Es ist ein geheimnisvolles, verbotenes Gelände, die ehemalige Ingenieursschule Hohenschöpping. Dieser bis 1990 gültige Name hat sich bis heute gehalten. Was aber ist davon übriggeblieben? Kreissprecher Ronny Wappler hat den Schlüssel dazu in der Hand. Gemeinsam mit Torsten Schöning, dem die kreiseigenen Liegenschaften unterstehen, führt er über das elf Hektar große, kreiseigene Gelände.
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"Die Bausubstanz ist für eine Weiternutzung nicht geeignet." So nüchtern und treffend drückt Schöning den Zustand des von Wald umgebenenen Gebäudekomplexes aus. Ein paar Dutzend Schritte und zwei Ecken später gibt man ihm recht: Wetter, Wind und Vandalismus haben an den seit 2005 leerstehenden Gebäuden tiefe Spuren hinterlassen. Wer durch aufgebrochene Türen zum Beispiel das Innere des einstigen Kommandoturms betritt, muss über Glasscherben und Müll balancieren. Am Ende dann die bunte Überraschung: Schon von weitem locken grelle Farben in die einstige Sporthalle. Graffiti-Künstler haben dort in aller Seelenruhe etwas geschaffen, das wie eine in der Wildnis verborgene Galerie wirkt und Besucher verdient hätte.
Die aber lässt der Liegenschafts-Chef nicht aufs Gelände. "Zu gefährlich. Als die Schrottpreise stiegen, wurden hier die Gullydeckel gestohlen", weiß Schöning. Und wie zum Beweis steht die kleine Gruppe wenig später vor solch einem offenen Schacht. Selbst wenn alte Herren, die einst hier studierten, um einen Vor-Ort-Termin bitten, lässt sich Schöning nicht erweichen. So erging es auch dem ehemaligen Hennigsdorfer Helmut Plath. 2012 wollte er mit seinen einstigen Kommilitonen zum 50-jährigen Studienabschluss einen Rundgang machen. Da dieser ausfallen musste, tröstete er seine alten Freunde mit einer Broschüre, die er über Hohenschöpping schrieb. Was er in Archiven recherchiert und aus Gesprächen gefiltert hat, führt auch tief zurück in Deutschlands dunkelstes Kapitel.
Als Adolf Hitler 1935 den Befehl zum Aufbau einer Luftwaffe gab und Hermann Göring zu dessen Chef ernannte, wurde auch Velten zu einem Ort, in dem der Krieg vorbereitet wurde. "Lager Velten" nannte sich die ab 1936 errichtete Kaserne mit Panzergaragen, Werkstätten und Wohnbaracken. Am anderen Ufer des Stichkanals lag der Truppenübungsplatz, auf dem die Soldaten geschliffen wurden.
Bis 1938, so hat es der heute in Heiligensee lebende Helmut Plath recherchiert, war eine Pionierkompanie stationiert, die als Keimzelle des Fallschirmjäger-Bataillons gilt. Auf den Wiesen zwischen Velten und Bötzow absolvierten die Soldaten ihre Übungssprünge. Nach wechselnden militärischen Aufgaben wurde aus dem Lager Velten Ende 1944 das Fallschirm-Panzerkorps Hermann Göring. Noch Ende April 1945 wurde das letzte Aufgebot mit Panzerfäusten in den Krieg geschickt. Zu dieser Zeit hatte sich Göring längst abgesetzt, der zuvor kurze Zeit in Veltens Kaserne Zuflucht gesucht haben soll. Plath vermutet, dass auf dem Gelände zeitweise auch Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter untergebracht waren, die bei Ikaria oder anderen nahe gelegenen Rüstungsfirmen schufteten.
Nach Kriegsende nutzte die Rote Armee das Areal nur wenige Jahre für eine Kfz- und Transport-Einheit. Schon 1949 zogen die ersten Lehrlinge ein, die im Stahlwerk Schlosser oder Elektriker lernten. Im Kommandoturm fand der Verwaltungstrakt Platz, aus den Panzergaragen wurden Lehrräume. Schon 1954 schlug der Sozialismus ein neues Kapitel auf: In der Fachschule für Elektrotechnik wurden Ingenieure ausgebildet. Plath, der 1959 immatrikuliert wurde, erinnert sich: "Im ersten Jahr wohnten die Studenten wie Großfamilien in ehemaligen Militärbaracken." Ab dem zweiten Studienjahr ging es komfortabler zu. Und gefeiert wurde. Zur neu erbauten Mensa gehörte auch ein großer Saal. Unter Kronleuchtern aus sozialistischer Produktion, die heute traurig von der Decke hängen, "steppte hier der Bär", sagt Schöning schmunzelnd.
