt die gesicherte Skulptur aus ihre Befestigung an der Kirchenwand lösen, erzählt Rezner, dass dieselbe über sehr lange Zeit unbeachtet auf dem Kirchenboden lag. Genau wie die sechs Schnitzfiguren an der  Südwand, die nach Expertenmeinung etwa um 1510/1520 entstanden und aus einem Altarschrein stammen sollen. Er erinnert sich an die Erzählungen einer alten Dame, die berichtete, dass während ihrer Kindheit die Dorfkinder auf dem Kirchenboden mit den Figuren und der Anna Selbdritt spielten. Sie waren Puppenersatz. Irgendwann nach der Reformation waren die Figuren dort oben auf dem Kirchenboden deponiert wurden. Die Kuhlowitzer Dorfkirche, die bis dahin als St. Annenkapelle ein nicht unbedeutendes Pilgerziel war, hatte mit der Einführung der Reformation ihre Bedeutung als Wallfahrtskirche verloren.

Wer, wann den kunsthistorischen Wert der Figuren erkannte, sie wieder entdeckte und hinunterholen ließ, weiß aber auch Herbert Rezner nicht genau. Nur soviel, es soll in den 1950er Jahren passiert sein. Die Kuhlowitzer jedenfalls versuchten seitdem so wenig wie möglich über ihre gut gesicherten Kirchenschätze zu sprechen, um ungebetene Gäste nicht auf diese aufmerksam zu machen. Die Transporteure haben dann auch ordentlich zu tun, um die wertvolle Figur der Anna Selbdritt von der Wand zu lösen und auf ihre große Reise vorzubereiten.

Die Entscheidung, sie in die Ausstellung zu geben und damit bekannt zu machen, fiel der Gemeinde deshalb auch nicht leicht. "Aber es auch eine Ehre", bemerkt die Pfarrerin und erzählt, dass eine Delegation der Kirchengemeinde die Ausstellung in Wittenberg besuchen und Anna Selbdritt einen Besuch abstatten wird. Im Herbst, wenn die Ausstellung zu Ende gegangen ist, will man sie mit einem festlichen Gottesdienst wieder willkommen heißen. Dann liegt die Figur auch schon auf dem Tisch in der Winterkirche. Für einen Augenblick besteht die Gelegenheit, sie einmal von ganz nah zu sehen. Das wurmstichige Holz offenbart, dass die mit der Ausstellung verbundene Reinigung der Skulptur auch ein Segen für sie ist. "Wir hätten die Reinigung ansonsten nicht machen lassen können", bestätigt die Pfarrerin mit Verweis auf die damit verbundenen Kosten. Im nächsten Augenblick ist die hölzerne Plastik der Anna Selbtritt auch schon in säurefreier Plastik- und Luftpolsterfolie gewickelt und mit Schaumstoffpolstern gepolstert in einem stabilen Transportkarton verpackt. Die Reise kann beginnen. In der Kirche bleibt ein leerer Platz zurück.

Infokasten

Die Figur "Anna Selbdritt" aus der St. Annenkapelle Kuhlowitz wird von April bis August in der internationalen Ausstellung "Verehrt. Geliebt. Vergessen. MARIA zwischen den Konfessionen" ausgestellt.

Sie wird am 12. April von der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt im Collegium Augusteum Wittenberg eröffnet.

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft des katholischen Bischofs Feige und der evangelischen Bischöfin Junkermann.

In der Ausstellung wir den vorreformatorischen Wallfahrten ein eigenes Kapitel gewidmet.

Dazu gehört auch die St. Annenkapelle in Kuhlowitz, die im frühen 16. Jahrhundert eine Wallfahrt war.

Mit der neuen Ausstellung knüpft die Stiftung Luthergedenkstätten an die Landesausstellung "Cranach der Jüngere. Endeckung eines Meisters" (2015) und Nationale Sonderausstellung "Luther! 95 Schätze - 95 Menschen" (2017) an.

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