Bereits erheblich investiert
Lerch verfolgte die Diskussion von den Zuschauerplätzen. Der Projektleiter bestätigte dieser Zeitung, dass seine Firma eigens von privat eine Fläche an der Rosa-Luxemburg-Straße in Höhe des geplanten Baugebiets Nauener Straße erworben habe, um dort Eigentums- und Mietwohnungen zu bauen. "Wir haben den städtebaulichen Plan Veltens gesehen und wollten mithelfen, dieses vorbildliche Konzept zu realisieren", sagte er am Montag. Die Pläne für das Projekt "Rosa Lux" sehen als Lückenschluss gut 100 Wohnungen vor. Nach dem von Pro Velten initiierten Beschluss muss er befürchten, dass dieses Vorhaben zum Sterben verurteilt ist. "Ich glaube nicht, dass es im Interesse der Veltener ist, auf Stillstand zu setzen. Das nimmt Familien Wohnraum, und es wird auch Jobs kosten", prophezeit er.
Das Wohngebiet Nauener Straße, in dem ab 2025 gebaut werden soll(te), bietet Platz für bis zu 1 000 Wohnungen. Da dort mindestens vier Firmen investieren wollen, hatte die Stadt von Beginn an verkündet, das Gebiet schrittweise zu entwickeln. Mehrere Bebauungspläne sollten einander ergänzen und durch soziale Infrastruktur wie einen Kindergarten ergänzt werden. Bleibt der jetzt gefasste Beschluss bestehen, verprellt die Ofenstadt diese Investoren und muss auch damit rechnen, dass diese Regressforderungen stellen. Sowohl die Helma Wohnungsbau GmbH als auch die Joanes Stiftung und die städtische REG haben bereits Grundeigentum erworben oder befinden sich in Verhandlungen dazu. Die damit verbundenen Kosten als auch solche für Entwürfe oder Planungen wären vergebens gewesen. Ob die Investoren das auf sich sitzen lassen, ist offen.
"Das ist extrem schade", kommentiert Dr. Eckhart Hertzsch von der Joanes Stiftung die Entscheidung. Als gemeinnützige Stiftung will man in Velten bis zu 100 Wohnungen im bezahlbaren Segment bauen. "Der Vorteil sind unsere gleichbleibenden Konditionen. Mieterhöhungen gibt es nur im Rahmen des Inflationsausgleichs", sagt Hertzsch. Auch Pro Veltens Angst vor Entfremdung tritt er entgegen: "Unser Ziel ist es, Gemeinschaft zu bilden." Man wolle Rentnern, die eine kleinere Wohnung suchen, eine solche bieten, um Familien eine größere anbieten zu können. Hertzsch fragt in Richtung Pro Velten: "Wie viele Veltener stehen eigentlich dahinter?" Er habe das Gefühl, dass "das die Vorstellungen einer kleinen Gruppe sind, die nicht der Mehrheit entsprechen." In anderen Städten, so Hertzsch, würden Joanes-Wohnprojekte, die auf der Gemeinschaft unter den Mietern basieren, honoriert: "Da bekommen wir die Grundstücke geschenkt."
Wer in Velten darauf gesetzt hat, das der soziale Wohnungsbau nach Jahrzehnten des Stillstands wieder in Schwung kommt, wird ebenfalls enttäuscht. Die REG plante vor allem für dessen Klientel den Bau von  bis zu 150 Wohnungen. Auch dieses Vorhaben wird mit dem Beschluss kassiert.
Baubereichsleiter Berthold Zenner plagen noch andere Sorgen: "Klar ist schon heute, dass der Ruf der Stadt als verlässlicher Partner geschädigt ist." Er sieht die Gefahr, dass Velten künftig auf Fördermittel verzichten muss. Mit Programmen wie dem Insek (Integrierte Stadtentwicklung) werden Projekte nur gefördert, "um diese Infrastruktur an ein stadtverträgliches Wachstum anzupassen", argumentiert Zenner. Anders gesagt: Das Land wird keinen Kita-Bau auf der grünen Wiese fördern, wenn das Wohngebiet, aus dem die Kinder kommen sollen, erst danach entsteht. Genau das aber möchte Pro Velten mit seinen Partnern in CDU, AfD und NPD. Erst sollen, so heißt es im Antrag, die sozialen, technischen und kulturellen Infrastruktureinrichtungen entstehen, ehe größere Wohnungsbauvorhaben angepackt werden dürfen. Velten verliert damit Jahre.
Das Vorhaben Nauener Straße sollte der Befreiungsschlag für den angespannten Veltener Wohnungsmarkt werden. Natürlich kann und soll dabei nicht ausgeschlossen werden, dass Menschen aus Berlin oder Brandenburg zuziehen. Viele aus diesen Regionen arbeiten schon in Velten, finden aber keine Wohnung. Vor allem aber wären es die Veltener, die vom Wohnungsbau profitierten. Die Hennigsdorfer Erfahrungen zeigen das. Als die dortige Genossenschaft die Fontanehöfe baute, waren die Hennigsdorfer die ersten, die davon erfuhren und sich auf die Liste für eine Wohnung setzen ließen. Mehr als die Hälfte der Wohnungen ging an Hennigsdorfer Genossenschaftsmitglieder. Die WGH hatte bewusst darauf verzichtet, Annoncen auf Internetportalen zu schalten. Auch für das im Bau befindliche Schweitzer-Karree der städtischen HWB standen die Hennigsdorfer als erste Schlange, um auf die Warteliste zu gelangen.
Eigentum statt Miete
Pro Veltens Vorgehen fördert indirekt den Eigenheimbau zum Nachteil des Mietmarktes. Wenn der Bau größerer Mietwohnungs-Vorhaben verboten ist, dürften Investoren stattdessen auf dem Areal Eigenheime errichten. Auf diese Weise würden für wenige Häuschen große Flächen verbraucht. Der Mietwohnungsmarkt hat das Nachsehen. Auch deshalb meint Zenner: "Ich halte den Beschluss für unüberlegt, da er sozialverträgliches Bauen zugunsten von renditeoptimierten Bauvorhaben verhindert."
Alles hätte am Donnerstag ganz anders ausgehen können. Hätte sich der CDU-Fraktionschef Marcel Ruffert enthalten, wäre der Pro-Velten-Antrag mit je zehn Ja- und Nein-Stimmen bei drei Enthaltungen gescheitert. Da sich Ruffert aber dem Antragsteller sowie der NPD und der Mehrheit der AfD-Abgeordneten anschloss, werden in Velten die großen Baukräne verschwinden.
"Wir haben auf Velten vertraut. Wir haben bereits Geld in den Kauf und die Entwicklung der Fläche gesteckt", beklagt Lerch. Die Hoffnung will er dennoch nicht aufgeben: "Ich hoffe ehrlich gesagt, dass das Stadtparlament nochmal intensiv über die Folgen des Beschlusses nachdenkt, vor allem über die Folgen für die Zukunft Veltens."

