Zwar haben Alstom und Bombardier unisono am Dienstag bekanntgegeben, dass die Bahnsparte des kanadischen Konzerns nun in französische Hände kommen soll. Doch das Geschäft steht noch unter dem Vorbehalt der EU-Wettbewerbskommission. Diese hat zu prüfen, ob Alstom durch das Schlucken von Bombardier eine zu große Macht auf dem europäischen Schienenfahrzeug-Markt erhält. Erst vor einem Jahr hatte genau diese Behörde das Zusammengehen dieser Sparten von Alstom und Siemens verhindert. Die Begründung: Durch den Zusammenschluss würde Alstom als Hersteller des französischen Hochgeschwindigkeitszuges TGV in diesem Marktsegment eine zu beherrschende Stellung erhalten. Denn mit dem Aufkauf wäre Alstom auch der Produzent des ICE geworden. Im jetzigen Fall könnte es passieren, dass Brüssel Alstoms Macht im Bereich Straßen-, U- und Nahverkehrsbahnen als wettbewerbseinschränkend ansieht.
Kunden mehr Wert liefern
Am Dienstag aber herrschte bei Alstom erst einmal Freude. Zwar äußerte sich der Konzern nicht dazu, ob er alle deutschen Bombardier-Standorte und Arbeitsplätze auf Dauer erhält. Alstom-Geschäftsführer Henri Poupart-Lafrage sagte aber zumindest: "Wir sind bereit, einen Umschwung der Aktivitäten von Bombardier Transportation zu verstärken und allen Interessenten einen signifikanten Wert zu liefern, insbesondere unseren Kunden." Damit dürfte er Bezug genommen haben auf Bombardiers Probleme, Kunden wie die Deutsche Bahn und Abellio pünktlich mit technisch einwandfreien Zügen zu beliefern. Was er darüber hinaus unter einem Umschwung versteht, dürfte vorerst sein Geheimnis bleiben.
Der Hennigsdorfer Betriebsrat wird die neue Entwicklung am Donnerstag auf einer außerordentlichen Sitzung betrachten. Schon am Dienstagabend gab es eine Telefonschaltung aller deutschen Betriebsräte mit den für die Standorte zuständigen Mitarbeitern der IG Metall.
Letztere fordert einen Erhalt aller Arbeitsplätze. Am weitesten ging der IG-Metall-Bevollmächtigte von Sachsen, Jan Otto, in die Offensive. Man wolle in die neue Ära einsteigen und mit Alstom "über einen neuen und schlagkräftigen Schienenfahrzeugbau verhandeln". Man erwarte aber, dass die Konzernspitzen auf die Gewerkschaft zugehen. Anderenfalls "werden wir gemeinsam mit unseren Mitgliedern auf die Konzernspitze zugehen". Das klingt nicht nach einem Spaziergang, sondern eher nach einem Marsch, in dem die Gewerkschaft bereit ist, ihre Macht zu zeigen. Otto benutzt dafür ein Bild: "Entweder wir bekommen eine Einladung aufs Boot, oder wir entern das Boot."
Auch im Hennigsdorfer Rathaus wird die neue Situation aufmerksam verfolgt. "Viele Mitarbeiter mussten teilweise Jahre und Jahrzehnte eine Achterbahnfahrt mitmachen", sagte Bürgermeister Thomas Günther (SPD) und spielte damit auf die zahlreichen Nachwende-Besitzer dieses Traditionsunternehmens ebenso an, wie auf die seit Jahren herrschende unsichere Zukunft. "Klare Perspektiven, wohin es geht", seien jetzt gefordert. Günther erwartet, dass sowohl der Fahrzeugbau als auch das Engineering am Hennigsdorfer Standort erhalten bleiben.
Auch wenn die beiden Verhandlungspartner dazu bislang schweigen, Hennigsdorfs Betriebsrat Heiko Engelmann geht davon aus, dass in den Verkaufsverhandlungen längst über Personalreduzierungen und eine Konzentration von Standorten gesprochen wurde. In der Wirtschaft hat ein Käufer in der Regel den Anspruch, ein hinsichtlich der Mitarbeiterzahl möglichst schlankes Unternehmen zu erwerben. Bis Ende März gilt bei Bombardier ein Kündigungsstopp. Was danach – und vor der eigentlichen Übernahme durch Alstom – in dieser Hinsicht noch geschieht, kann auf Arbeitnehmerseite derzeit noch keiner ahnen.
"Die Erwartungen, die Sorgen und die Befürchtungen sind bei Aufkäufen und Fusionen immer die gleichen", sagte denn auch Michael Wobst. Der Hennigsdorfer weiß, wovon er redet. In den 1990er-Jahren wurde er Betriebsrat, stieg zum Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrats aller deutschen Standorte auf und hatte bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren auch einen Sitz in dem entsprechenden europäischen Gremium. Seit der Wiedervereinigung hat Wobst Inhaber kommen und gehen sehen. Seine Erfahrung: Bei Übernahmen geht es um Restrukturierungen, die mit dem Wunsch nach Steigerung der Effektivität einhergehen. Der Gedanke, Arbeitsplätze abzubauen, ist dann nicht mehr weit. "Eine Fusion oder ein Aufkauf löst die Probleme nicht. Die Aufgaben müssen immer erledigt werden", sagt Wobst. In Hennigsdorf und an anderen Standorten gibt es in dieser Hinsicht genug zu tun.

Das Werk und seine Besitzer


Hennigsdorfs Geschichte als Standort der Schienenfahrzeugproduktion begann 1913, als die AEG die Lokomotivfertigung hierher verlegte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die AEG enteignet. Die Firma hieß ab sofort VEB Lokomotivbau Elektrotechnische Werke Hand Beimler (LEW).

Mit der Wiedervereinigung ging das Werk 1991 wieder an die AEG. Die verkaufte es 1996 an Adtranz. Dahinter steckte anfangs der Doppelkonzern ABB und Daimler Benz. Als ABB 1999 ausstieg, nannte sich das Unternehmen Daimler Chrysler Rail Systems.

2001 kaufte der kanadische Mischkonzern (Flugzeug- und Schienenfahrzeugbau) Bombardier diesen Standort und andere in Deutschland. Diese Ära endet nun nach knapp zwei Jahrzehnten mit dem Verkauf an Alstom. rol