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Der Chef der Arbeitsagentur Frankfurt (Oder), Jochem Freyer, beantwortet Fragen zum regionalen Arbeitsmarkt.

Interview
Arbeitsagentur und Jobcenter bieten Rundumpaket

Der Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Frankfurt (Oder) Jochem Freyer
Der Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Frankfurt (Oder) Jochem Freyer © Foto: Jenning, Sonja
Jens Sell / 24.04.2019, 07:00 Uhr
Strausberg (MOZ) Nächste Woche werden die Arbeitsmarktzahlen für den Monat April veröffentlicht. Wie aber haben sich die Zahlen entwickelt, welche Schwerpunkte gibt es, und wie verhält es sich mit geduldeten und bleibenden Ausländern? Im MOZ-Interview gibt der Chef der Arbeitsagentur Frankfurt (Oder), Jochem Freyer, Antworten.

Herr Freyer, Immer mehr Flüchtlinge haben jetzt einen Aufenthaltstitel, ziehen in Wohnungen und bekommen Hartz IV. Was wird getan, um sie in Jobs zu bringen?

Ausländer mit einer Duldung betreuen wir nicht, die mit einem Aufenthaltstitel werden vom Jobcenter betreut, und das läuft besser, als wir das 2015/16 vermutet haben. Unsere Erfahrung ist: Beschäftigung ist die beste Integration. Zunächst qualifizieren wir sie in Kursen für den ersten Arbeitsmarkt. Und dann heißt es: Keinen Abschluss ohne Anschluss, also eine Arbeit. Wenn  das nicht klappt, bringen wir sie im nächsten Kurs unter, damit sie sozial eingebunden bleiben. Im Landkreis Märkisch-Oderland sind 1200 Ausländer aus der Europäischen Union und Drittstaaten im erwerbsfähigen Alter bei uns gemeldet. Letztere brauchen einen Aufenthaltstitel. Aus den klassischen Asylländern sind bei uns 470 Flüchtlinge gemeldet. Ein Teil ist in Kursen, andere vermitteln wir auch unter Nutzung unseres bundesweiten Netzwerks. Viele können wir in Berlin unterbringen, wo Nachfrage in Bereichen herrscht, für die Sprachkenntnisse nicht entscheidend sind, wie Gebäudereinigung oder Hotellerie und Gastronomie.

Wie ist es möglich, dass junge Leute eine dauerhafte Hartz-IV-Karriere haben? Gibt es keine Möglichkeiten, Menschen zu zwingen, umzuschulen oder einen Hilfsjob anzunehmen?

Wir als Agentur für Arbeit und Jobcenter bieten ein Rundumpaket an, das andere öffentliche Dienstleister nicht haben. Wir beraten, fördern, aktivieren, qualifizieren und finanzieren neutral und kostenfrei junge Menschen, die von ihren Eltern und der Schule noch nicht auf den rechten Weg gebracht wurden, damit sie in Arbeit kommen. Und Sie haben Recht: Jedes System braucht Regeln, auch junge Menschen brauchen Regeln. Aber: Zu viele Regeln und am Ende keine Leistungen – das führt zu nichts. Es ist eine Gratwanderung zwischen Unterstützen und Aktivieren. Unser Ziel ist eine grundständige Ausbildung aller jungen Menschen, die wir gegebenenfalls zunächst mit kleinen Maßnahmen aufbauen wie Tests und Praktika. Die Jugendberufsagentur hilft dabei seit zwei Jahren. Grundsatz ist, dass wir junge Menschen nicht ohne Ausbildung in eine Arbeit vermitteln wollen.

Das gilt auch für ältere Menschen, die sich eine theoretische Qualifizierung oft nicht mehr zutrauen. Wir überzeugen sie dann zu kleinen Modulen, um erste Erfolgserlebnisse zu schaffen. Dort liegt ein Hauptbetätigungsfeld, weil der Anteil der Langzeitarbeitslosen wächst. Angesichts der anhaltenden Nachfrage in der Wirtschaft haben wir kaum Arbeitslose, die leicht zu vermitteln sind, sondern schwerere Fälle mit mehreren Defiziten. Da arbeiten wir dann auch mit dem eigenen medizinischen Dienst zur Befunderhebung, mit freien Trägern und Sozialpädagogen zusammen.

Bad Freienwalde ist in Märkisch-Oderland stets Schlusslicht. Warum läuft es in Strausberg und in Seelow besser?

Ja, Bad Freienwalde hat besonderen Entwicklungsbedarf, im Winter stieg dort die Arbeitslosenquote wieder über zehn Prozent. Jetzt liegt sie bei sieben. Der Rückstand begann gleich nach der Wende, aber es hat schon einen deutlichen Schritt nach vorne gegeben seit den Zeiten, als Quoten weit über 20 Prozent angesagt waren. Eine Annäherung an den Speckgürtel wird es nie geben, weil zu viele arbeitsfähige Menschen aus der Freienwalder Region weggezogen sind, sich kaum Produktion dort entwickelt hat. In Seelow gibt es noch ein wenig mehr Landwirtschaft und vor allem Verwaltung. So gibt es wenige gut bezahlte Jobs in Freienwalde, und für die schlecht bezahlten lohnt sich das Pendeln nicht. In Märkisch-Oderland pendeln übrigens 44 000 Menschen aus und 19 000 ein, das heißt: 25 000 Arbeitsplätze liegen außerhalb des Landkreises. In Zukunft wollen wir den Pendlern verstärkt Arbeitsplätze in der Heimat anbieten.

Arbeitslosenquoten der Regionen 2014 bis heute

Ein Blick in die Statistik der vergangenen fünf Jahre zeigt, dass sich die Arbeitslosenquoten in allen drei Altkreisen seit 2014 halbiert haben. So hatte Bad Freienwalde 2014 eine Jahresdurchschnittsquote von 19,9 Prozent, heute sind es noch 10,2. Seelow verzeichnete vor fünf Jahren 18,2 Prozent und hat heute 8,9 Prozent. Strausberg konnte die Arbeitslosenquote von 9,9 Prozent 2014 auf 4,3 Prozent Ende März 2019 senken. In der nächsten Woche kommen die April-Zahlen. Angesichts des Baubooms und der Frühjahrsbelebung gerade in der Baubranche kann man mit einem weiteren Sinken  rechnen.⇥js

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