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Unrat am Ufer
Trügerische Idylle am Dreetzsee

Burkhard Keeve / 03.04.2019, 16:00 Uhr
Grüneberg (MOZ) Seit Anfang des Jahres bewirtschaftet der Kreisanglerverband den Dreetzsee in Grüneberg. Der bisherige Pächter hat ein schweres Erbe hinterlassen.

Die Natur weiß nichts von den Problemen, die es auf der anderen Uferseite gibt. Von Grüneberg aus entlockt der Dreetzsee dem Besucher ein Lächeln, so unvermittelt kommt die Idylle daher – mit in der Sonne glitzender Wasseroberfläche, verwitterten Fischerbooten, die am Ufer dümpeln und Schilf, das verträumt im Wind wiegt. In der Ferne dreht ein Seeadlerpaar seine Beuterunden über dem offenen Gewässer. Es wirkt so, als ob ein Maler alles eigens platziert hätte, inklusive Kranichen, Reihern und singenden Schwänen. 140 Hektar scheinbar unberührte Weite.

Doch der Dreetzsee verweigert sich. Seine Ufer sind kaum zugänglich. Alles ist zugewachsen. Nur die Grüneberger kennen noch eine kleine Badestelle, immerhin. Schilfgürtel und mooriges Erlenbruchgelände machen ein Durchkommen an den anderen Bereichen unmöglich. Zudem ist die Idylle von Grüneberger Seite nur mit einem Schlüssel wirklich zugänglich. Den hat der Anglerverein "Grüneberg 1969". Ein Zaun schirmt sein kleines Gelände mit Wiese, Booten und Steg ab. Manfred Dierbach hat zum Beispiel seinen 40 Jahren alten Ruderkahn dort liegen, unverwüstlich. Jetzt kämpft er gegen den Wind, um auf Brasche oder Hechte zu gehen, wie er sagt. Er strahlt Zuversicht aus. Zwei Angeln und Netz liegen im Kahn. Na dann Petri heil!

Gegenüber, mit dem bloßen Auge fast nicht erkennbar, liegt ein Hausboot am Ufer der Teschendorfer Seite des Dreetzsees. Könnte eigentlich jetzt die Romantikerherzen höher schlagen, bei so einer unverbauten Alleinlage mit eigenem See – tut es aber nicht. Die wahren Anglerfreunde des Sees und der Kreisanglerverband Oberhavel haben viele Worte für das Teschendorfer Seegrundstück, allerdings keine guten.

Es gehört dem Vorpächter. Seit der Wende hatte er das alleinige Fischereirecht für den See. Konnte fischen, verkaufen und sich die Angelkarten bezahlen lassen. "150 Euro im Jahr", sagt André Stöwe, Geschäftsführer beim Kreisanglerverband Oberhavel.  Das endete abrupt im Dezember 2018. Die Gemeinde Löwenberger Land verlängerte seine Pacht nicht. "Der Pächter hat nur Raubbau betrieben, alles rausgeholt, was ging und nichts wieder eingesetzt, um den Bestand zu erhalten", lautet ein Vorwurf, den André Stöwe ausspricht. Olaf Wusterbarth, Vorsitzender des Kreisanglerverbands, nickt. Es kommt noch schlimmer. Unrat, Müll, ein Boot, das halb untergegangen am Ufer vergammelt. Etliche Netze und Reusen hätten – wer weiß wie lange – im Dreetzsee gelegen.  "Teilweise mit verendeten Fischen darin", sagt Wusterbarth, dem unbetreute Fanggeräte wie jedem Angler ein Gräuel sind. Mitglieder der Anglervereine habe sie im Januar aus dem See gefischt. Dazu gehörten auch alte Ölkanister, die als Schwimmer dienten. "Wir haben den Pächter mehrere Male wegen der Reusen angezeigt, geändert hat sich dadurch nichts", ärgert sich André Stöwe.

