So richtig deutlich will sich Siegert am Telefon vom Lieblingsprojekt von Bürgermeisterin Ines Hübner (SPD) nicht distanzieren. Was er allerdings verschweigt: Pro Velten hatte bereits zur Sitzung des Stadtparlaments am 7. November einen Antrag eingereicht, der Sprengkraft besitzt. Wenige Tage vor der Sitzung zog die Fraktion das Papier aber wieder zurück. In dem "Bahnanbindung der Stadt Velten" überschriebenen Antrag, der der Redaktion vorliegt, heißt es: "Die weitere Forderung der Verlängerung der S-Bahn nach Velten scheint vor diesen Hintergründen abwegig." Begründet wird dies mit den "um mehr als das Achtfache" gestiegenen Kosten für die S-Bahn-Verlängerung Hennigsdorf-Velten. Statt der 2010 in der von Velten finanzierten Nutzen-Kosten-Analyse errechneten 14 Millionen Euro sollen die sieben S-Bahn-Kilometer nach Velten nun 115 Millionen Euro kosten. "Von einem positiven Nutzen-Kosten-Faktor dürfte also keine Rede mehr sein", schlussfolgert Pro Velten.
Verwiesen wird außerdem darauf, dass der Veltener Bahnhof ohne S-Bahn-Gleis ausgebaut und der Neubau der Bahnbrücke über die Hennigsdorfer Feldstraße ohne S-Bahn-Gleis geplant sei. Beides ist nicht falsch. Konkreter müsste es aber heißen: Die Bahnhofsanlagen in Velten wurden bewusst so geplant, dass ohne Probleme ein S-Bahn-Gleis verlegt werden kann. Und die Hennigsdorfer Brücke wird so konzipizert, dass ebenfalls ein Gleis für die S-Bahn freigehalten wird.
Im Telefonat weicht Siegert einer Antwort auf die Frage aus, ob er gegen den S-Bahn-Anschluss sei. Stattdessen stellt er eine Gegenfrage: "Wie realistisch ist es, etwas zu fordern, was seit mehr als 25 Jahren gewünscht wird?" Es sei für ihn nicht vorstellbar, dass sich in den nächsten fünf Jahren etwas ändere, meint Siegert. Dabei dürfte er an die Worte denken, mit denen Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) nach seinem Veltener Wahlkampfauftritt in dieser Zeitung zitiert wurde: "Jeder, der sagt, die S-Bahn steht in sechs, sieben Jahren, der lügt." Ebenso wie Woidke verweist Siegert auf die Gefahr, dass das dem Bau vorgeschaltete Planfeststellungsverfahren zu Klagen führen kann, die sich Jahre hinziehen.
Siegerts Worten zufolge hat sich Pro Velten nun die Durchbindung des Prignitz-Expresses (RE 6) nach Gesundbrunnen auf die Fahnen geschrieben. "Hauptsache, wir haben eine direkte Durchbindung nach Berlin-Gesundbrunnen", argumentiert er. Eine solche Verbindung, gepaart mit einem 30-Minuten-Takt, "hätte einen deutlicheren Mehrwert, der bis Neuruppin reicht." Daher regt Siegert an, sich mit den Gemeinden auszutauschen, die an der Strecke des Prignitz-Expresses liegen. In diese Richtung zielte auch der zurückgezogene Antrag. Darin heißt es, es mache Sinn, die Forderung eines Direktanschlusses vom Prignitz-Express gemeinsam "zu forcieren und energisch gegenüber den Ländern zu formulieren".
Die Kehrtwendung von Pro Velten kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich das Land Brandenburg – für viele Veltener nach einer unsäglich langen Zeit – vom Entweder-Oder-Kurs zur Sowohl-als-auch-Lösung durchgerungen hat. Anders gesagt: In Potsdam hat man eingesehen, dass der über Velten führende Schienenkorridor beides braucht: die schnelle Direktanbindung ans Berliner Zentrum als auch die S-Bahn-Verlängerung.
Davon will Veltens SPD auch keine Abstriche machen. Für Fraktionschefin Katja Noack bleibt die S-Bahn gesetzt: "Daran halten wir weiter fest. Dass der S-Bahn-Anschluss keine positiven Effekte hat, wäre mir neu." Katja Noack setzt darauf, dass die neue Landesregierung "mehr bewegt als in der Vergangenheit". Dass dabei auch die SPD-Landtagsfraktion mehr Druck macht, diese Forderung kann sie allmorgendlich am Frühstückstisch formulieren. An dem sitzt ihr Ehemann. Und Andreas Noack hofft, dass er in den Ausschuss für Infrastruktur und in den für Finanzen gewählt wird. Beide Gremien gelten als zentral, wenn es um Geld für den Nahverkehr geht.
Die S-Bahn aufs Abstellgleis zu schieben, könnte für Pro Velten zum Bumerang werden. Schließlich waren es 2010 mehr als 10 000 Menschen aus Velten und Umgebung, die die Forderung nach dem S-Bahn-Anschluss unterschrieben haben. An dieser Stelle könnte Alexander Moser-Haas (Die Linke) ins Spiel kommen. Der Stadtverordnete versucht seit einigen Monaten, bei umstrittenen Themen (Beispiel Supermarkt im Zentrum) zwischen den verhärteten Fronten zu vermitteln. Derzeit trommelt er für eine auf der Internetseite www.openpetition.de veröffentlichte Petition für einen schnellstmöglichen Ausbau der Strecke Neuruppin-Hennigsdorf-Berlin und für kurzfristige Maßnahmen, die den Übergang zwischen Regional- und S-Bahn in Hennigsdorf sichern. Bislang hat die Petition knapp 600 Unterstützer gefunden. Gefordert wird darin auch die "zeitlich vorgezogene Verlängerung der S-Bahn nach Velten, während gleichzeitig noch die Planfeststellung für die neuen Zwischenbahnhöfe und das zweite Gleis laufen". Dieser Zeitung sagte er am Dienstag: "Es wäre das Schlimmste, die S-Bahn und die Regionalbahn gegeneinander auszuspielen." Dennoch sollten die Bedenken von Pro Velten ebenso ernst genommen werden wie die Ansichten der Anrainergemeinden der Bahnstrecke.

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