Dem 27 Seiten starken Bericht ist zu entnehmen, dass nicht technisches, sondern menschliches Versagen zu dem Unglück auf der S-Bahn-Linie 25 am 21. August 2012 in Tegel geführt hat. Dabei wurden sechs Menschen, die in Richtung Hennigsdorf unterwegs waren, leicht verletzt.
Wie aber kann es angehen, dass die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen nicht abschließen kann, weil ihr der jedem zugängliche Bericht nicht vorliegt? "Das muss förmlich abgearbeitet werden", argumentiert Thomas Fels, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Berlin. Förmlich heißt in diesem Fall: Die den Fall bearbeitende Staatsanwältin kann einen solchen Bericht nicht einfach aus dem Internet ausdrucken. Es gelte, den Dienstweg einzuhalten. Dafür ist laut Fels in diesem Fall folgendes Prozedere vorgesehen: "Der Bericht muss von der Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes an die Bundespolizei in Berlin geschickt werden. Diese muss ihn der Staatsanwaltschaft zusenden."
Die Gutachter der Bundesstelle untersuchten das Unglück nicht mit dem Ziel, Schuldige für das Unglück zu ermitteln. Ihnen ging es darum, die Ursachen für das Entgleisen der Bahn zu ermitteln und Vorkehrungen zu treffen, damit sich ein solcher Unfall nicht wiederholt.
Bereits am Tag des Unglücksfalls war klar, dass eine falsch gestellte Weiche zum Entgleisen des dritten und vierten Wagens geführt hatte. Zu klären war, ob direkt an der Weiche ein Schaden vorlag oder ob menschliches Handeln ursächlich war. Auf die Mitarbeiter, die während des Unglücks im Stellwerk Tegel arbeiteten, konnten die Gutachter nicht bauen. Beide verweigerten ihnen gegenüber ebenso wie bei der Bundespolizei die Aussage. Untersuchungen an der Weiche ergaben, dass diese einwandfrei funktionierte. Allerdings hatte am Tag zuvor ein Blitzeinschlag Schäden an den Bahnanlagen angerichtet. Daher musste jede Weiche vom Stellwerk aus bedient werden. Da dem Triebwagenführer kein Fehlverhalten nachgewiesen werden konnte, konzentrierten sich die Ermittlungen nun aufs Stellwerkpersonal. Dort waren ein Fahrdienstleiter und eine von ihm anzulernende Kollegin im Einsatz. Die Überprüfung der Handlungen im Stellwerk und die vorgefundenen Einstellungen auf dem Stelltisch ergaben, dass der Fahrdienstleiter die Weiche für den Zug nach Hennigsdorf korrekt gestellt hatte. Als der Zug die Weiche bereits mit zwei Wagen passiert hatte, wurde die Weiche aber umgestellt.
Welcher Mitarbeiter diesen Handgriff zu verantworten hat, ist dem sogenannten Zählwerke-Nachweis im Tegeler Stellwerk nicht zu entnehmen. Dies wurde nämlich ausgesprochen schlampig geführt. "Eine nachträgliche Überprüfung der S-Bahn GmbH ergab, dass 218 nachweispflichtige Bedienhandlungen nicht eingetragen waren", heißt es in dem Papier. Selbst eine Störung der Schranke am Tegeler Bahnhof sei nicht vermerkt worden.
Sollte es jemals zum Prozess kommen, muss der Richter hoffen, dass einer der beiden Mitarbeiter sein Schweigen bricht. Anderenfalls wird es wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben, wer den fatalen Handgriff tat. Den Fahrdienstleiter dürfte allerdings auf jeden Fall eine Mitschuld treffen. Denn er muss laut Bericht jeden Handgriff der anzulernenden Kollegin überwachen.
Für die S-Bahn hatte der Unfall ein teures Nachspiel. Im Bericht sind Schäden und Folgekosten von 1,3 Millionen Euro vermerkt.