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Im Windschatten Fontanes

Die drei großen Söhne Neuruppins: Noch Ende des 19. Jahrhunderts wurde Ferdinand Möhring auf Augenhöhe mit Karl-Friedrich Schinkel und Theodor Fontane gesehen. Heute ist sein Ruhm verblasst.
Die drei großen Söhne Neuruppins: Noch Ende des 19. Jahrhunderts wurde Ferdinand Möhring auf Augenhöhe mit Karl-Friedrich Schinkel und Theodor Fontane gesehen. Heute ist sein Ruhm verblasst. © Foto: Fontanegesellschaft
Brian Kehnscherper / 20.04.2019, 14:02 Uhr
Neuruppin (MOZ) Johann Sebastian Bach gilt als einer der bedeutendsten, wenn nicht sogar als der bedeutendste Komponist aller Zeiten. Dabei waren er und seine heute weltberühmten Werke bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nahezu vergessen. Erst nachdem Felix Mendelssohn Bartholdy die Matthäus-Passion im Leipziger Gewandthaus wiederaufführte, gelangte Bachs Musik wieder zu Ruhm. Ähnlich soll es Ferdinand Möhring ergehen.

Nun lässt sich die musikalische Bedeutung des in Alt Ruppin geborenen und aufgewachsenen Komponisten nicht mit der Bachs vergleichen. Doch die Musikwissenschaftlerin Dr. Ulrike Liedtke möchte, dass Möhrings Werke eine ähnliche Renaissance erfahren wie jene Bachs. Denn Liedtke ist sich sicher, dass Möhring mehr Bekanntheit verdient hat. Deshalb möchte sie so viel wie möglich der teils verschollenen Musik des Alt Ruppiner Komponisten wieder an die Öffentlichkeit bringen. "Fontane hat seine Bücher, Schinkel hat seine Architektur. Doch wenn ein Musiker nicht gespielt wird, gerät er in Vergessenheit", so Liedtke. Und während der Dichter und der Architekt noch heute als die bedeutendsten Söhne Neuruppins betrachtet werden, wird Möhring nicht die Anerkennung zuteil, die er verdient hat. Die Ferdinand Möhring Gesellschaft, der Liedtke vorsitzt, möchte ausgerechnet das Fontanejahr nutzen, um daran etwas zu ändern.

Für Liedtke ist ohnehin unverständlich, warum Möhring fast vergessen ist. "Er gehört zu den drei Geistesgrößen in Neuruppin", sagt sie. Seine 1. Sinfonie ist unter der Leitung Felix Mendelssohn Bartholdys im Gewandhaus Leipzig uraufgeführt worden, immerhin einem der größten Konzerthäuser Europas. Zudem war Möhring einer der Mitbegründer des Deutschen Männerbundes. Was seine Bedeutung für Neuruppin angeht: Keiner der drei bekannten Stadtsöhne hat so lange in der Stadt gewirkt wie Möhring. 30 Jahre lang war er Kirchenmusikdirektor, unterrichtete am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und leitete den Alt Ruppiner Männergesangsverein. "Er hat die Stadt kulturell geprägt", ist sich Liedtke sicher. Auf einer alten Postkarte Neuruppins wird der Komponist daher gleichrangig mit Schinkel und Fontane als bekannter Sohn der Stadt aufgeführt. Diesen Stellenwert soll er laut Liedtke wieder erhalten.

Um mehr über Möhring und seine Musik zu erfahren, haben die Mitglieder der Fontanegesellschaft in den vergangenen Jahren in zahlreichen Archiven gestöbert. Dabei konnten sie auch das Werkverzeichnis aufstöbern, das alle bekannten Kompositionen Möhrings auflistet. Stück für Stück versucht die Möhringgesellschaft ebenfalls, alte Notenblätter zu finden, um seine Werke wieder spielen zu können. Neben vielen kirchlichen und weltlichen Chorliedern hat der Komponist auch zahlreiche Instrumentalstücke komponiert.

