L. sieht sich ganz zu Unrecht angeklagt. Wegen Körperverletzung und Beleidigung muss sich der 36-jährige Hennigsdorfer am Dienstag vor dem Oranienburger Amtsgericht verantworten. In einem Streit soll er am 20. Juni 2019 seinen Nachbarn A. mit der rechten Hand an den Hals gegriffen und ihn gewürgt haben, ihm außerdem mit der linken Faust auf eine Augenbraue geschlagen haben. A., der als Zeuge auftritt, erlitt starke Schmerzen und Rötungen am Hals und in der rechten Gesichtshälfte. Als der Zeuge H., bei dem A. zur Untermiete wohnt, schlichtend eingriff, soll der Angeklagte ihm gegenüber geäußert haben: „Na, du schwuler alter Sack, musst du die Polizei holen, hast wohl keine Eier in der Hose?“

Wütend über den Müll vor der Tür

Die Situation unter den Nachbarn scheint festgefahren. Auf der Etage sind vier Wohnungen: die von L. und seiner Freundin, die von H., der an A. ein Zimmer untervermietet hat, L.’s Freund H. und noch jemand, der nicht dabei war. A. findet an jenem Abend Müll vor seiner Wohnungstür und klopft wütend bei L. an. Als dessen Lebensgefährtin R. öffnet, schreit er sie an. Dann kommt L. hinzu. Der verbalen Auseinandersetzung folgen Handgemenge und Schläge in A.s Wohnung.
Er habe lediglich seine Freundin beschützen wollen, sagt L. aus. A. habe seine damals hochschwangeren Lebensgefährtin bedroht. A. habe zudem seinen Hund, einen Collie-Mix, getreten. Er habe A. in dessen Wohnung zurückgeschubst, so L. Er selbst habe auch Schürfwunden davongetragen und dies bei der Polizei angezeigt.

Unübersichtliche Gemengelage mit Hund

A. wird von einem Dolmetscher begleitet. Der Syrer beschreibt, dass die Nachbarschaft auch vorher schon keine einvernehmliche gewesen sei. Mal habe L. „fuck you“ zu ihm gesagt, ein andermal sei der Reifen seines Fahrrades platt gewesen, das später gestohlen worden sei. Den Hund habe er an jenem Abend nicht getreten, sondern nur mit dem Bein davon abhalten wollen, in seine Wohnung zu kommen. In seinem Flur habe L. ihn gewürgt und geschlagen. Auf die Frage, ob er selbst L. auch geschlagen habe, sagt er: „Ich hätte es gerne gemacht“, aber er sei dazu nach einem Unfall körperlich nicht in der Lage.

Zeuge macht Fotos von den Verletzungen

Hubert H., der Eigentümer der Wohnung, bewohnt ein Zimmer in dieser Wohnung. Der 67-jährige Zeuge sagt aus, er sei durch den Lärm geweckt worden. Als er dabei war, die Polizei anzurufen, sei von L. der beleidigende Spruch gefallen. „Er hat was gesagt, was er immer so sagt, wenn er aggressiv ist“, sagt Hubert H. leichthin, der unter anderem ehrenamtlich in einer Schwulenberatung tätig ist. Auf Anraten der Polizeibeamtin habe er Fotos von A.s Verletzungen gemacht.
Alexander H., der letzte aufgerufene Zeuge, der zum Handgemenge selbst nur vage Angaben macht, hätte damals vielleicht ein Missverständnis aufklären können. Denn er überrascht das Gericht mit der Mitteilung, er sei derjenige, der den Müll vor A.s Tür geworfen habe. Obwohl er mit L. und seiner Verlobten befreundet ist, sagt er das keineswegs mit Bedauern. Er hat offensichtlich auch während des Handgemenges oder danach darüber kein Wort verloren, denn A. äußert sich noch vor Gericht sicher, dass es L. war.

Ein anderer will den Müll hingeworfen haben

Der Müll habe seit Tagen in dem Fahrradkorb vor dem Haus gelegen, so Alexander H. „Kein nasstriefender Müll, sondern Tücher, Becher, was Leute halt wegen nicht vorhandener Mülleimer in so einen Korb werfen“, sagt der 40-jährige auf Nachfrage des Staatsanwalts. Dann geht Alexander H. dann aber davon aus, dass das A.s Müll sei, wohl nach dem Motto „sein Fahrrad, sein Müll“, wie der Staatsanwalt vermutet. An diesem Tag sei das Fahrrad weg gewesen, und der Unrat habe vor der Haustür gelegen. „Da habe ich mir gedacht: ,bringste den Müll gleich richtig weg’“, erzählt er. Er habe den Abfall gegriffen und vor A.s Haustür abgelegt – was dieser dann Familie L. zurechnete.

Emotionsgelader Dauerkonflikt

Der Staatsanwalt schätzt Hubert H.s Aussage als die glaubwürdigste und als am wenigsten emotionsgeladen ein. Die Wahrnehmungen der anderen über das Geschehen seien vor allem geprägt von dauernden Konflikten, die es offenbar in dem Haus gebe. Der Täter wirke auch vor Gericht unbeherrscht. Er plädiert auf 50 Tagessätze à 30 Euro.
L.s Rechtsanwalt beantragt Freispruch. Am Ende sei doch nicht so viel passiert, es wäre seiner Auffassung nach eher eine Angelegenheit für eine Schiedsstelle gewesen. Da auch der Zeuge Hubert H. die Beleidigung besonders als solche empfunden habe, sei diese als Tatbestand auch nicht von großer Bedeutung.

Noch eine Geldstrafe mehr

„Möglicherweise sieht sich der Zeuge wegen seiner Homosexualität häufiger Beleidigungen ausgesetzt und sagt deshalb, er nähme sie nicht so wahr“, vermutet Richter Passerine. Und er sagt deutlich: „Aber für das Gericht ist es eine Beleidigung.“
Fünfmal hat der Angeklagte in den vergangenen Jahren Geldstrafen wegen Betrugs und wegen Verwendung verfassungsfeindlicher Zeichen erhalten. An einer zahlt er gegenwärtig noch ab. Wegen vorsätzlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Beleidigung kommt nach diesem Urteil nun noch eine Geldstrafe von 50 Tagessätzen à 30 Euro hinzu.