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Sattel, Skat und Schinkenbrötchen

Mittagspause zwischen Blumen und Brötchen: Detlef Röhl nahm sich die Zeit und erzählte Melanie Reinsch bei Kaffee und Tee von Leben, Beruf und Golm im Laufe der Zeit.
Mittagspause zwischen Blumen und Brötchen: Detlef Röhl nahm sich die Zeit und erzählte Melanie Reinsch bei Kaffee und Tee von Leben, Beruf und Golm im Laufe der Zeit. © Foto: MOZ
Melanie Reinsch / 26.08.2011, 07:33 Uhr
Golm (MOZ) Von Melanie Reinsch

Golm (MOZ) Detlef Röhl arbeitet in einem seltenen Beruf: Autosattler. Und das schon in der vierten Generation. Doch die Zeiten, in denen man Altes einfach wieder aufarbeitete, sind vorbei. Ohne zweites Standbein fällt es schwer zu stehen.

Die Werkstatt von Detlef Röhl aus Golm erinnert ein bisschen an die Nähstube eines Jägers. Da hängt ein Fell an der Wand, über der Nähmaschine schmückt ein Geweih den Raum, an Haken baumeln Maßbänder und Schablonen, auf dem Holztisch liegt ein Zollstock, im Hintergrund dudelt leise das Radio.

Detlef Röhl ist Autosattler. In seinem Arbeitsraum misst er aus, schneidet Stoffe oder Leder zurecht und passt diese an Teile im Auto an: Sitze, Lehnen, Verdecke. Für das MOZ-Frühstück hat er seine Arbeit unterbrochen und den Tisch auf der Terrasse im Garten gedeckt, wo schon Schmetterlinge und kleine Tomatenschiffchen mit Spießchen warten.

„Unsere Familie ist schon in der vierten Generation Sattler. Daher habe ich mich schon als Kind dafür interessiert und bin immer in der Werkstatt meines Opas herumgekrochen. Ich wollte schon mit sieben Jahren Sattler werden“, erzählt Röhl und schüttet einen Schuss selbstgemachten Holundersirup in seinen Früchtetee. Kaffee trinkt der 53-Jährige nicht. Den hat er noch nie probiert.

Autosattler ist ein Beruf, den er heute wieder wählen würde, gibt der Golmer nach kurzer Überlegung zu. Auch wenn der Beruf nicht mehr so sicher ist wie vor der Wende. „Zu DDR-Zeiten hat man mehr aufgearbeitet als heute“, sagt er. Allein durch die PCK hätte er ein gutes Einkommen gehabt. „Die hatten ja eine ganze Flotte.“ Daher schuf sich Detlef Röhl später ein zweites Standbein: Fußböden verlegen.Aber die Kür bleibt weiterhin das Satteln, nebenbei das Polstern.

Detlef Röhl schiebt das silberne Brötchentablett auf der weißen Spitzentischdecke zur Seite und zeigt ein kleines Fotoalbum seiner schönsten Arbeiten: ein weißer Trabi mit bordeauxfarbenem Klappverdeck, das er anpasste, eine antike Pferdekutsche, deren Ledersitze der Autosattler neu bezog. „So was macht man nicht alle Tage“, erinnert er sich an das aufwendige Projekt unter Zeitdruck. Seine erste Sitzbank für sein eigenes Moped „Star“ sattelte er mit 16. „Da hat sogar alles gepasst.“

Diese Fingerfertigkeit nutzte Detlef Röhl offensichtlich auch beim Hausumbau. Früher Bauernwirtschaft mit Stall und Co strahlen einen heute rote, glänzende Tonziegel und Wände in fröhlichem Gelb an. „Das haben wir immer Stück für Stück umgebaut“, so der Handwerker, der in dem Haus groß wurde. Detlef Röhl erinnert sich auch noch genau, wie es damals in Golm zuging. „Hier waren viel mehr Kinder als heute. Es gab eine Schule, einen Konsum, eine Gaststätte – das alles fehlt hier. Das Dorfgemeinschaftsleben gibt es so nicht mehr.“

Doch selbst ist der Golmer: Alle 14 Tage treffen sich einige Männer im Gemeindehaus und spielen Skat miteinander. Von dem Gewinn fährt die Gruppe – dann mit den Frauen – zum Bowlen oder Grillen. „Man erzählt, trinkt eine Flasche Bier und kommt einfach zusammen.“ sagt Röhl. Auch an Silvester zieht es einige Dorfbewohner in das Gemeindehaus. Dort begrüßen die Golmer das neue Jahr. „Dann sitzt man nicht allein zu Hause“, so Röhl.

Früher gab es auch mal ein Straßenfest. Aber beim letzten Mal war das eher eine „größere Familienfeier“, weil so wenig Golmer gekommen sind. „Doch vielleicht machen wir doch noch ein Fest im September“, hofft Detlef Röhl. Und wenn das nichts wird, hat er ja immer noch seinen Beruf. Und der ist gleichzeitig Hobby.

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