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30 Jahre Grenzöffnung
Zeitreise auf der Theaterbühne

Arbeit am Stück: Melanie Seeland, Ahamat Gadji Azina, Rico Wagner und Inès Burdow (v. l.) diskutieren die Dramaturgie von "Horror Vacui? Ein Aushandlungsprozess".
Arbeit am Stück: Melanie Seeland, Ahamat Gadji Azina, Rico Wagner und Inès Burdow (v. l.) diskutieren die Dramaturgie von "Horror Vacui? Ein Aushandlungsprozess". © Foto: Jens Sell
Jens Sell / 22.04.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 23.04.2019, 09:12
Strausberg (MOZ) Wie wird aus einer großen Zahl Zeitzeugenberichte über den Mauerfall ein Theaterstück? Wie entsteht Kunst aus Dokumentarischem? Der Schöpfungsakt findet gerade im kleinen Kreis der Theatermacher der Anderen Welt Bühne (DAWB) auf dem Gelände des ehemaligen Fernmeldeamtes in der Garzauer Straße statt. Seit Wochen haben sie die Ergebnisse ihrer Recherchen gesichtet und ausgewertet. Es soll das Strausberger Stück über die Grenzöffnung werden, denn es sind vor allem die Berichte der Strausberger und der Bewohner der Umgebung, die in den Schaffensprozess einfließen.

"Was das Ergebnis sein wird, weiß man im Theater immer nicht so richtig vorher", sagt Regisseur Rico Wagner. Auf der Bühne wird schließlich nicht nur der Text, vorgetragen von den Darstellern, zu erleben sein.  Das Bühnenstück werde letztlich die kreative Kombination von Inszenierung, Kostümen, Musik und Bühnenbild mit der Sprache sein.

Strausberger um Hilfe gebeten

Vor Wochen hatten die Theaterleute die Strausberger um Hilfe gebeten. Fragebögen wurden verschickt und ausgefüllt zurückgesandt. In Workshops kamen die unterschiedlichsten Erlebnisse und Erfahrungen zur Sprache, reflektierten die Menschen ihre Sicht auf die Ereignisse des Novembers 1989 und ihre seither zurückgelegten Wege. Viele Tonaufnahmen und Notizen bilden die Datenbasis für das Stück "Horror Vacui? Ein Aushandlungsprozess".

Der Titel betont den veränderlichen Charakter und auch, wie stark die Strausberger mit ihren Berichten Einfluss auf das Stück nehmen. Schauspielerin Melanie Seeland, 1989 im Kindergartenalter in Kassel, sagt: "Über das Subjektive aus den intensiven Workshops ist für mich durch die vielen unterschiedlichen Sichten ein großes Gefühlsbild jener Tage entstanden." Damit wäre mehr erreicht, als Geschichtsbücher und Dokumente vermochten. Und: "Das hat mich sehr mitgenommen."

Ihre Kollegin Inès Burdow ist ganz anderer Herkunft. Ihre Mutter berichtet vom leeren Zimmer an jenem 9. November, als sie mit ihrem Mann, einem NVA-Offizier, nach der halbwüchsigen Tochter schaute: "Das war vielleicht ein Schreck!" Die Schauspielerin selbst erlebt die Aufarbeitung in den Workshops als sehr aufwühlend: "Für uns ist hier auch der Weg das Ziel", spielt sie auf den Titel des zweiten Stückes der "Aushandlungstrilogie" an.

Das Theaterstück ergebe sich im Zuge der Auseinandersetzung von Menschen so unterschiedlicher Sozialisierung – Rico Wagner ist Jahrgang 1987, der Vierte im Team, Ahamat Gadji Azina, Philosoph aus dem Tschad – mit dem Thema Grenzen und Hoheitsgebiete. "Wir können nicht vorhersehen, was am Ende herauskommt", sagt Inès Burdow, "wir sind mit den Brandenburgern auf eine gemeinsame Reise gegangen, das ist ein spannendes Experiment und hoch emotional."

Anders als im Vorgängerstück werden nicht nur Melanie Seeland und Inès Burdow zwei Figuren verkörpern, auch ein Strausberger soll mit auf der Bühne stehen. Rico Wagner sagt, es würde nicht eine Darstellerin einen Zeitzeugenbericht vortragen, sondern mehrere Sichten in einer Figur abstrahiert: "Aber keine Angst, das Stück ist nicht nur textlich angelegt", sagt er.

Wenn der Crew der Kopf schwirrt von zu viel Sichten, Stimmungen, Interviews, dann greifen die vier zum Werkzeug und zimmern ihre neue Bühne. "Wir bauen die Bretter, die uns die Welt bedeuten, selbst zusammen", sagt Inès Burdow hintergründig. Und Melanie Seeland ergänzt: "Man hat beim Spielen eine ganz andere Beziehung, wenn man bespielt, was man selbst gebaut hat."

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