Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Vor zehn Jahren wurde das bislang größte Reaktivierungsprojekt eines Altoderarms im Oderbruch absolviert.

Renaturierung
Weihrauch-Graben hält das Grundwasser stabil

Ulf Grieger / 22.05.2019, 13:45 Uhr
Friedrichsaue (MOZ) Der Weihrauch-Eiche geht es offenbar gut. Der gewaltige Baumriese, nach Expertenmeinung der dickste und älteste seiner Art im Landkreis, hat seit dem letzten MOZ-Spaziergang durch das Sanssouci-Wäldchen vor fünf Jahren erneut zugelegt. Lag der Umfang damals in 1,50 Meter Höhe noch bei 7,99 Metern, so dürfte die Acht-Meter-Marke nun deutlich übertroffen sein. Sichtbar ist das am Naturschutzschild, das der Baum nun bald komplett überwölbt hat.

Dass die alte Dame mit ihren über 500 Jahren noch so vital ist, das kann auch an der Renaturierung des Altoderarms liegen, an dessen Ufer sie steht. "Auf alle Fälle sorgt das Fließgewässer nun für konstante Grundwasserwerte", erklärt Axel Hulitschke. Er hatte die Weihrauch-Wiederbelebung seinerzeit für den Gewässer-und Deichverband (Gedo) gemeinsam mit Planerin Katrin Blume und dem Technischen Büro für Wasserwirtschaft Bad Freienwalde geleitet. Ein Kindertraum ging für den Friedrichsauer in Erfüllung, wie er gesteht. Die Dorfkinder spielten in den Restlöchern des alten Oderarms, der 1786 vom Strom abgetrennt worden war. "Es hat dort schon sehr gestunken und alles drohte zu verlanden", erinnert er sich.

Als im Rahmen des Förderprogrammes Landschaftswasserhaushalt seinerzeit die Frage stand, welches Altgewässer reaktiviert werden sollte, standen mehrere Projekte zur Auswahl. Ein Altarm bei Bochows Loos, der Weihrauch und die Gorgaster Fahrt gehörten dazu. Nur der Weihrauch wurde bislang tatsächlich wieder zum Fließgewässer. Die Kosten von rund 1,1 Millionen Euro trugen EU und das Land. Der Aufwand war enorm. Auf zweieinhalb Hektar musste Munition entfernt werden, auf 265 Meter Länge wurden Verbindungen zwischen dem Richtgraben und dem Weihrauch-Restlöchern wieder hergestellt. Wer heute entlang des Weihrauchs spaziert und das kann man dank eines Weges auch gut, wird von einem Vogelkonzert empfangen. Frösche quaken, Seerosen sind zu sehen. Es gibt wieder Fische und – damit war zu rechnen  – auch Biber. Die Ufer wurden mit Erlen und Eichen sowie Obstbäumen bepflanzt, die nun bereits kräftig gewachsen sind. Der Altbestand, vor allem die Erlen, hat die neuen Wasserverhältnisse schlecht vertragen. Sie stehen tot im jüngeren Grün.

Zunächst wenig Begeisterung

Aber hat dieses Projekt auch die erwarteten Folgen? Axel Hulitschke betont das, was auch der Weihrauch-Eiche so zugute kommt: Es gibt einen konstanten Grundwasserspiegel. Der wird durch die beiden Wehre ermöglicht, die den Zu- und Abfluss zum Richtgraben regulieren.

Zunächst jedoch folgte unmittelbar auf die Weihrauch-Einweihung das katastrophale Binnenhochwasser, das für überschwemmte Keller und Felder sorgte. Da wurde das Projekt schon von so manchem verflucht. Man rief nach Entwässerung statt nach mäandernden Altgewässern. Inzwischen jedoch hat sich dank des elektronischen Gewässermanagements  gezeigt, dass der Weihrauch auch nach Starkregen oder Oderhochwasser dafür sorgt, dass in seinem Bereich und das sind immerhin 200 Meter links und rechts des zwei Kilometer lange Flusses, alles stabil bleibt. Das ist immerhin eine Fläche von 80 Hektar besten Ackerlands. Die rasch versumpfenden "Schweinewiesen" jenseits des Kleinbahndammes haben mit dem Weihrauch schon nichts mehr zu tun, betont Hulitschke.

Kommentar: Gelungene Alternative

Den faulen Pfuhl auch abzuziehn, das Letzte wär‘ das Höchsterrungne." So spottete Goethe im "Faust" schon dem selbstgefälligen Glauben des Menschen, sich die Natur untertan zu machen. Artur Klitzke, der legendäre Golzower LPG-Vorsitzende, hatte zu den Zeiten der Komplexmelioration noch von den "unbegrenzten Möglichkeiten" bei der Intensivierung geträumt. Heute werden dringend Alternativen gesucht.

Die Wiederstellung alter Wasserläufe wie dem Altoderarm in Friedrichsaue zeigt so ein anderes Herangehen. Neben den schnurgeraden Abflussgräben wie Richt- und Schleusengraben gibt es wieder die Schlingen und Kurven mäandernder Gewässer. In Dürrezeiten wie auch bei einer Sintflut wie vor neun Jahren erweist sich das als gute Vorsorge.

Leider ist der Weihrauch der einzige reaktivierte Oderaltarm geblieben. Dabei gäbe es noch einige andere Altgewässer, die eine ähnliche Renaissance erfahren können wie die "Gorgaster Fahrt" oder sogar die Güstebieser Alte Oder. Es entstehen dabei Naturparadiese, sichere Grundwasserstände und eine vitale Wasser-Flora und -Fauna.

Natürlich bedeutet eine Renaturierung heute nicht, dass sich der Mensch alles wieder aus der Hand nehmen lassen darf. Weder durch die Biber noch durch die Verkrautung. Mit Wehren, Hege und Pflege muss alles regulierbar bleiben.

⇥Ulf Grieger

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG