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Engagement
Das Havelland braucht mehr Kängurus

Annette Steuber (re.) nennt es Oma-Zeit, für Corina L. ist die Familienpatin "ein echter Glücksfall". Und auch die Zwillinge wirken rundum zufrieden.
Annette Steuber (re.) nennt es Oma-Zeit, für Corina L. ist die Familienpatin "ein echter Glücksfall". Und auch die Zwillinge wirken rundum zufrieden. © Foto: Silvia Passow
Silvia Passow / 05.04.2019, 14:45 Uhr
Brieselang/Falkensee Mittwochvormittag hat Corina L. frei. "Da kann ich ich sein", sagt sie und erzählt von dem bunten Stoffbeutel, den sie für die Kinder genäht hat. Nähen, Sporttreiben - es ist nichts außergewöhnliches, was die dreifache Mutter am Mittwoch vor hat. Der Effekt, sagt sie, ist immens. "Ich bin ausgeglichener und meine Kinder sind es damit auch."

Corina ist Mutter einer siebenjährigen Tochter, im letzten Sommer brachte sie Zwillinge zur Welt. Die acht Monate zählende Frieda liegt neben ihr auf dem Sofa, ihre Kulleraugen finden unablässig etwas Neues, spannendes. Ihr Bruder Willem hat Annette Steubers Brille entdeckt. Die kleinen Händchen versuchen, die Brille von der Nase zu angeln. Entspannt wirkt die Szene, vertraut und familiär. Doch tatsächlich kennen sich die beiden Frauen erst seit einem halben Jahr. Annette Steuber ist Familienpatin bei Känguru, einem Projekt der Diakonie, das Familien mit Nachwuchs im Babyalter unterstützt.

Mit einem Baby in der Familie ändert sich so einiges im Leben. Fortan gibt der Nachwuchs den Ton an. Zwillinge müssen dabei nicht unbedingt den gleichen Rhythmus haben und um beim Ton zu bleiben, Willem war im wahrsten Sinne tonangebend. "Ein Schreikind", sagt Corina L., das kaum zu beruhigen gewesen sei und viel Aufmerksamkeit der Eltern einforderte. Eine Aufmerksamkeit, die auch Frieda benötigte und auch die ältere Tochter, bis dahin Einzelkind, musste sich in die neue Situation einfinden.

Corina L. wollte keines ihrer Kinder benachteiligt sehen. In den ersten Wochen war ihr Partner in Elternzeit. "Ich hatte furchtbare Angst vor dem Moment, wenn er wieder arbeiten gehen würde", sagt sie. Ihre Hebamme wies sie auf das Angebot von Känguru hin. "Zwei Hände sind für zwei Kinder zu wenig", sagt Annette Steuber, die seit einem Jahr ehrenamtlich für Känguru tätig ist. Steuber arbeitet in einem medizinischen Beruf, der Mittwoch ist ihr freier Tag. Sie verbringt den Vormittag mit Willem und Frieda, am Nachmittag besucht sie eine weitere Familie.

Steuber ist gern ehrenamtlich aktiv und hat bereits in mehreren Projekten mitgewirkt. Für Känguru ist sie besonders gern unterwegs. "Es ist schön, den Familien zu helfen. Bei Känguru wird man sehr gut auf die bevorstehenden Aufgaben vorbereitet. Wir Ehrenamtlichen treffen uns regelmäßig, werden kontinuierlich weitergebildet. Das ist nicht überall so", sagt Steuber. In einer dieser Fortbildungen lernte Steuber den Umgang mit Schreikindern. Corina L. ist überzeugt, dass Willem das Schreien auf das normale Maß reduziert hat, ist Steubers Verdienst.

Zwischen den Frauen hat sich eine Freundschaft entwickelt. "Ich hatte von Anfang an keine Bedenken, Annette meine Kinder zu geben", sagt Corina L. Dazu tragen neben Steubers Lebenserfahrungen auch die Fortbildungen bei. "Annette weiß, was zu tun ist. Da brauche ich keine Sorgen haben. Ich bin Annette sehr dankbar. Ich würde mich gern öfter erkenntlich zeigen. Immerhin opfert sie ihren einzigen freien Tag für uns", sagt die dreifache Mutter. Steuber, die inzwischen wieder mit Willem knuddelt, schaut nur kurz auf, winkt beiläufig ab. "Für mich ist das Oma-Zeit. Ich genieße das. Eine Win-Win-Situation."

Ohne Helga Lümmen hätten sich die beiden Frauen nicht kennengelernt. Lümmen holte das Projekt Känguru der Diakonie ins Havelland. In Berlin ist Känguru seit Jahren etabliert, 2017 ging Lümmen in Falkensee mit dem Känguru-Standort an den Start. Die Sozialarbeiterin hat Erfahrung mitgebracht. In Nordrhein-Westfalen hatte sie einst den Tagesmütter-Verband mitgegründet. Inzwischen haben ihre Familienpaten neun Familien mit insgesamt achtzehn Kindern unterstützt. Wenn es nach Lümmen geht, dürfen es gern viel mehr werden. Allerdings fehlen ihr weitere Familienpaten. Drei Ehrenamtliche unterstützen mit Känguru Familien zwischen Schönwalde, Seeburg, Fahrland und Brieselang.

Gute Freundinnen und Omas auf Zeit dringend gesucht

Die Familienpaten sind der Nachbarschaftshilfe entlehnt. Gesucht wird die Freundin im gleichen Alter oder der "Oma-Ersatz." Mobil sollten die Paten sein, das Fahrgeld wird erstattet. Zwei bis drei Stunden Zeit in der Woche sollten eingeplant werden und Liebe und Freude an Kindern mitgebracht werden. Die Familienpaten werden mit Ausbildungen auf ihre Aufgabe vorbereitet, drei weitere Fortbildungen im Jahr sind Pflicht. Was Lümmen noch wichtig ist: "Toleranz gegenüber den Erziehungsidealen anderer Familien. Man sollte nicht versuchen, die eigenen Vorstellungen weiterzugeben." Einmal im Jahr sagt Lümmen ihren Familienpaten bei einem Ausflug Danke. Die Wertschätzung für deren Arbeit liegt ihr sehr am Herzen.

Das gemeinnützige Projekt Känguru betreut Familien mit Kindern unter einem Jahr für maximal ein Jahr. Das für die Familien kostenfreie Angebot ist an keine Konfession gebunden.

Weitere Informationen gibt es bei bei Helga Lümmen, Diakonieverein im Kirchenkreis Falkensee e.V., Bahnhofstraße 61 in Falkensee, telefonisch unter 03322/2341388 oder via E-Mail an diakonie-falkensee@t-online.de.

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