"Da kommen die Hennigsdorfer!" Dieser Ruf- ob erstaunt oder jubelnd - erklang immer wieder, als tausende Arbeiter aus der Industriestadt im Norden Berlins am 17. Juni 1953 durch Westberlin zogen, um zum Regierungssitz der DDR im Herzen der geteilten Stadt zu ziehen.
Eine Potsdamer Hausgemeinschaft, so meldete die Märkische Volksstimme am 10. Juni 1953, habe sich verpflichtet, nicht mehr den Feindsender Rias zu hören. Genau eine Woche später wurde dessen Radioprogramm auch für die Hennigsdorfer zu einer der wichtigsten Nachrichtenquellen.
Historiker streiten bis heute darüber, welcher Funke den Volksaufstand auslöste - dieses Feuer an Mut und Begeisterung, sich erst gegen erhöhte Arbeitsnormen, dann generell gegen die Politik der DDR zu erheben.
Das Beispiel Hennigsdorf zeigt, dass es in vielen Betrieben brodelte. In der Geschichtsschreibung berühmt geworden sind die Stahlarbeiter mit ihrem Marsch durch Westberlin zum Ostberliner Regierungsviertel. Doch es waren nicht nur die Kumpel aus dem Stahlwerk Wilhelm Florin, die sich auflehnten.
Schon am Vorabend des 17. Juni war es im LEW (heute Bombardier) zu spontanen Versammlungen der Belegschaft gekommen. In der Nacht kam es zu ersten Streiks. Auch einige Kilometer nördlich brodelte es. Den Geheimberichten der Volkspolizei ist zu entnehmen: "Am 16.6. gegen 21.30 Uhr kam es bei einer Kulturveranstaltung der Bauunion Hohenschöpping - Baustelle der Reichsbahn im Kreis Oranienburg - zu einer Arbeitsniederlegung." Die Arbeiter, die den nach dem Mauerbau von 1961 so wichtigen Berliner Außenring bauten, lehnten sich gegen die Normerhöhungen auf. Nachdem der SED-Parteisekretär die Männer zur Ruhe ermahnt hatte, riefen diese: "Wir wollen uns selbst regieren und unsere Regierung von unten aufbauen." Dieser in den Polizeiakten zitierte Satz dürfte ein Beleg dafür sein, wie schnell sich der Arbeiter- zu einem politischen Aufstand wandelte.
"Nach kurzer Diskussion wurde beschlossen, nach Berlin zu gehen, und zwar zum Haus der Ministerien. Es sollte nicht nur die Rücknahme der Normerhöhung gefordert werden, sondern wir wollten jetzt, dass die ganze Bande abtritt. Innerhalb weniger Minuten erwuchs der Wille, die Einheit Deutschlands wieder herzustellen", erinnerte sich vor Jahren der LEW-Arbeiter Karl-Heinz Benditz. Kurz vor dieser Diskussion war etwas geschehen, das Benditz als "ein Wunder" in Erinnerung blieb. Direkt an der evangelischen Kirche, wo die Straße nach Tegel abzweigt, trafen unabgesprochen die Demonstrationszüge des Stahlwerks und der LEW aufeinander. Eine mächtiger Tross formierte sich. Es sei der größte gewesen, der aus dem Brandenburgischen nach Berlin aufbrach, hieß es in dieser Woche auf einer Podiumsdiskussion zum Volksaufstand. Der einzige Marsch aber war es nicht. So brach auch von einer Baustelle der Reichsbahn in Schildow ein Zug auf, der nach Augenzeugenberichten auf dem Weg durch Pankow von Arbeitern anderer Betriebe verstärkt wurde.
Über die Zahl der Hennigsdorfer wird bis heute diskutiert. Doch selbst die Polizeiakten sprechen von bis zu 15 000 Teilnehmern - und damit nach Einschätzung derselben Quelle einem Drittel aller Demonstranten im Bezirk Potsdam.
"Ganz einfach war der Marsch nicht, denn fast alle waren ja in Arbeitskleidung, die Stahlwerker meist in Holzpantinen. Auch begann es zu regnen", heißt es in Benditz' Erinnerungen. Die wenigen überlieferten Fotos künden dennoch von selbstbewussten Demonstranten, die die Anstrengung eines rund 25 Kilometer langen Fußmarsches nicht scheuten. "Es war keine fröhliche, aber eine optimistische Stimmung", erinnerte sich in dieser Woche Dr. Fred Ebeling, der damals als 20-jähriger Werksstudent am Aufstand teilnahm.
Wie ein Wunder wirkt es heute, dass der Hennigsdorfer Zug an der Grenze in Stolpe-Süd nicht aufgehalten wurde. Auf dem Marsch durch Westberlin wurden die DDR-Aufständischen bejubelt - und das nicht von faschistischen Provokateuren, wie es in den DDR-Geschichtsbüchern bis 1989 gelehrt wurde, sondern von sich solidarisch fühlenden Arbeitern. Einer von ihnen war der 20-jährige Walter Fieber, der damals in den Tegeler Borsigwerken arbeitete. Als der Pförtner mit "Die Hennigsdorfer kommen!" jene so berühmt gewordenen Worte rief, hielt es kaum jemanden an seinem Arbeitsplatz. Die Kumpel aus der DDR seien bejubelt worden.
Zumindest bis zur Chausseestraße - und damit bereits auf Ostberliner Terrain - soll der Zug geschlossen marschiert sein. Wie viele davon so wie Fred Ebeling bis vors Haus der Ministerien zogen, wo man nach seiner Erinnerung "Freiheit und freie Wahlen forderte", ist nicht bekannt.
Es waren nur wenige Stunden, in denen sich die Menschen ihren Wunsch nach Freiheit aus der Seele schreien konnten. Dann wurden sie vom Klirren der Panzerketten und von Schüssen übertönt. Für manchen endete der Tag in Haft, andere retteten sich nach Westberlin und kehrten nicht mehr zurück. Die, die am Abend wieder Hennigsdorf erreichten, mussten an der Grenze durch ein Spalier gehen und wurden registriert.
Die Euphorie dürfte da bereits verflogen gewesen sein. Die Macht, die für Stunden zum Greifen nah gewesen schien, nach der aber mangels Streikführer niemand gegriffen hatte, war wieder in den Händen der Kommunisten. Noch am Mittag hatte Karl-Heinz Benditz' Begeisterung über die Massen am Potsdamer Platz keine Grenzen gekannt. Rückblickend aber resümierte er: "Meine Hoffnungen waren groß. Meine Begeisterung ließ nicht zu, dass ich unsere wahre Lage erkannte: Wir waren eine Schlange ohne Kopf! Wir hatten keine klaren Formulierungen der Forderungen, die wir stellen wollten."
Der Traum war ausgeträumt. Schon am 19. Juni meldeten die Zeitungen die erste standesrechtliche Erschießung.