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Wendegeschichten
Als Oma die Hochzeit verschieben musste

Ruth Buder / 22.05.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 22.05.2019, 07:43
Klein Schauen ( ) Als die Mauer fiel, war Andreas Batke gerade mal 14 Jahre alt. Noch heute wundert er sich, dass er mehr durch einen Zufall Zeitzeuge eines Jahrhundertereignisses wurde.

Seine Eltern hatten das Glück, am 9. November 1989 eine Reise zur Oma nach Westberlin genehmigt zu bekommen. Sie waren schon öfter bei den Verwandten im "Westen", aber diesmal sollte Andreas mit. Schließlich heiratete die Oma.

Alles war schon genehmigt, doch als die Eltern die Papiere von den zuständigen DDR-Behörden abholen wollten, hieß es plötzlich: Der Junge kann nicht mit, der muss doch zur Schule. Noch einmal wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, Beziehungen ausgenutzt. Und vielleicht war der Strom der Flüchtlinge, der seit Sommer über Ungarn eingesetzt hatte, ein Grund, dass die Behörden großzügiger gestimmt waren. Dann endlich hieß es: Andreas darf doch mit.

Von Klein Schauen, einem Ortsteil von Storkow (Oder-Spree), machte er sich mit den Eltern auf den Weg nach Berlin. In der Tasche hatte er einen kleinen Zettel mit den Wünschen seiner Mitschüler: "Was alles drauf stand, weiß ich nicht mehr genau, aber die Jugendzeitung Bravo war mit dabei." Dann die ganzen Kontrollen im Tränenpalast in Berlin, bis die Familie schließlich in der S-Bahn nach Neukölln saß. Es muss so gegen 20 Uhr gewesen sein, als der Besuch aus dem Osten eintraf. "Oma machte uns die Tür auf und sagte: Die machen die Mauer auf! Da waren wir alle baff und konnten es nicht glauben", erzählt Andreas Batke, der sich gern an seine vor drei Jahren gestorbene Oma erinnert.

Die ganze Familie verfolgte am Fernseher die neuesten Nachrichten. Diese überschlugen sich geradezu, nachdem SED-Funktionär Günter Schabowski gegen 19 Uhr bei einer Pressekonferenz etwas verklausuliert die Reisefreiheit der DDR-Bürger verkündet hatte und sich daraufhin Tausende auf den Weg zu den Berliner Grenzübergängen machten. "Da mussten auch wir raus und uns unter die jubelnden Menschen mischen", erinnert sich der heute 44-jährige Krankenpfleger. "Es war eine unvergleichliche Stimmung, alle waren so glücklich, freundlich miteinander und vergnügt", blickt Andreas Batke zurück. "Der ganze Kudamm war voller Menschen, es gab gar keinen Verkehr mehr. Es war unfassbar. Wir hatten alle ein großes Gefühl von Freiheit. Und ich war mittendrin."

Am nächsten Tag war die Stadt immer noch voller Menschen. An der Gedächtniskirche standen Reporter und machten Interviews. Andreas ließ seine Eltern weiter schlendern, er wollte lieber den Fernsehmachern zuschauen. Er erlebte mit, wie Passanten nach ihrer Meinung gefragt wurden – alles live für den ARD-Brennpunkt. Plötzlich wurde Andreas das Mikrofon unter die Nase gehalten. Der Reporter fragte ihn zur SED-Parteiführung. "Ich habe vor Aufregung irgendwas gestammelt, dass es noch lange dauern wird, ehe die Partei das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen kann." An diesem Tag hatten die wenigsten an eine schnelle Vereinigung beider deutscher Staaten gedacht. Der Jugendliche aus Groß Schauen erst recht nicht. Den "Brennpunkt" hatten auch viele in seinem Heimatort und etliche Klassenkameraden gesehen – falls sie nicht gerade selbst in Berlin unterwegs waren.

Übrigens, wegen des ganzen Trubels um den 9. November hatte seine Oma die Hochzeit verschoben. "Es war ja kein Standesamt mehr offen", erinnert sich der Enkel.

Und wie sieht er heute dieses Weltereignis, mit dem der Untergang der DDR und die deutsche Einheit eingeleitet wurden? "Auch wenn ich ja noch sehr jung war, habe ich ja noch selbst viele Ungerechtigkeiten in der DDR erlebt. Zum Beispiel, dass man nicht frei reisen konnte und aufpassen musste, was man sagt." Aber da er inzwischen in dem bundesdeutschen System schon doppelt so lange wie in der DDR lebt, fielen Vergleiche schwer. "Die Menschen meiner Generation sind in der Bundesrepublik angekommen", glaubt Andreas Batke. Dennoch sollte die Zeit nicht vergessen werden.

Auch nicht in der regionalen Geschichte. Deshalb engagiert sich der Hobby-Historiker  und -Fotograf im Beeskower Regionalmuseum, das neu aufgestellt wird. "Bis in die 1960er-Jahre gibt es noch einen relativ dichten Bestand. Danach wird es ganz dünn. Aus der Wendezeit  existieren nur noch Plakate", sagt Andreas Batke, der auch im Klein Schauener Ortsbeirat mitarbeitet. Unter anderem recherchiert er jetzt in der Kantine des Beeskower Spanplattenwerkes, die es heute noch gibt, aber längst eine andere Funktion hat, als alle Mitarbeiter des volkseigenen Betriebes noch hier essen gingen. Für ihn ist es wichtig, dass Menschen ihre Geschichte kennen, um die gegenwärtigen Herausforderungen zu verstehen. "Nationalstaaten sind in unserer globalisierten Welt nicht die Zukunft", sagt er mit Blick auf die Europawahl. Die Menschen des vereinten Deutschlands, das vor 30 Jahren möglich wurde, müssten sich dafür ins Zeug legen.

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