Wusterbarth bedauert, dass es so weit gekommen ist und "das es so lange gedauert hat, bis ihm das Handwerk gelegt werden konnte".  Seit Januar hat der Kreisanglerverband Oberhavel den See in seiner Hand. 2012 war der Dreetzsee im Ersten Seenpaket vom Bund ans Land Brandenburg verkauft worden, der die Gewässer an die Kommunen weitergegeben hat.

Nach und nach will der Kreisanglerverband den Bestand wieder ins Gleichgewicht bringen. Barsche und Aale hat er bereits eingesetzt. Demnächst wird genauer "gezählt", was und wie viele Fische sich im Dreetzsee wohlfühlen. Dieses große abgeschlossene Gewässer ist "ein typischer Brandenburger Zandersee", erklärt Stöwe. Kennzeichen sind eine niedrige Tiefe, der Dreetzsee ist an seiner tiefsten Stelle nur 3,20 Meter, und er ist eher trübe. "Zander fühlen sich darin wohl, weil sie gut im Trüben sehen und jagen können", so Olaf Wusterbarth. Zu DDR-Zeiten gehörte der See zwischen Teschendorf und Grüneberg zu den "Karpfen-Aal-Intensivgewässern", die Berlin mit Fisch versorgt haben. Intensiv ist jetzt nur noch das Naturerlebnis in diesem unzugänglichen Teil des Löwenberger Landes.

Nahezu genauso unzugänglich ist das Privatgelände des ehemaligen Pächters. Trotz mehrfacher Versuche ist er nicht zu erreichen. Diese Erfahrung machten und machen Behörden bis heute. "Er ist nicht greifbar, geht nicht ans Telefon, lässt sich nicht blicken, keine Chance", sagt Stöwe.

Doch von anderer Seite kommt Bewegung in die Sache. Die Zahl der Vereinsmitglieder steigt wieder. Die Teschendorfer "Petrijünger" haben aktuell  75, die Grüneberger 80 Mitglieder. "Die Angler sehen, dass sich hier endlich wieder etwas tut", sagt Jürgen Baugatz von "Grüneberg 1969". Am liebsten hätte Olaf Wusterbarth Zugriff auf das Teschendorfer Gelände des ehemaligen Pächters. "Ist aber Privatbesitz", bedauert der Vorsitzende. Vor seinen Augen sieht er dort aber ein freies, sauberes Gelände, offen für jeden, vor allem für Gastfischer, die dort ihre Boote festmachen können. Wusterbarth: "Ich glaube fest daran."

Früher gab es dort auch mal eine Badestelle. Aber das wäre dann wohl wieder zu viel Idylle.

Seenpaket

■ Der Bund hatte die Brandenburger Seen von der DDR "geerbt".

■ In mehreren Schritten übernahm schließlich Brandenburg für Geld die Seen vom Bund. Ziel war es, die weitere Privatisierung von Seen zu verhindern.

■ Im ersten Seenpaket kaufte Brandenburg im August 2012 genau 65 Seen zu einem Kaufpreis von insgesamt 3,74 Millionen Euro. Ende Januar 2013 stimmte die Landesregierung in Potsdam dem Kauf zu. Zu diesem ersten Paket gehören unter anderem der Fahrländer See in Potsdam, der Mellensee im Landkreis Teltow-Fläming und der Dreetzsee im Landkreis Oberhavel. Insgesamt umfasst das Paket 3 135 Hektar Wasserfläche nebst angrenzenden Uferflächen verschiedener Nutzungsarten.

■ Mit dem zweiten Paket übernimmt das Land Brandenburg vom Bund 51 Gewässer und teilweise Gewässerrandstreifen mit einer Gesamtfläche von 820,51 Hektar für einen Ausgleichsbetrag von 1,72 Millionen Euro. Beim dritten Paket geht es um Seen, die kleiner als fünf Hektar sind.⇥(bu)

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