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Suizid-Gefahr
Wie einsam ist Brandenburg?

Nur wenige haben Freunde
Nur wenige haben Freunde © Foto: dpa
Ulrich Thiessen / 23.04.2019, 18:58 Uhr
Potsdam. (MOZ) Einsamkeit? Das war in Brandenburg bislang kein Thema, mit dem sich die Landespolitik beschäftigt hätte – bis die CDU-Fraktion Anfang des Jahres dazu eine Große Anfrage stellte. Aus den 68 Antworten geht hervor, dass in Brandenburg rund 172 000  Menschen über 65 Jahre allein in Einpersonenhaushalten leben. Darunter 30 500 Personen über 85 Jahre. 108 000 Personen, das sind 82 Prozent aller Pflegebedürftigen in Brandenburg, werden aktuell zu Hause versorgt. Insgesamt gab es 2017 480 400 Einpersonenhaushalte zwischen Uckermark und Lausitz.

Rentnern droht Altersarmut

Laut Landesregierung ist Armut häufig die Ursache für mangelnde gesellschaftliche Teilhabe und Einsamkeit. Als armutsgefährdet galten im Jahr 2017 rund 368 000 Personen. Die CDU geht in ihren Fragen davon aus, dass im Jahr 2040 auf Grund der hohen Arbeitslosigkeit in den 90ern jeder dritte Rentner in Altersarmut leben muss. Die Landesregierung erklärte, dass ihr solche Prognosen nicht bekannt seien.

Die Statistik weist zudem aus, dass hochaltrige Männer über 85 Jahre besonders selbstmordgefährdet sind. 2007 gab es in Brandenburg 325 Selbsttötungen. Im Jahr 2016 (neuere Zahlen liegen nicht vor) waren es 302 Fälle. Davon entfielen 226 Suizide auf Männer. Zwischen 2007 und 2016 wurde ein Prozent der Selbstmorde von Menschen mit nichtdeutscher Herkunft begangen. Dieser Wert liegen weit unter dem Bundesdurchschnitt, der bei fünf Prozent lag.

Unklar bleiben die Auskünfte zu den gesundheitlichen Folgen von Einsamkeit. Dazu, heißt es seitens der Landesregierung, liegen keine belastbaren Erkenntnisse vor. Allerdings gibt es in Brandenburg mehr Herzkreislauf- und Diabetes-Erkrankungen als im Bundesdurchschnitt. Auch ein einfacher Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Spielsucht oder Drogenkonsum ließ sich statistisch nicht belegen.

Einsamkeit ist jedoch kein Phänomen des Alters. Gefragt wurde auch nach der Situation bei Kindern. 121 700 Kinder wachsen zurzeit in Brandenburg ohne Geschwister auf, 39 000 davon bei alleinerziehenden Eltern. Allerdings sagt das allein weder etwas über die Situation der Kinder noch über die der Eltern aus. Zu Mobbing oder den Auswirkungen von übermäßiger Computernutzung gibt es aktuell keine Zahlen. Bei der Frage nach dem Leistungsdruck, dem Schüler ausgesetzt sind, wurde auf eine Studie in Zusammenarbeit mit der BTU Cottbus verwiesen, an der 3600 Schüler und 1500 Lehrer teilnehmen sollen. Die Ergebnisse liegen noch nicht vor. Zahlen gibt es zu Aktivitäten der Jugendämter. 2017 wurden 2828 Verdachtsfälle auf Kindswohlgefährdung eingeleitet, in 1620 Fällen davon wurde eine Vernächlässigung festgestellt.

Handlungsbedarf räumte die Landesregierung bei der Jugendarbeit im ländlichen Raum ein. 2008 gab es in Brandenburg 1356 Jugendfreizeiteinrichtungen, davon 321 mit festem pädagogischen Personal. Die Zahl der selbstverwalteten Jugendeinrichtungen ging in den letzten zehn Jahren um ein Drittel zurück. Die Landesregierung erklärte, dass hier Versäumnisse existieren. Es dürfe nicht länger nur darum gehen, die Jugendarbeit auf Schulstandorte zu konzentrieren.

Die sozialpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Roswitha Schier, die zu den Fragestellern gehörte, bemängelte gegenüber dieser Zeitung, dass die  Landesregierung sich nicht für den Bau von Mehrgenerationenhäusern engagiert, die eine probates Mittel sind, ein Leben in Einsamkeit zu verhindern. Außerdem kritisiert sie, dass es mit Verweis auf die Zuständigkeit verschiedener kommunaler Institutionen keinen Überblick gibt, in wie vielen Fällen psychische und soziale Probleme im Alter zu Verwahrlosungen führen. Hier sei eine bessere Koordinierung zwischen den Ebenen nötig, so Schier. Der Landtag wird voraussichtlich im Mai die Große Anfrage im Plenum diskutieren.

Suche nach politischen Stellschrauben

Jeder dritte Deutsche fühlt sich zumindest manchmal einsam, heißt es in der Vorbemerkung der Großen Anfrage. Jeder zehnte Mensch ist ständig oder häufig einsam, wird eine Studie des Marktforschungsinstitutes Spendid Research zitiert. Als mögliche Ursachen einer sozialen Isolation werden Trennungen, Wohnortwechsel, Krankheiten oder Leistungsdruck, vor allem aber Armut angegeben. Auch Alleinerziehende oder pflegende Angehörige verlieren oft den Anschluss an die Gesellschaft. Einsamkeit sei ein drängendes Problem, formuliert die CDU und fragt nach politischen Stellschrauben. ⇥thi

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