Zu Plaths Dozenten gehörte der junge Peter Kirmße, der 1990 Oranienburgs Polizeipräsident wurde. Als im selben Jahr die Fachschule aufgelöst wurde, zogen Lehrlinge des Oberstufenzentrums ein. 2005 fand auch diese Ära ein Ende. Seither hat die Natur das Zepter übernommen. Manchmal kommen Abenteurer und andere ungebetene Gäste, die vom Stichkanal aus ein Loch im Maschendrahtzaun nutzen. Reste von Lagerfeuern und leere Dosen zeugen davon.
Die Natur hat einen Sieg davongetragen, einen vorübergehenden. Schon in zwei, drei Jahren sollen sich die Baukräne drehen. Der Kreis will hier Veltens Businesspark III entwickeln. Derzeit wird der Bauplan aufgestellt. "In zwei Jahren wollen wir in die Vermarktung gehen", schaut Liegenschafts-Chef Schöning voraus. Dieser Zeitplan lässt sich nur halten, wenn der Boden keine bösen Überraschungen preisgibt, die eine aufwendige Dekontamination erfordern. Dann könnten sich die Gerüchte über Bunker und unterirdische Gänge aufklären. Auch der Nachweis seltener Tiere und Pflanzen könnten die Pläne verzögern. Wichtig ist Schöning, dass keine Betonwüste entsteht. Der Wald wird zwar großteils gerodet. Auffällige Blutbuchen und Bluteichen bleiben aber stehen. Riesige Lagerhallen sollen nicht gebaut werden. Ein Grünstreifen soll das Gelände begrenzen. Schönings Vision: "Das wird ein von Grün durchsetztes Gewerbegebiet."
Der einstige Kommandoturm mit den Garagen: Wo während des Nationalsozialismus schwere Militärtechnik untergebracht war, lernten ab September 1949 Lehrlinge des Stahlwerks. Anfangs wurden vor allem Schlosser und Elektriker ausgebildet.Fotos (8): Roland Becker
Zerstört und ausgeschlachtet: Spuren roher Gewalt haben ungebetene Gäste in den Gebäuden hinterlassen.
Einst Ort munterer Parties: Im Saal der ehemaligen Kantine fällt dem Besucher die Decke auf den Kopf.
Kunst in der Ruine: Dieses Graffito schmückt die ehemalige Sporthalle, die sich bunter denn je präsentiert.
Versteckt hinter Bäumen: Die Natur lässt die Bauten verschwinden.
Überwuchert: Hier führte einst ein Weg entlang.
Einlass in eine vergessene Welt: Kreissprecher Ronny Wappler öffnet das Tor für eine Reise in die Vergangenheit.
Farbe hinter zerbrochenem Glas: Graffiti-Künstler nutzen illegal die Chance, sich in den Ruinen zu verewigen.
Hohenschöpping: Wo im Hitlerfaschismus Panzer rollten und in der DDR unterrichtet wurde, entstehen neue Industrieflächen
Studenten lernten, lebten beengt, aber feierten und tanzten auch
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Zur Geschichte
¦ Auf Hohenschöppinger Gemarkung wurde in der Nazi-Zeit der Wald gerodet, um ab 1936 eine Kaserne zu bauen. ¦ Im Mai 1945 übernahm die Rote Armee das Areal. ¦ Ab September 1949 bildete das Stahlwerk dort Lehrlinge aus, es gab auch ein Internat. ¦ Die Ingenieurschule für Elektrotechnik zog im Februar 1954 ein. ¦ Das Hennigsdorfer Oberstufenzentrum nutzte das Areal von 1991 bis 2005. ¦ Seiter Lehrstand, ab 2019/20 Vermarktung als Gewerbegebiet. (rol)