Es war 20.24 Uhr, als sich am Dienstagabend Hennigsdorfs Abgeordnete selbst beklatschten. Gerade hatten sie, rund ein Jahrzehnt nach dem ersten Anlauf, einstimmig den Bau von Hennigsdorfs neuem Stadtbad beschlossen. Zu Beginn der Sitzung war damit noch nicht zu rechnen gewesen.

SPD scheitert mit Vertagungsantrag

Gut zwei Stunden hatten die Abgeordneten damit gerungen, ob sie den 23,66 Millionen Euro schweren Beschluss an diesem Abend fassen sollten. SPD und CDU hatten einen Antrag vorbereitet, der den Stadtverordneten nochmals drei Wochen Zeit geben sollte, sich mit dem umstrittenen Betreiberkonzept auseinanderzusetzen. Auf Sondersitzungen am 14. Oktober sollte diskutiert, am 28. Oktober abgestimmt werden. Die beiden Fraktionen wollten damit sich und ihren Kollegen Zeit einräumen, um das am vorigen Donnerstag im Hauptausschuss überraschend präsentierte Betreiberkonzept nochmals unter die Lupe zu nehmen. Viele Abgeordnete hatten an diesem Abend Bauchschmerzen gehabt, mit dem Bau des Bades auch die jährlich auf die Stadt zukommenden Nebenkosten mit zu beschließen. Wenn das Bad im Herbst 2023 öffnen soll, so hatte die mit dessen Bau beauftragte KBI-Chefin Birgit Tornow-Wendland verkündet, müssten aus der Stadtkasse jährlich 500.000 Euro Verlust getragen werden. Diese Summe steige in den folgenden 20 Jahren auf voraussichtlich 900.000 Euro.

Verlustausgleich, Kredit, Zinsen

Dazu kommt, dass die Stadt die für den Schwimmbad-Bau aufzunehmenden Kredite bedienen muss. Die für Hennigsdorfs Stadtkasse verantwortliche Fachbereichsleiterin Jutta Benesch bezifferte, was dabei auf die Stadt zukommt: „Jährlich knapp über eine Million Euro Tilgung und rund 300.000 Euro Zinsen.“ Zusammen mit dem Verlustausgleich muss Hennigsdorf ab 2024 also rund 1,8 Millionen Euro fürs neue Stadtbad reservieren.
„Jedes Detail wird hier ausgiebig beraten. Und bei unserem größten Investitionsprojekt soll das nicht der Fall sein?“, warb SPD-Fraktionschef Patrick Deligas (vormals Krüger) für den Vertagungsantrag, von dem sich wenige Minuten später die CDU distanzierte. Zuvor war es unisono von Linken, Grünen, Unabhängigen, von FDP und AfD gefordert worden: Man wolle an diesem Abend abstimmen.

Vortag aus dem Ärmel geschüttelt

Für die mit allen Wassern Hennigsdorfer Stadtpolitik gewaschene Tornow-Wendland – über viele Jahre selbst CDU-Abgeordnete – kam diese Wendung höchst überraschend. „Was soll ich jetzt machen? Ich hätte hier einen Stick, auf dem alles drauf ist“, verwies sie auf den kleinen Speicher. Nur: Im Stadtklubhaus war für diesen Abend gar nicht die Technik aufgebaut worden, um dem Stick dessen Inhalte zu entlocken. Tornow-Wendland blieb nichts anderes übrig, als die wichtigsten Informationen aus dem Handgelenk zu schütteln. Für diesen Spontanvortrag erhielt sich anschließend Lob von allen politischen Seiten.

Preissteigerungen am Bau einberechnet

Im Telegrammstil frischte die KBI-Chefin all das auf, was sie in der Woche zuvor im Hauptausschuss ausführlich dargestellt hatte. Eine der wichtigsten Informationen: In der erwarteten Bausumme seien bereits jährliche Preissteigerungen und eine zehnprozentige Sicherheit eingerechnet. Die von den Abgeordneten gesetzte Grenze von 25 Millionen Euro sei damit nicht in Gefahr.
Wenn im September 2023 das Bad öffnet, das auf dem ehemaligen Schulhof des Alten Gymnasiums entsteht, werde es 99 Stunden in der Woche geöffnet haben. Der Bade- und Saunaspaß sei bis 21.30 Uhr möglich. Eine spätere Schließung sei nicht möglich, weil der Parkplatz aus Lärmschutzgründen um 21.45 Uhr geschlossen werden müsse.

Eine Bahn mehr

Hat das Aqua-Stadtbad bislang nur vier Bahnen, bietet der Neubau künftig fünf Bahnen. Die Preise würden nur marginal erhöht und gelten für 120 statt bislang 90 Minuten. Wenn die Abgeordneten das von der Stadt zu tragende Defizit verringern wollen, „dann müssen sie die Hände für eine Preiserhöhung heben“, sagte Tornow-Wendland. Das aber würde Bürgermeister Thomas Günther (SPD) nicht schmecken. „Das Bad soll allen Einkommensgruppen offenstehen. In dieser Frage liegt mit den vorgeschlagenen Eintrittspreisen ein guter Kompromiss auf dem Tisch.“
Mit dem Beschluss vom Dienstag beginnt für Tornow-Wendland nun ein neues Kapitel Stadtbad-Bau. Sie muss in den nächsten Wochen die Ausschreibung für mindestens 70 Prozent des Auftragsvolumens auslösen, um bis Weihnachten die Angebote auf dem Tisch zu haben. Dann schlägt erneut die Stunde der Wahrheit: Rufen die Firmen Preise auf, die mit den finanziellen Planungen in Einklang zu bringen sind? Die 25-Millionen-Euro-Grenze wird dabei ihren Lackmus-Test bestehen müssen.

Baustart für Anfang 2021 geplant

Geht alles glatt, soll ab Anfang 2021 gebaut werden. Damit würde eine Idee verwirklicht, die um 2010 geboren wurde. Damals wurde mit Baukosten von zehn Millionen Euro kalkuliert.