Vor einigen Jahren hat der Hennigsdorfer seine Firma an Schwiegersohn Markus Engel übergeben. Es ist für ihn ein gutes Gefühl, dass die am 16. Juni 1990 gegründete Schädlingsbekämpfung Engel auch künftig in familiären Händen bleibt. Umso mehr ärgert es den Firmengründer, dass sich in der Region eine Konkurrenz breitmacht, die vorgaukelt, aus der Region zu sein. Ähnlich wie es bei Schlüsseldiensten üblich ist, stehen diese Unternehmen im Internet ganz oben und vermitteln den Eindruck, mit Fachkompetenz direkt vor Ort zu sein. "Da tauchen Firmen auf, die mit Hennigsdorf gar nichts zu tun haben", ärgert sich Fachmann Engel.

Nur eine Fantasieadresse

Der Versuch, bei einer solchen Firma einen Termin für die Beseitigung von Bettwanzen zu erhalten, scheint Engels Befürchtung zu bestätigen. "Apex GmbH Schädlingsbekämpfung, Hennigsdorf" ist der Werbeeintrag einer Firma im Internet überschrieben, die den ungeliebten Tieren den Garaus machen will. Verzeichnet ist auch die Hennigsdorfer Adresse: Am Rathenaupark 12. Die Vorwahl des Telefonanschlusses suggeriert, bei einer Hennigsdorfer Firma gelandet zu sein. Doch die Hintergrundgeräusche während des Anrufs bei Apex lassen schnell erkennen, dass der Kunde in einem Callcenter gelandet ist. "Diese Woche haben wir keinen Termin mehr. Für nächste Woche, da muss ich mal schauen", sagt eine männliche Stimme. Wer noch immer glaubt, bei einer Hennigsdorfer Firma gelandet zu sein, muss den Eindruck gewinnen, dass es in der Stadt von Schädlingen nur so wimmelt. Klarheit bringt dann schnell die Frage, ob man unter der angegebenen Adresse vorbeischauen und einen Termin ausmachen kann. "Nein, das geht nicht", heißt es aus dem Callcenter. Die Frage nach dem Warum wird ebenso schnell beantwortet: "Weil da keiner ist. Wir sind hier zentralisiert in Köln." Ein Blick bei Google Maps verrät: Die angebliche Kammerjäger-Adresse befindet sich mitten auf dem Betriebsgelände von Bombardier.
Ähnlich wie bei Apex verhält es sich auch bei zwei anderen Anbietern, die im Internet mit Werbeslogan wie "Kammerjäger in Hennigsdorf. Seit 60 Jahren Marktführer" um Kunden ringen. Man sei bundesweit aktiv und könne auf Fachkräfte in der Region zurückgreifen. Kostenangebote gebe es bei einem ersten Vor-Ort-Termin.
"Die haben keine Ahnung. Denen geht es nur ums Gelddrucken", wirft Engel einigen der im Internet werbenden Unternehmen vor, ohne konkrete Namen zu nennen. Natürlich haben deutschlandweit agierende Firmen das Recht, an jedem beliebigen Ort um Kunden zu werben. Engel ärgert sich aber über solche Fälle, wie dem aus Nieder Neuendorf: "Dort hatte eine Frau wegen Wanzen einen Schädlingsbekämpfer geordert. Der hat mit der Sprühdose gesprüht und dann 850 Euro verlangt hat." Auf der Rechnung seien weder Telefonnummer noch Firmenzeichen oder gar Steuernummer vermerkt gewesen.
Dass Engel keine Märchen erzählt, lässt ein Artikel im Fachblatt PCN vermuten. In der Mai-Ausgabe 2020 berichtet Dietmar Isbaner, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft technischer Notdienste, dass sich seit 2019 unseriöse Geschäftemacher in der Schädlingsbekämpfungsbranche breit machten. "Vermittler werben bundesweit oft getarnt als ortsnahes Unternehmen in allen Variationen um den hilfesuchenden Verbraucher, meist an prominenter Stelle in Suchmaschinen", meint er. In einigen Fällen seien sogar Name und Adresse existierender Firmen missbraucht worden. Isbaner warnt nicht nur vor Abzocke, sondern auch vor gefährlichem Unwissen der Anbieter: "Dabei hantieren die teilweise mit Giftstoffen, von denen sie selbst nichts wissen." Der Vorsitzende befürchtet, dass "wie zuvor im Schlüsseldienstgewerbe eine ganze Branche in Verruf gebracht wird".
Diese Befürchtung hat Engel für das Hennigsdorfer Familienunternehmen (noch) nicht. Dafür sorgt der große, über Jahrzehnte aufgebaute Kundenstamm. Zu dem gehören laut Engel namhafte Firmen wie die AWU, Alba und Bombardier.

Ratten im Stadtzentrum

Die Aufträge gehen seinem Schwiegersohn auch deshalb nicht aus, weil sich viele Schädlinge immer stärker vermehren oder durch Urlaub und über Handelswege eingeschleust werden. "Am Hennigsdorfer Bahnhof laufen die Ratten am Tag herum und begrüßen die Leute an den Bushaltestellen", hat er beobachtet.
Auch die Lage an der Havel sei ein Problem. Die dort lebenden Ratten machen am Zaun zu Bombardier nicht halt. "Wir haben mit der Firma einen Vertrag für einen monatlichen Service", erzählt Wolfgang Engel. Doch auch mit Schaben habe er es dort zu tun. "Die sind aus den aus Dubai stammenden Toiletten, die in die Züge eingebaut werden", erklärt er.
Ein Großteil ihrer Aufträge führen Wolfgang und Markus Engel in Privathaushalte. "Vor allem aus den USA und Frankreich bringen sich viele Urlauber Bettwanzen mit", hat der Kammerjäger festgestellt, dessen berufliche Laufbahn zu DDR-Zeiten als Desinfektor im Hennigsdorfer Krankenhaus begann.
Bettwanzen wieder aus der Wohnung zu bekommen, sei extrem aufwendig. Da sich die Tiere samt ihrer Eier überall verstecken, müssen nicht nur alle Bilder abgenommen, sondern auch Lichtschalter und Scheuerleisten demontiert werden. Dagegen klingt es fast einfach, einer Mottenplage Herr zu werden. Wolfgang Engel holt eine Art fest verschlossenen Briefumschlag hervor, indem Hunderte Schlupfwespen stecken. "Die schlafen noch", meint er lächelnd. Die Tierchen sehen die Larven von Mehlmotten als Leckerbissen an. Und sie stören nicht: Sind alle Larven vertilgt, sterben die Winzlings-Wespen wegen Futtermangel.