Fast eine Stunde dauert es am Mittwochmorgen, bevor Richter Udo Lechtermann die Verhandlung gegen die fünf mutmaßlichen Bandenmitglieder eröffnen kann. Dabei sind alle anwesend. Sogar der Angeklagte, der beim Prozessauftakt vor drei Wochen noch als verschollen galt, ist diesmal rechtzeitig aufgetaucht.
Es ist der Hauptangeklagte und mutmaßliche Kopf der Bande, Karsten J. aus Velten, der für dieVerzögerung sorgt. Lange weigert er sich, in den Gerichtssaal zu kommen. Immer wieder geht sein Anwalt Thomas Penneke in die Zelle, spricht mit J. Nach 50 Minuten hat er seinen Mandanten schließlich überzeugt - und auch eine Erklärung für dessen störrisches Verhalten parat.
"Die Weigerung meines Mandanten ist keine Respektlosigkeit gegenüber der Kammer. Er will ein öffentliches Zeichen setzen", sagt Penneke. J. sei empört darüber, dass er am vergangenen Freitag von der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wulkow bei Neuruppin nach Brandenburg Havel verlegt worden sei. J. habe weder persönliche Sachen mitnehmen, noch seinen Rechtsanwalt informieren dürfen. Penneke will erst am Montag durch Zufall und über Umwege von der Verlegung erfahren haben. Penneke beklagt deshalb vor Gericht, auch in seiner Arbeit als Verteidiger behindert worden zu sein. Der Angeklagte lässt über seinen Verteidiger behaupten, dass er mit der Verlegung nach Brandenburg für seine Aufsässigkeit bestraft worden sei. J. soll in Wulkow mit anderen Häftlingen eine Kommission gegründet haben, um auf Missstände und Ungerechtigkeiten in der Haftanstalt hinzuweisen. Für die Kommission habe er auch Schreiben an den Petitionsausschuss des Brandenburger Landtages verfasst. Die Schreiben hätten den Landtag, so Penneke, aber nicht erreicht. Sein Mandant vermute, dass die Leitung der JVA Wulkow die Briefe absichtlich nicht weitergeleitet hat. Karsten J. habe schließlich den Weg an die Öffentlichkeit gesucht und an den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) geschrieben, um die Probleme in der JVA öffentlich zu machen. Der Brief soll am vergangenen Freitag abgefangen und Karsten J. anschließend nach Brandenburg/Havel gebracht worden sein. Dort ist J. nach Auskunft seines Anwaltes inzwischen in einen Hunger- und Durststreik getreten, um seine Rückverlegung zu erreichen. Bereits in Brandenburg hatte der 29-jährige Veltener versucht, sich dem Transport zur Gerichtsverhandlung zu widersetzen. Er musste schließlich von Justizbeamten in den Transportbus getragen werden.
Annette Gädeke von der JVA Wulkow widerspricht am Mittwochnachmittag den Vorwürfen von Karsten J. "Aus Gründen des Datenschutzes kann ich ihnen nicht konkret sagen, warum genau Herr J. nach Brandenburg verlegt worden ist. Seine Schreiben an den Landtag und die Medien sind aber nicht der Grund. Es steht jedem Insassen frei, sich mit Politikern und Medien bei Problemen in Verbindung zu setzen", sagt die Vertreterin der Anstaltsleitung. J. habe auch keine Kommission gegründet, sondern sei reguläres Mitglied eines Gremiums im Rahmen der Gefangenenmitverantwortung gewesen, in dem JVA-Insassen und Mitarbeiter alltägliche Dinge und Probleme beraten. Bestätigen könne sie aber, dass die JVA ihrerseits Strafanzeige gegen Karsten J. gestellt hat. Einzelheiten zum Strafvorwurf nennt sie aber nicht.
Im Gerichtssaal ist von Bedrohung gegenüber Mitgefangenen die Rede. Dass J. kein einfacher Häftling ist und mit Regeln seine Probleme hat, hatte Richter Udo Lechtermann schon am ersten Verhandlungstag durchblicken lassen. Karsten J. sitzt seit Mitte August in Untersuchungshaft. Nachdem das Amtsgericht Oranienburg damals den Haftbefehl gegen ihn erlassen hatte, war der Veltener geflüchtet. Zwei Tage später schnappte ihn die Polizei aber vor dem Louise-Henriette-Center in Oranienburg.