Seit Monaten befindet sich die Stadt Taranto in der strukturschwachen Region Apulien im Ausnahmezustand. Immer wieder gehen Mitarbeiter des dortigen Stahlwerkes auf die Straße, um für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zu kämpfen. Allein im dortigen Werk arbeiten 11 600 Menschen. Inklusive der Zuliefererbetriebe stehen bis zu 30 000 Jobs auf dem Spiel. Doch die Justiz droht weiter mit der Schließung des Werkes, wenngleich Ministerpräsident Mario Monti vergangenen Freitag das Aus des Großbetriebes vorerst abgewendet hat.
Die Vorwürfe gegen die Unternehmerfamilie Riva wiegen schwer. Sie soll verantwortlich für den Tod von hunderten Bürgern in Taranto sein. Die Feinstaub- und Dioxinemissionen ihres Werkes sollen zeitweise beim Elffachen des weltweit geltenden Grenzwertes gelegen haben. Vor allem von den Abraumhalden sollen giftige Mineralstoffe über die Stadt wehen. Gesundheitsbehörden machen Medienberichten zufolge Riva dafür verantwortlich, dass die Krebsrate in Taranto 30 Prozent und die Kindersterblichkeit 20 Prozent über dem Durchschnitt der Region Apulien liegen. Jahrelang soll das Unternehmen zu wenig gegen die Umweltverpestung unternommen und die Probleme mit Hilfe von lokalen Behördenvertretern unter den Teppich gekehrt haben. Die Justiz bezeichnet das Management laut einem Bericht der Frankfurter Rundschau deshalb sogar schon als kriminelle Vereinigung und ermittle zum Verdacht der Korruption.
Einen neuen Höhepunkt erreichte der Konflikt in der vergangenen Woche. Am Montaghatte eine Richterin, die im Sommer bereits Teile des Werkes stilllegen ließ, Haftbefehle gegen sieben Riva-Manager erlassen. Der 86-Jährige Firmenchef Emilio Riva, sein Sohn Nicola und ein weiterer Manager waren bereits im Juli unter Hausarrest gestellt worden. Nach den neuerlichen Festnahmen schloss Riva große Teile des Werkes. 5 000 Beschäftigte standen plötzlich vor verschlossenen Toren.
Am Freitag stoppte dann das Kabinett von Ministerpräsident Mario Monti die Schließung des Werkes per Dekret und verpflichtete Riva, das Werk innerhalb der nächsten zwei Jahre für stattliche 3,5 Milliarden Euro zu sanieren. Monti befürchtet erhebliche volkswirtschaftliche Schäden durch eine Schließung des Großbetriebes. Von der Zukunft des Riva-Werkes in Taranto hängt auch die Existenz zahlreicher Zulieferer und weiterverarbeitender Betriebe ab. Umweltorganisationen und die italienischen Grünen protestieren gegen Montis Dekret.
Der Betriebsrat des Hennigsdorfer Stahlwerkes, Detlef Krebs, begrüßte an diesem Dienstag dagegen das Machtwort des italienischen Ministerpräsidenten. "Er gibt uns wieder Hoffnung", sagte Krebs, der - wie schon im Sommer - ausdrücklich seine Solidarität mit der Unternehmerfamilie bekundete. Krebs glaubt weiterhin nicht, dass die Rivas Umweltauflagen missachtet haben. "Sie haben viel Geld in die Modernisierung investiert - in Hennigsdorf und in Taranto." Riva hatte das Werk erst 1995 vom italienischen Staat übernommen. "Der Staat hat es verkommen lassen. Riva braucht mehr Zeit für die Sanierung", meint Detlef Krebs, der deshalb nicht versteht, warum Monti eine 3,5-Milliarden-Euro-Investition innerhalb von zwei Jahren fordert. Er hofft, dass die Forderungen noch gelockert werden. "Ich baue auf das Bewusstsein der Politik, die Arbeitsplätze von zehntausenden Menschen sichern zu wollen", so Krebs.
Unmittelbare Auswirkungen auf das Hennigsdorfer Werk fürchtet er zurzeit nicht. "Wenn aber Riva viel Geld in Italien investieren muss, kann das auch zu Lasten der deutschen Werke gehen", so der Betriebsrat. Größere Sorgen um die Hennigsdorfer Arbeitsplätze gebe es in der Belegschaft bislang nicht. "Unser Geschäftsführer Alain Creteur hält die Kollegen bei regelmäßigen Betriebsversammlungen auf dem Laufenden", so Krebs. Bislang habe er die rund 600 Mitarbeiter in Hennigsdorf beruhigen können.