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Literatur
Einblicke in Fontanes Eheleben

Lasen aus Fontanes Eheleben: Von Tilla Kratochwil und Rainald Grebe erfuhr das Publikum von weitgehend unbekannten und privaten Seiten des großen Literaten, der in diesem Jahr in seiner Geburtsstadt Neuruppin gefeiert wird.
Lasen aus Fontanes Eheleben: Von Tilla Kratochwil und Rainald Grebe erfuhr das Publikum von weitgehend unbekannten und privaten Seiten des großen Literaten, der in diesem Jahr in seiner Geburtsstadt Neuruppin gefeiert wird. © Foto: Holger Rudolph
Holger Rudolph / 25.04.2019, 12:31 Uhr
Neuruppin Aus den Ehebriefen von Theodor und Emilie Fontane lasen am Dienstagabend der Liedermacher, Schauspieler und Kabarettist Rainald Grebe und die Schauspielerin Tilla Kratochwil. Die Veranstaltung in der Kulturkirche im Rahmen des Festjahres "fontane.200" anlässlich des Welttages des Buches war ausverkauft.

"Ich fühl’ mich so leer, ich fühl’ mich Brandenburg" heißt es in Grebes wohl bekanntestem Lied, der beißend-spöttischen, und doch liebevollen Anti-Hymne "Brandenburg". Nun saß er am Dienstag in "der Kulturkirche als Epizentrum des Fontanejubiläums", wie er selbst einschätze.  Kratochwil und er lasen aus den Briefen zwischen Theodor Fontane und seiner Ehefrau Emilie. Gut 3000 Seiten wären es, wollten sie den gesamten Briefwechsel vortragen, sagte Grebe und fügte rasch hinzu: "Wir lesen sie aber nicht alle."

Die beiden Schauspieler hatten eine Auswahl getroffen, die den Zuhörern Zugang zum Seelenleben der Schreibenden und Einblicke in ihre Zeit geben sollte. Dies ist ihnen sehr gut gelungen. Die Vorleser gingen stimmlich in der Rolle der Schreibenden auf. Von Bedachtsamkeit über leises Spötteln bis hin zu lautem Zorn variierte die Bandbreite der beiden Protagonisten.

Die ersten gelesenen Briefe stammen von 1852. Fontane sollte damals in London für Preußen werben und hatte sich dafür über mehrere Jahre fest anstellen lassen. Er schimpft über das schlechte englische Essen, das kein deutscher Magen gut aushalten könne. Beide Ehepartner lebten in finanzieller Not. Gegenseitig baten sie erfolglos um Geld. Später schreibt er ihr, dass er eigentlich zurück zu ihr wolle, sie, die Schwangere, nicht so lange allein lassen dürfe. Doch es würde ihm sehr schwerfallen, wieder von der Gnade der Zeitungsverleger abhängig zu sein, seine Artikel zu veröffentlichen. Der zweite Sohn namens Rudolf starb schon kurz nach der Geburt. Sie schreibt ihm: "Der liebe Gott hat unseren kleinen neugeborenen Rudolf wieder zu sich genommen."

Söhne sterben nach der Geburt

Vier Jahre später, 1856, ist Fontane noch immer in England, erhält aber etwas mehr Geld. Emilie hat die Söhne Paul (geboren 1853) und Ulrich (1855) zur Welt gebracht. Beide starben ebenfalls kurz nach der Geburt. Emilie ist schon wieder schwanger. Theodor fordert sie auf: "Raff Dich zusammen!" und meint damit, dass sie diesmal ein starkes Kind zur Welt bringen solle. "Nur kein allzu elendes Würmerchen" sollte es werden. Sonst würde die Nachwelt später über ihn schreiben, dass "seine Balladen strammer waren als seine Kinder". Und tatsächlich, Sohn Theodor überlebte und starb hochbetagt erst 1933. So richtig zufrieden scheint Vater Theodor allerdings anfangs nicht zu sein: "Also doch wieder ein Junge." Er hatte sich ein Mädchen gewünscht.

Dass Theodor und Emilie Fontane mitunter auch hart miteinander ins Gefecht gingen, wird klar, wenn sie ihn sich 1870 mit Worten vornimmt. Sie ist mit der zehnjährigen Tochter Martha in London, die dort etwas beginnt, was man heute Austauschjahr nennt. Er ist in Deutschland. Seit 1851 hatte Fontane für die stark konservative Neue Preußische Kreuz-Zeitung geschrieben. Nun teilt er ihr mit: "Ich habe meine Kreuzzeitung-Stelle aufgegeben. Falle bitte nicht um!" Im Antwortbrief schimpft sie, dass es sehr unvernünftig gewesen sei, sie überhaupt nicht bei einer derart wichtigen Entscheidung zu Rate zu ziehen. Aber das sei ja mit ihm schon immer so gewesen, einem, der stetig nach Freiheit schmachte. In einem späten Brief von 1891 findet Fontane seine gesamte Existenz auf schwachem Fundament gebaut. Er, der Apotheker, der statt von einer Apotheke von der Dichtkunst leben will, sei doch wohl das Tollste, das es gibt.

Das Publikum applaudierte lang anhaltend. Erst nach drei Verbeugungen war Schluss.

Zwischen Fontane und Brandenburg

Rainald Grebe tritt am 1. Juni noch einmal in der Neuruppiner Kulturkirche auf. Im Rahmen der Fontane-Festspiele wird er solo am Klavier zu erleben sein. Er nähert sich dem Schriftsteller musikalisch – und geht dabei seine eigenen Wege. Garantiert ohne Fontane. Grebe, der mit seiner Brandenburg-Hymne bekannt geworden ist, liebt die Grenzüberschreitungen und erforscht lustvoll kulturelles Neuland. Los geht es um 20.30 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf an der Theaterkasse des Ruppiner Anzeigers, Karl-Marx-Straße 48 in Neuruppin. ⇥kus

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