Bei der Archivarbeit stießen die Mitglieder der Gesellschaft auf ein Schreiben an Theodor Fontane, in dem er darum gebeten worden ist, bei einer Neuauflage seiner Wanderungen dem Kapitel über Alt Ruppin einige Zeilen über Ferdinand Möhring hinzuzufügen. Fontane antwortete, dass er dies gern tue. Weil jedoch gerade erst eine neue Auflage der Wanderungen erschienen war, könne es bis zu einer neuerlichen Veröffentlichung einige Jahre dauern. Der Dichter starb, bevor es dazu kam. "Hätte Fontane dieses Kapitel schreiben können, wäre Möhring nicht so in der Versenkung verschwunden", ist sich Uta Greschner sicher. Sie ist Schriftführerin der Gesellschaft. Die Journalistin hatte im Vorfeld des 200. Geburtstags des Komponisten im Jahr 2016 für den Fernsehsender rbb einen Beitrag über Möhring gedreht. Seitdem befasst sie sich intensiv mit ihm. Das meiste, das Greschner für ihren Fernseh-Beitrag über Möhring in Erfahrung bringen konnte, stammte aus einer dünnen Biografie. Seitdem konnte die Gesellschaft zahlreiche neue Erkenntnisse zu Tage fördern. So fand Greschner im Staatsarchiv von Berlin eine Art Gästebuch des Komponisten. Der bestens vernetzte Musiker ließ sich darin zahlreiche Kollegen und andere Zeitgenossen verewigen. Auch ein Empfehlungsschreiben Bartholdys, das Möhring eine Anstellung als Kapellmeister ermöglichen sollte, fand sich darin. Weil die Einträge nur auf Mikrofilm archiviert waren, war es sehr mühselig, sie zu entziffern. Auf Greschners Anfrage hin werden die Bestände nun digitalisiert.

Um die Ergebnisse der Forschung über Möhring öffentlich zugänglich zu machen, soll eine Homepage erstellt werden. Erst kürzlich hat Kulturland Brandenburg eine Fördersumme in Höhe von 2 800 Euro für dieses Projekt bewilligt. Bis zum Jahresende soll die Internetseite fertig sein.

Doch wie lässt sich Möhring nun im Fontanejahr unterbringen? Ulrike Liedtke möchte die beiden über die Epoche, in der sie lebten. miteinander verbinden. "Möhring und Fontane sind Zeitgenossen. Diesem Aspekt muss man auf den Grund gehen – auch historisch", sagt sie. Zwar sind sich die beiden wohl nie begegnet. Ihre Biografien wurden aber von bewegenden gesellschaftlichen Umwälzungen geprägt. Für Liedtke ist es die Entstehung des Nationalstaates, die jene Zeit ausmacht hat. In Möhrings Fall kommt hinzu, das neben dem steigenden Nationalstolz auch der Trend herrschte, dass sich viele Männergesangsvereine gründeten.

Mit dem Lebensgefühl jener Zeit wird sich die dreiteilige Veranstaltungsreihe (siehe Infokasten) "Zeitgeist, Zeitbild, Zeitklang" befassen. Bei der Auftaktveranstaltung am 13. Juli wird Alfred Nehring, Chefdramaturg für Weltliteratur und Theater beim DDR-Fernsehen, über die 1970er-Verfilmung von "Effi Briest" berichten. Vor allem wird es um die Frage gehen, wie der historische Zeitgeist aus dem Roman eingefangen worden ist – unter anderem über die Musik jener Epoche. Somit wird auch die Brücke zu Ferdinand Möhring geschlagen, der zu seiner Zeit eine Art Popstar war.

Weitere Veranstaltungen

Im August stehen zwei weitere Veranstaltungen der Möhringgesellschaft auf dem Plan.

Am 25. August gibt die Neuruppiner Kantorei ein Konzert in der Klosterkirche. Unter dem Titel "Neuruppiner Dreiklang" werden neben Ferdinand Möhring auch die anderen zwei großen Söhne der Stadt Neuruppin gewürdigt. Aus diesem Grund erklingen neben Kompositionen Möhrings auch verschiedene vertonte Gedichte von Theodor Fontane – unter dem vom Karl Friedrich Schinkel gefassten Altar. Das Konzert beginnt um 19 Uhr.

Der Frage, was Möhring und Fontane verbindet, wird am 27. August bei einem multimedialen Vortrag in der Neuruppiner Siechenhauskapelle nachgegangen. Mit Liedern, Texten und filmischen Impressionen machen sich die Veranstalter auf die Spur der beiden Männer.⇥bk

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