So votierten die Abgeordneten in namentlicher Abstimmung


Auf Antrag der SPD wurden die Abstimmungen zu den beiden Anträgen von Pro Velten namentlich durchgeführt. So stimmten die 23 Mitglieder des Stadtparlaments ab:

Grundsatzbeschluss zur Steuerung des Städtewachstums (Verbot von Bebauungspläne für mehr als 50 Wohnungen):● Mit Ja stimmten: Mike Gabrich, Mario Große, Axel Jacobeit, Mandy Krüger, Susanne Mihatsch, Helga Siegert, Marcel Siegert (alle Pro Velten), Heiko Gehring, Marco Schulze (beide AfD), Marcel Ruffert (CDU), Robert Wolinski (NPD).● Mit Nein stimmten: Hartmut Goral, Christopher Gordjy, Ines Hübner, Andreas Noack, Katja Noack, Wolfgang Müller, Christian Wunderlich (alle SPD), Arne Gawande, Alexander Moser-Haas (beide Die Linke), Ole Gawande (FDP).● Mit Enthaltung votierten Frank-Peter Kühl (AfD) und Hans-Jörg Pötsch (CDU).

Bahnanbindung der Stadt Velten (S-Bahn-Anschluss vernachlässigen zugunsten RE6 nach Gesundbrunnen): ● Mit Ja stimmten: Mike Gabrich, Mario Große, Axel Jacobeit, Mandy Krüger, Susanne Mihatsch, Helga Siegert, Marcel Siegert (alle Pro Velten), Heiko Gehring, Marco Schulze (beide AfD), Hans-Jörg Pötsch, Marcel Ruffert (beide CDU), Robert Wolinski (NPD). ● Mit Nein stimmten: Hartmut Goral, Christopher Gordjy, Ines Hübner, Wolfgang Müller, Andreas Noack, Katja Noack, Christian Wunderlich (alle SPD), Arne Gawande, Alexander Moser-Haas (beide Die Linke), Ole Gawande (FDP).● Mit Enthaltung stimmte Frank-Peter Kühl (AfD). rol