Schikane, Anfeindung, Blockade
"Es sind komische Zeiten, in denen die EU selbst keine Rettungsschiffe mehr im Einsatz hat und zivile Seenotretter gleichzeitig massiv gestört und unter Druck gesetzt werden", sagt der 27-jährige Jeremy Oestreich im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Organisatoren der Tattoo-Aktion sprechen von Schikanen, öffentlichen Anfeindungen, Blockaden und sogar Kriminalisierung, die den freiwilligen Seenotrettern auf der "tödlichsten Fluchtroute weltweit" im Mittelmeer drohen. Die Europäische Union stellte in diesem März ihre Rettungseinsätze komplett ein.
Die ehrenamtlichen Seenotretter seien nun "die Einzigen, die im zentralen Mittelmeer noch Menschen vor dem Ertrinken retten", sagt Oestreich, geboren in Berlin-Wedding. 2012 hat er sein Abitur in Velten gemacht. Anschließend ging er auf Reisen, fuhr unter anderem mit dem Fahrrad nach Marokko und arbeitete in Holland als Matrose auf Traditionssegelschiffen. "Heute studiere ich Philosophie und Sozialwissenschaften in Berlin", sagt er.
Auf die Arbeit der Sea-Eye wurde er durch einen Freund aufmerksam: Marcel Ditt. Der 26-jährige Politikwissenschaftler und Rettungssanitäter war, wie in unserer Zeitung berichtet, im Juli mit an Bord der "Alan Kurdi" und rettete in mehreren Missionen vor der lybischen Küste zahlreiche Geflüchtete vor dem Tod. "Als unser Freund Marcel an Bord ging, haben wir begriffen, wie selbstverständlich die Arbeit der zivilen Seenotrettung behindert wird und wie humanitäre Prinzipien und sogar die Menschenrechte unter Beschuss stehen", berichtet Jeremy Oestreich. Ditt und das Team der "Alan Kurdi" mussten eine Odyssee auf dem Mittelmeer durchleben. Kein Hafen wollte dem Schiff mit 65 Geflüchteten an Bord Einlass in seine Hoheitsgewässer gewähren.
Italien untersagte den Seenot-rettern der Regensburger Hilfsorganisation, an ihrem Hafen von Lampedusa anzulegen. Danach wies Malta das Schiff mit drei medizinischen Notfällen an Bord ab. Erst Tage später willigte die maltesische Regierung ein, die Flüchtlinge aufzunehmen. Der Fall ging weltweit durch die Medien und sorgte für Empörung. Jeremy Oestreich hat die Aktion verfolgt. "Es ist einfach allerhöchste Zeit, sich offen zu Menschlichkeit zu bekennen", sagt er.
Starkes Zeichen, das bleibt
Sein Kumpel Dorian Schnabel, gelernter Tischler und Hobby-Tätowierer, erzählt, dass im Zuge der Irrfahrt der "Alan Kurdi" die Idee mit den Tattoos als Spenden kam. "Denn die bleiben für immer, sind ein sehr starkes Zeichen", sagt Schnabel. "Als wir vor vier Wochen angefangen haben, Freunden von der Idee zu erzählen, wurde das Ganze dann schnell zum Selbstläufer und aus der Idee mit ein paar Freunden im Park wurde eine öffentliche Veranstaltung."
Tattoo-Studios unterstützen die Aktion, die am Sonnabend um 11 Uhr im Prinzessinnengarten am Moritzplatz  beginnt.
Bis 20 Uhr soll tätowiert werden. Ab 14 Uhr gibt es ein kleines Bühnenprogramm mit Geflüchteten und politischen Organisationen, die von Positionen, Erfahrungen und ihrer Arbeit berichten. Zu 21 Uhr wird der Film "Iuventa" im Open-Air-Gartenkino gezeigt.
Die Veranstalter rechnen mit rund 200 Besuchern. Es soll deutlich gemacht werden, dass es in Europa noch Unterstützung für die Rettung von Menschen gibt. "Das Thema ist den Menschen wichtig, das merkt man", sagt Dorian Schnabel.

14 500 Menschen im Mittelmeer gerettet

Die Sea-Eye ist eine 2015 gegründete, deutsche Hilfsorganisation, die in Seenot geratene, schiffbrüchige Menschen im Mittelmeer – meist vor der libyschen Küsten – vor dem Ertrinken rettet. Meist sind das geflüchtete Menschen, die auf dem Weg nach Europa sind. Ihren Sitz hat die Nichtregierungsorganisation in Regensburg.

Nach eigenen Angaben retteten die Crews der Sea-Eye mit ihren Schiffen bisher rund 14 500 Menschen vor dem Ertrinken. Die Organisation hat drei Schiffe, aber nur noch die Alan Kurdi ist im Einsatz. win