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Radtour
Geschichte hautnah erleben

Erika Paul hat sich umfassend mit der Geschichte des Landjugendheims befasst. Ihre Klassenkameradin Christa Schmey wurde hier vor den Nazis versteckt.
Erika Paul hat sich umfassend mit der Geschichte des Landjugendheims befasst. Ihre Klassenkameradin Christa Schmey wurde hier vor den Nazis versteckt. © Foto: Silvia Passow
Silvia Passow / 12.04.2019, 19:15 Uhr
Falkensee Vor einer Woche hoben die Mitglieder der "Vorbereitungsgruppe Stolpersteine" so manchen Schleier der Vergangenheit. Geschichte, Orte der Vergangenheit, menschliche Schicksale, sie ließen wieder auferstehen, was droht, im Dunkel der Vergessenheit zu ruhen. Die zweistündige historische Radtour durch Waldheim und Falkenhain führte an Orte der Erinnerung.

Eine Radtour durch ein bekanntes und doch unentdecktes Land. Die erste Überraschung gab es freilich für die Mitglieder der "Vorbereitungsgruppe Stolpersteine", die zur historischen Radtour geladen hatten. Rund sechzig Geschichtsinteressierte fanden sich am Ausgangspunkt der Tour, dem Bahnhof Finkenkrug, ein. Dass die Tour zu Rad ein generationsübergreifender Ausflug werden würde, war die nächste Überraschung. Familien, Jugendliche, Senioren, ein Querschnitt durch alle Altersgruppen.

Auf den Spuren der Vergangenheit

Bereits am Bahnhof gab es historische Einblicke. Das Villenviertel Finkenkrug war einst beliebtes Ausflugsziel. Um den Bahnhof gab es entsprechend viele Lokale. Und auch das Bahnhofsgebäude hatte repräsentativen Charakter. Zum Beweis hält Thomas Lenkitsch, Mitglied der Vorbereitungsgruppe, alte Fotos in die Höhe. Und einige der älteren Radfahrer erinnern sich an die stets gut besuchte HO-Bierstube am Bahnhof.

Von hier ging es weiter nach Waldheim. Der erste Halt gilt dem Stolperstein für Karl Karthun. Karthun, der als Kellner gearbeitet hatte, wurde 1941 nach Bernburg/Saale verschleppt und ermordet. Nicht weit von dem Stolperstein, der an ihn und sein Schicksal erinnert, lag einst das kleinste der Kriegsgefangenenlager in Falkensee. Etwa 20 Menschen waren hier inhaftiert und wurden zur Arbeit gezwungen. Im zweiten Weltkrieg, erzählt Lenkitsch, hatte Falkensee 20.000 Einwohner. Dazu kamen 18.000 Kriegsgefangene.

In einer Kurve am Havelländer Weg stehen ein Gedenkstein und eine Informationstafel. Der Gedenkstein erinnert an drei sehr mutige Frauen. Anna von Gierke, Isa Gruner und Alice Bendix, sie alle drei leiteten das Landjugendheim. Alice Bendix war die erste Leiterin des Heims in Finkenkrug. Sie wird 1922 Leiterin und blieb für etwa 10 Jahre dort. Später ging sie nach München, leitete dort das Antonienheim bis zu dessen Auflösung 1942. Im März 1943 begleitete sie die jüdischen Kinder des Heimes auf ihre letzte Reise nach Auschwitz. Dort wurde sie gleich nach ihrer Ankunft in die Gaskammer gebracht und ermordet.

Bendix hatte zuvor die Chance gehabt, zu ihrem Bruder in die Schweiz zu flüchten. Sie nahm sie nicht wahr, sah ihre Lebensaufgabe darin, sich um leidende, jüdische Kinder zu kümmern, schreibt Erika Paul in ihrem Buch "Zwischen Sozialgeschichte und Fluchtort - Das Landjugendheim Finkenkrug und seine mutigen Frauen."

Erika Paul steht selbst am Gedenkstein und berichtet über das Landjugendheim, von dem heute nichts mehr zu sehen ist. Paul, Jahrgang 1934, wurde durch das Schicksal einer ehemaligen Mitschülerin auf das Landjugendheim Finkenkrug aufmerksam. Christa Schmey, die Mitschülerin war 1945 plötzlich da, kaum jemand wusste etwas über sie. Jahre später recherchierte Paul. Das jüdische Mädchen Christa war im Landjugendheim vor den Nazis versteckt worden, so wie mindestens dreizehn weitere Kinder. Von 1934 bis 1945 versteckte Isa Gruner im Heim Kinder, die verfolgt und mit dem Tod bedroht wurden.

Wo heute schmucke Eigenheime stehen, befand sich wiederum ein Kriegsgefangenlager. An der Friedrich-Judwig-Jahn-Straße arbeiteten Zwangsarbeiterinnen für Siemens. Weiter ging es zum Heil-Pädagogischen Heim, zu dessen Geschichte wenig bekannt ist. Von hier aus führte die Tour zum 2011 verlegten Stolperstein für Elisabeth H. Steffen. Der Stein liegt vor ihrem Originalwohnhaus. Die Familie der im Lager Trawniki ermordeten Frau lässt das kleine Haus, so wie es ist. Steffen war Jüdin gewesen, hatte sich geweigert den Judenstern zu tragen und war dafür zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Da sie nicht vermögend war, konnte sie nicht bezahlen. Nach ihrem Abtransport ins Todeslager forderte das Finanzamt das Geld von ihren Verwandten ein.

Die insgesamt zwei Stunden lange Tour endete in der Forstschule Finkenkrug. Wer es verpasst hat, die "Vorbereitungsgruppe Stolpersteine" plant weitere Touren durch die Stadt.

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