Im Hennigsdorfer Krankenhaus wurde am Freitag das Projekt "IdA ­– Interdisziplinäre demenzsensible Akutversorgung" begonnen. Dazu wurde ein Konsortium unter anderem aus drei Kliniken und drei Krankenkassen gegründet (siehe Hintergrund). An fünf Standorten der drei beteiligten Kliniken können Patienten ab 70 Jahren diese neue Versorgungsform erhalten. Die Qualität der Behandlung wird mit den Ergebnissen von Patienten dreier weiterer Kliniken verglichen.
Praxisphase beginnt im Mai
In Hennigsdorf und Oranienburg beginnt die praktische Phase im Mai. Das Projekt endet 2023 und wird mit mehr als 7,2 Millionen Euro vom Bund gefördert. Jedes beteiligte Krankenhaus erhält zwei Vollzeitstellen. Diese Koordinatoren und Tagesbegleiter kümmern sich gezielt und individuell um demente Patienten auf den Stationen. "Aus Sicht der Praxis sehen wir einen sehr hohen Bedarf", sagte am Freitag Dr. Heidi Müßigbrodt, Leitende Oberärztin der Psychiatrie der Klinik Hennigsdorf. Sie gehört zu den Ideengebern des Projekts "IdA". Zum Projekt gehört, dass Patienten ab 70 Jahren im Krankenhaus durch das Pflegepersonal einer "Orientierungsprüfung" unterzogen werden, um zu erkennen, wie der geistige Zustand ist. Anschließend werden ausführliche Gespräche mit den neuen Demenzkoordinatoren geführt. Dann beginnt die Arbeit der Tagesbegleiter. "Es geht vor allem um Beschäftigung", so Heidi Müßigbrodt. Denn der Klinikalltag biete älteren Patienten mit kognitiven Problemen keine Auswege aus der Misere. Das kann böse Folgen haben. Denn wer tagsüber nur schlafe, liege nachts wach, "steht verwirrt auf, läuft herum und stürzt", sagt Dr. Müßigbrodt. "So werden aus einem siebentägigen Krankenhausaufenthalt schnell sieben Wochen."
Die neuen Mitarbeiter sollen die betreffenden Patienten zum Beispiel am Bett aufsuchen, mit ihnen sprechen, spielen, sie beschäftigen, auf den Tagesablauf achten, Mut zusprechen, ihnen eine Struktur geben und die Angehörigen einbinden. "Geistige Anregung wirkt vorbeugend", sagt Heidi Müßigbrodt. Außerdem werden so Mangelernährung und Krankenhausinfektionen bekämpft.
Regelversorgung gefordert
Die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen in Brandenburg steigt rasant. Betraf es 2009 gut 43 800 Brandenburger, sind es nach einer aktuellen Studie 2030 bereits knapp 87 400. "Wir wissen, was uns erwartet", sagte am Freitag Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) zum Projektstart in Hennigsdorf. Geht es nach ihr, soll "IdA" zur Regelversorgung werden.
Das fordert auch Sabine Jansen von der Deutschen Alzheimergesellschaft. Demenz-Patienten im Allgemeinkrankenhaus "brauchen Beschäftigung, Bewegung, Begleitung. Sonst vergessen sie zu essen, zu trinken, sich anzuziehen. Sie verlieren ihre Sprache, verstehen nichts mehr, vergessen Namen und Zeit. Das bedeutet auch, es gibt pflegerische Probleme, weil wir dafür sehr viel mehr Zeit benötigen." Hier setzt "IdA" an: "Eine auf diese besonders verletzliche Patientengruppe zugeschnittene Schulung wird auch das stark geforderte Pflegepersonal entlasten", so Dr. Hasso Klimitz, Leiter der Psychotherapie des Bergmann Klinikums.
Ziel aller Konsortialpartner des "IdA"-Projekts ist es, sich gemeinsam für die Optimierung der stationären Versorgung der betroffenen Patientengruppe einzusetzen. Dazu gehöre auch die Vernetzung mit der ambulanten Versorgung, also mit Ärzten, Pflegediensten sowie Pflegeeinrichtungen und Beratungsstellen. "Zur besseren Vernetzung könnte beispielsweise eine feste telefonische Hotline etabliert werden", schlug Heidi Müßigbrodt vor.

LänderübergreifendeKooperation


Entwickelt wurde die "IdA"-Idee – die  "Interdisziplinäre demenzsensible Akutversorgung" in Hennigsdorf.

Unter Führung der Oberhavel Kliniken GmbH hat sich ein Konsortium zusammengeschlossen.

Dazu gehören das Klinikum Ernst von Bergmann gGmbH, das Klinikum Niederlausitz GmbH, das Klinikum Campus GmbH Lausitz, die AOK Nordost, die Agenon (Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Gesundheitswesen) sowie Jäger Gesundheitsmanagement. Die Bahn-BKK und die Knappschaft arbeiten mit dem Konsortium zusammen. bu