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Schulamt setzt Notfall-Maßnahme in Kraft und kassiert sie wieder / Abgeordnete telefoniert mit Ministerin

Bildung
Klassen 46 Minuten lang aufgelöst

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Symbolbild © Foto: Caroline Seidel
Jörg Kühl / 26.03.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 26.03.2019, 08:45
Beeskow (MOZ) Der chronische Lehrermangel an der Albert-Schweitzer-Oberschule hat dazu geführt, dass Montagmorgen die Förderklassen aufgelöst wurden. Nach einem besorgten Anruf im Bildungsministerium wurde der Zustand nach 46 Minuten beendet.

"Laura, Du gehst bitte in die 7c, Tom und Clara gehen bitte in die 8d!" (Namen geändert). Die stellvertretende Leiterin der Albert-Schweitzer-Oberschule in Beeskow, Astrid Kollwitz, hat die undankbare Aufgabe, die Förderschüler, die sich Montagmorgen in der Aula versammelt hatten, zu unterrichten. Und zwar darüber, welche Klassen sie ab sofort besuchen. Unruhe kommt auf. In der ersten Reihe beginnt eine Schülerin zu schluchzen, sie muss von Mitschülern getröstet werden. Die Schüler und deren Familien haben ein aufgewühltes Wochenende hinter sich. Erst Freitagnachmittag wurden sie darüber in Kenntnis gesetzt, dass ihre Förderklassen mit sofortiger Wirkung aufgelöst werden, die meisten der Schüler erfuhren es per Eintrag im elektronischen Klassenbuch. Die Schüler würden auf die Regelklassen verteilt, hieß es dort ohne weitere Erläuterungen.

Hintergrund ist der anhaltende Lehrermangel an der Oberschule, der das Staatliche Schulamt zu der drastischen Maßnahme veranlasst hatte. Einige Lehrerstellen sind teilweise schon seit langem unbesetzt, der Krankenstand hoch: Von den 27 Lehrern stehen derzeit ein Drittel nicht zur Verfügung. Der Personalstand der Oberschule habe das Schulamt zu der Notfall-Maßnahme gezwungen, so der kommissarische Leiter der in Frankfurt (Oder) ansässigen Behörde, Olaf Steinke. Durch die Auflösung der Förderklassen würden Lehrerkapazitäten zur Absicherung des Regelunterrichts freigesetzt, so der Notfallplan. "Eine statistische Lösung, keine wirkliche", kommentiert Schulleiter Frank Boywitt. Denn die 50 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf benötigten individuelle Zuwendung. Das könne ein Klassenlehrer im Regelbetrieb überhaupt nicht zusätzlich leisten.

Inzwischen ist auch Elisabeth Alter, SPD-Landtagsabgeordnete, eingetroffen. Die Politikerin lässt sich die Situation schildern, dann greift sie zum Telefon. Am anderen Ende: Bildungsministerin Britta Ernst. "Wie lange die Maßnahme dauert? Na von heute an bis auf Weiteres!", berichtet die Abgeordnete mit besorgter Stimme ihrer Parteifreundin im Potsdamer Bildungsressort.

Wenige Minuten später, es ist mittlerweile 8.46 Uhr, erreicht die Schulleitung ein Anruf des Staatlichen Schulamts. Die Auflösung der Förderklassen und deren Verteilung auf die Regelklassen sei hiermit gestoppt, alle Förderschüler  dürften wieder in ihre vertrauten Klassen zurückkehren. Die Aufhebung der Maßnahme habe das Schulamt nach einer erneuten Bewertung der Lage angeordnet, so Steinke. Er wird sich heute mit der Schulleitung treffen um die weitere Vorgehensweise zu beraten.

Wegen des ungewöhnlichen Eintrags im elektronischen Klassenbuch hatten einige Eltern der Förderschüler ihre Sprösslinge morgens zur Schule begleitet. Nach der "Zurück-auf-Null"-Nachricht atmen sie hörbar auf. Dennoch bleibt ein mulmiges Gefühl. Denn das Ursprungsproblem der fehlenden Lehrer ist damit nicht gelöst. "Meine Tochter und ich haben am Wochenende viel geweint", fasst Jana Gosemann die Gefühlslage ihrer Familie zusammen. Sie fürchtet, dass die Kinder in allen Klassen, besonders aber in den Förderklassen, um ihre Schulbildung gebracht werden. Ganz ähnlich sieht es Jana Swaczyna. "Mein Kind kann sich gegen die Auswirkungen dieser Bildungspolitik ja nicht wehren!" Alles was sie fordere sei, dass ihr Sohn einen Schulabschluss erzielen kann, der ihm eine faire Chance im Berufsleben eröffne.

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