Wenn die 57-jährige Ute Reuter und die 86-jährige Renate Rehberg zusammen beim Bäcker anstehen und vertraut miteinander umgehen, ist für Außenstehende augenscheinlich: Das müssen Mutter und Tochter sein. Doch wer genauer hinhört, wird stutzig, denn die beiden Damen siezen sich. „Wir sagen den Vornamen, aber Sie“, erklärt Ute Reuter. Darauf haben sich die beiden im Frühsommer dieses Jahres geeinigt. Seitdem stattet Ute Reuter der an Demenz erkrankten alten Dame mittwochs und freitags einen Besuch ab. „Wir gehen erstmal eine große Runde spazieren und dann wird gerätselt oder gespielt – meistens Mensch ärger dich nicht. Frau Rehberg gewinnt fast immer.“
Die Einsätze von Ute Reuter sind eine kleine Entlastung für Cornelia Bayer, die sehr viel Zeit in die Pflege investiert. „Frau Rehberg ist meine Schwiegermutter aus erster Ehe. Und sie ist die Oma von meinen beiden Söhnen“, erklärt Cornelia Bayer. „Der Zusammenhalt in der Familie war schon immer sehr gut“, sagt sie. Als die 57-Jährige vom Projekt Mitmenschen der Arbeitsfördergesellschaft Pur erfuhr, war ihr erster Gedanke: „Das müsste schon jemand sein, der couragiert auftritt.“
Per Zufall stieß auch Ute Reuter auf das Projekt. „Ich habe einen Flyer im alten Rathaus entdeckt.“ Es folgten erste Gespräche mit dem Projekt-Koordinator Christoph Zarft, der die beiden Familien schließlich zusammen führte. „Das war eigentlich ganz witzig, denn wir sind zusammen zur Schule gegangen, hatten aber über die vielen Jahre keinen Kontakt“, erinnern sich Ute Reuter und die gleichaltrige Cornelia Bayer. Dass Renate Rehberg schon 86 ist, verblüfft die alte Frau ganz plötzlich. „Was, so alt bin ich schon? Mensch, da bin ich ja die älteste von uns. Meine Güte, altes Haus“, stellt sie fest.
Renate Rehberg lebt noch alleine, darf auch alleine das Haus verlassen. „Wenn sie spazieren geht, fahre ich manchmal mit ein wenige Abstand mit dem Fahrrad hinterher, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist“, sagt Cornelia Bayer. Sie ist sehr bemüht darum, sich um die Schwiegermutter zu kümmern, ohne sie zu bevormunden. „Man darf sie auch nicht einsperren.“ Renate Rehberg ist dankbar dafür. „Noch bin ich fit und weiß, wo ich wohne“, betont sie.
Die 86-Jährige leidet an einer mittelschweren Demenz. Ihre Woche ist gut durchgeplant. Jeden Montag geht Renate Rehberg zum Friseur. An zwei Tagen besucht sie die Domino-Tagespflege in Birkenwerder und an zwei Tagen verbringt sie einige Stunden mit Ute Reuter vom ehrenamtlichen Besuchsdienst. „Das alles tut ihr sehr gut, so ist sie viel besser gelaunt“, sagt Cornelia Bayer, die jeden Tag Frühstück und Mittagessen vorbereitet. „Abends vertraue ich dann darauf, dass sie sich eine Stulle macht“, erzählt Cornelia Bayer.
Für Ute Reuter war es ein glücklicher Zufall, dass sie auf das Projekt Mitmenschen aufmerksam wurde. „Ich komme aus der Altenpflege, bin aber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr berufstätig“, erzählt die Hennigsdorferin, die unter anderem in der ambulanten Pflege, aber auch im Pflegeheim tätig war. „Als ich den Flyer entdeckt habe, bin ich noch am gleichen Tag hin zur Pur“, erzählt die 57-Jährige. „Denn ich wollte unbedingt noch was machen.“ Ihren Entschluss hat sie nicht bereut. „Es macht mir großen Spaß mit Frau Rehberg, sie lacht viel.Wir verstehen uns schon recht gut.“
Die Seniorin genießt die Gesellschaft der beiden Damen, die sich auch untereinander angefreundet haben. Sie wirkt fröhlich und gefasst, bis auf wenige Momente, in denen die Stimmung zu kippen droht. „Was erzählt ihr denn da über mich?“, fragt sich dann mit Tränen in den Augen. „Ist alles gut, wir haben nichts Schlechtes gesagt“, beruhigen die beiden sie dann. „Manchmal ist es nur eine andere Tonlage, die sie verunsichert“, erklärt Ute Reuter. Doch wenn Renate Rehberg nach ihrem Berufsleben gefragt wird, blüht sie förmlich auf. Stolz erzählt sie, wie sie als leitende Oberschwester im Hennigsdorfer Krankenhaus was zu sagen hatte. Sie erinnert sich noch genau, wie sie in den 50er-Jahren vom Neubau der Klinik erfahren und sich erfolgreich beworben hatte. „Ich habe gerne Spritzen gesetzt, das könnte ich noch heute im Schlaf.“ Ute Reuter ist glücklich mit ihrem Ehrenamt und hat sich kürzlich einen zweiten Senioren vermitteln lassen.