Als der Hennigsdorfer Heinz Köppel am vergangenen Sonnabend seine Briefkasten öffnete, fand er zwischen den üblichen Werbeprospekten, die er normalerweise sofort in den Müll schmeißt, einen an ihn adressierten Umschlag. „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen, sehr geehrter Herr Köppel“, steht in dem Brief. Köppels angeblicher Preis: Eine eintägige Schiffsreise auf dem Plauer See in Mecklenburg-Vorpommern.
Am 2. Mai würden er und andere Gewinner in Hennigsdorf von einem Bus abgeholt. Zudem verspricht das Schreiben ein Frühstück und zum Mittag Spargelessen in einem Gasthaus. Die Teilnehmer müssten jedoch angeben, von welcher der vier Abfahrtspunkte in Hennigsdorf sie mitgenommen werden möchten und eine „Versicherungs- und Buchungsgebühr“ von fünf Euro zahlen. Anlass des Ganzen: Die Berliner Firma Norina, die den Brief versandte, begehe ihr 25-jähriges Firmenjubiläum. „Bei hausgemachtem Kuchen und leiser Musik feiern wir gemeinsam mit Ihnen und unseren Sponsoren“, heißt es weiter.
Heinz Köppel las den bunt gestalteten Brief zunächst nicht ohne Interesse. „Das war schon raffiniert geschrieben“, sagt er. Doch seine Zweifel überwogen. Schließlich kann er sich nicht daran erinnern, jemals an einem Gewinnspiel der Firma teilgenommen zu haben. „Da habe ich mich gefragt: Wie sind die überhaupt an meinen Namen und meine Adresse gekommen?“
Bei genauerem Lesen des Briefes, , offenbaren sich einige Ungereimtheiten. So wird nicht erwähnt, zu welchem Ort am Plauer See die Busfahrt führt. Ob es das Restaurant „Zum Fröhlichen Bauernwirt“, in der das Spargelessen stattfinden soll, wirklich gibt, scheint fraglich, da es in keinem Restaurant-Verzeichnis im Internet aufgeführt wird. „Kapitän Paulsen“, der als Schiffsführer für die Fahrt genannt wird, trägt auffälligerweise denselben Namen wie eine der Hauptfiguren in der ZDF-Fernsehreihe „Das Traumschiff“.
Existiert die Firma Norina und ihre Abteilung „Schöner-Reisen Berlin“, die für den Ausflug verantwortlich ist, überhaupt? Recherchen unserer Zeitung lassen dies zweifelhaft erscheinen: Der vermeintliche Inhaber Heinz Timme ist unter der angegebenen Telefonnummer nicht zu erreichen, und die auf dem Rückumschlag notierte Firmenadresse in Berlin ist frei erfunden.
Für Martina Roggenkamp von der Verbraucherzentrale Oranienburg sind Lockangebote wie von der Firma Norina kein Einzelfall. Die Teilnehmer würden deshalb mit dem Bus abgeholt, um es ihnen zu erschweren, die Veranstaltung vorzeitig zu verlassen. „Und natürlich wird vorher nie gesagt, wo es genau hingeht.“
Roggenkamp rät, derartige Einladungen zu ignorieren und wegzuschmeißen. Aus ihrer Sicht scheint die Schifffahrt auf dem Plauer See eine der berüchtigten Kaffeefahrten zu sein, bei denen windige Reisebegleiter mit psychologischen Tricks die Teilnehmer unter Druck setzen und überteuerte Produkte verhökern. Sollen an dieser Stelle die in der Einladung erwähnten Sponsoren ins Spiel kommen? Wer dennoch zu diesen Verkaufsevents geht, solle auf keinen Fall einen Vertrag unterschreiben. „Von der euphorischen Stimmung darf man sich dort nicht anstecken lassen“, sagt Roggenkamp.
Heinz Köppel ist froh, dass seine Tochter eigene Recherchen zur Firma Norina angestellt hatte und ihn vor der gewonnen Schiffsreise warnte. „Das ist Halsabschneiderei“, sagt der Hennigsdorfer. „Hinterher hat man gegen solche Leute ja meistens keine rechtliche Handhabe.“
Fahrt ins Blaue: Wird es bei der angepriesenen Fahrt nur leckeren Kaffee geben oder gleich noch eine Verkaufsveranstaltung dazu?