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30. Kloster-Fest in Chorin
Der Herr der mittelalterlichen Klänge

Roman Streisand, Musiker und Künstler
Roman Streisand, Musiker und Künstler © Foto: dpa/ZB/Patrick Pleul
dpa / 14.04.2019, 16:24 Uhr
Chorin (dpa) Wenn Roman Streisand zur Sackpfeife greift und ihr die ersten, sehnsuchtsvollen Töne entlockt, denken die Zuhörer sofort ans Mittelalter. Das Kostüm des Musikers verstärkt den Eindruck noch. "Ich spiele alles, wo sich reinpusten lässt, wollte aber nie für einen Schotten gehalten werden", sagt er lächelnd.

Als Musiker und Komponist tourt Streisand durch Deutschland, mit selbst gebauten Instrumenten, die eine Mischung aus Flöte, Trompete und einem Ledersack sind. Charakteristisch für seine Kreationen sind geschnitzte Köpfe mit wilden Hörnern oder Zickenbärten. Inspiriert wurde er vor Jahren von Dudelsackspielern in Bulgarien. Doch er habe keine fremde Kultur imitieren wollen, weder die schottische noch die bulgarische, erklärt der Wahl-Brandenburger. "Mit diesen Instrumenten landest du dann ganz zwangsläufig beim Mittelalter, wo Sackpfeifen und Trommeln bei Hirten und Bauern gebräuchlich waren", erzählt der Künstler und Kopf der 1981 gegründeten Band "Spilwut".

Deren Aushängeschild ist das alljährliche Oster-Kloster-Fest in Chorin, das in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum feiert. Zum Kloster Chorin hat Streisand eine noch längere Beziehung. "Da war ich mit meiner Mutter schon als Kind", erzählt der gebürtige Berliner. An den Klostermauern hat er bereits vor der Wende gespielt, später auch mal innerhalb der Anlage, als Streisand eine Theater-Revue geschrieben hat. Das Oster-Kloster-Fest, dessen 30. Ausgabe Streisand gerade vorbereitet, wechselte im Laufe seiner Geschichte mehrfach den Platz, kehrte letztlich jedoch in die Nähe des Klosters zurück.

"Die Anlage und das Fest ergänzen einander", sagt auch Franziska Siedler, Leiterin der Choriner Klosterverwaltung. Gerade zu Feiertagen wie Ostern, Pfingsten und Himmelfahrt sei das Kloster Chorin Ausflugsziel im Grünen, auch durch die gute Bahnanbindung.

Inzwischen habe sich auf dem Klostergelände allerdings eine eigene Veranstaltung etabliert, mit Sonderführungen, Ostermarkt, Live-Musik, Konzerten und Kindertheater, sagt Siedler. "Beides – unser Angebot und das Oster-Kloster-Fest – ist an einem Tag gar nicht zu schaffen. Da profitieren wir also nicht voneinander", stellt sie klar.

"Als wir vor 30 Jahren anfingen, auf einem Privatgelände am Choriner Amtssee, hatten wir 20 Stände und etwas Musik. Die Resonanz war riesig, weil es ansonsten zu Ostern kaum Veranstaltungen gab, zu denen sich ein Familienausflug lohnte", erinnert sich Streisand. Inzwischen sei das Oster-Kloster-Fest ein Spektakel über fünf Tage, mit 300 Akteuren vor und hinter den Kulissen, pro Ausgabe jeweils mehr als 10 000 Besuchern und vollem Programm: Gaukler, Marktvolk, mittelalterliches Handwerk, traditionelle Osterbräuche, drei Theater und fünf Konzerte.

Doch woher kommt die Faszination gerade für das Mittelalter? Für Streisand ist es zunächst eine Reaktion auf die aktuelle Überperfektionierung – gerade auch in der Musik. "Mit viel Technik bringst du alles zum Klingen. Bei uns ist die Musik handgemacht, live. Wir vermitteln ein Gefühl von Echtheit", glaubt er. Besucher könnten mittanzen, nicht nur schauen. Das sei ein ganz anderes Erlebnis.

Zudem greife der Mensch in Zeiten vieler Umbrüche gern auf Altbewährtes zurück, glaubt der vierfache Vater, der Wert darauf legt, mit dem Fest auch etwas für die Bildung zu tun. "Wer weiß heute noch, dass die biblische Passionsgeschichte Ursprung des kirchlichen Osterfestes ist? Wir inszenieren sie an allen Ostertagen auf großer Bühne."

Inzwischen habe die Mittelalter-Faszination allerlei "Halbgewalktes" und eine wahre Veranstaltungsflut hervorgebracht, sagt Streisand. Durch die "Spilwut"-Tourneen oder Solo-Auftritte komme er viel herum, erlebe andere Feste. "Da spielen der Fantasy-Trend à la "Game of Thrones" oder Grufties eine Rolle, alles wird vermischt", kritisiert er.

Diesen Trend hat auch Kloster-Chefin Siedler bemerkt, jedoch sieht sie ihn nicht negativ. "Neue Impulse beleben doch die Tradition, ziehen auch die nächste Generation in den Bann – mit traditionellem Handwerk für die Erwachsenen und Märchenhaftem für die Kinder", sagt sie.

Die Fäden für das Oster-Kloster-Fest laufen auf Streisands Kulturhof in der Nähe von Chorin zusammen. Auf dem alten Gutsgelände baut der gelernte Buchbinder an seinen Sackpfeifen und komponiert neue Lieder. Herzstück ist die große Feldsteinscheune mit einer Bühne für die "Spilwut"-Proben und jeder Menge Stauraum für die Mittelalter-Dekoration. Dazu gehören auch mehrere imposante Drachenfiguren. Und die speien sogar Feuer.

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